Der schwere Jet donnerte über den feuchtheißen Dschungel. Navik sah fest auf die Kontrollen und zog die Maschine dann abermals in eine Schleife. Egal, wie gut sein Gegner war, er verstand es zu fliegen und hatte es tatsächlich fertig gebracht, ihn weit über den Dschungel von Narmor zu locken.

Narmor! Wie sich das schon anhörte. Jedoch hatten die Xasi, das Volk, dem Navik seit Geburt an angehörte, einige wirkliche gruslige Legenden über den Dschungelkontinent parat, auf dem schon seit einigen Jahrhunderten kein Flugschiff mehr gelandet war. Narmor, die grüne Hölle. Naja, eigentlich einfach mehr nur DIE HÖLLE.

Niemand flog freiwillig hierher.

Navik entsicherte nochmal seine Bordkanone, die er während der Schleife wieder in Standby geschaltet hatte. Der andere Pilot war wirklich geschickt, obwohl er keinen zweihundert Tonnen schweren Jäger zur Verfügung hatte, sondern nur ein Fluggerät in Billigbauweise mit nur zwei Raketen als Bewaffnung. Wie ein Khar ein solch primitives Fluggerät überhaupt bis hierher nach Narmor hatte steuern können, verwunderte Navik immer wieder.

Die Xasi beherrschten diesen Planeten hier nun schon seit sieben Generationen und bisher waren sie jedes Mal sehr gut mit den aufständigen Ureinwohnern fertig geworden. Doch seit einiger Zeit war eine merkwürdige Entwicklung zu beobachten. Naviks Flugbereitschaftsleiter nannte es den Wind von Narmor. Ein wirklich unheimliches Phänomen. Jedes Mal wenn der Wind aus der Richtung des fernen Dschungelkontinents blies, drehte die Natur auf dem größten Kontinent durch. Sie wurde giftiger, tödlicher und reaktionsschneller.

Beim letzten Wind von Narmor war ein gutes Drittel der Besatzer an giftigen Sporen einfach eingegangen. Die vertrockneten Leichen hatte man auf dem Hauptplatz der Basis verbrannt, verbrennen müssen, da sogar Ansteckungsgefahr bestand. Seitdem hatten die Xasi sich vorgenommen, ließen sie sich nicht mehr überraschen. Dementsprechend hart griffen sie durch. Die Khar wurden zu noch mehr Sklavenarbeit angehalten, während die Schmelzöfen nun Tag und Nacht liefen, um das benötigte Grundmaterial zu liefern, damit die Raumflotte der Xasi noch stärker, noch mächtiger, werden konnte.

Navik bemerkte aus den Augenwinkeln, daß das Papiergefährt des Khar hinter ihm aufgetaucht war und in einem höllischen Tempo auf ihn zuzustürzen schien. Beinahe schien es so, als würde der Khar mit Absicht an das Maximum der Belastbarkeit seines primitiven Flugschiffes gehen. Der Xasi reagierte blitzschnell, riß die Nase der eigenen Maschine nach oben, drosselte das Triebwerk und via eines Immelmanns brachte er sich wieder in eine stabile Fluglage, nun gut einhundert Meter und zwei Kilometer hinter dem primitven Khar-Fluggerät. Navik aktivierte den Waffenleitstand und suchte seine schweren Raketen heraus. Als diese sich auf sein Ziel eingeloggt hatten, zog er ohne nachzudenken den Abzug durch.

In einem Feuerball verging das primitive Fluggerät der Khar. Navik lächelte in sich hinein. Anscheinend hatte der Khar nicht gewußt, daß er es mit einem wirklich guten Piloten zu tun hatte. Der Xasi sah zu wie die brennenden Trümmer des Fluggefährts in den feuchten Dschungel fielen. Das Problem war erledigt. Nun mußte er nur noch zur heimischen Basis zurückkehren.

Navik beschleunigte bis auf Orbitalgeschwindigkeit und wies den Navigationscomputer an, ihn wieder zur Basis zurück zu bringen. Und dies ziemlich hurtig, weil er heute abend sich noch mit einer süßen Xasi-Krankenschwester im Krankenrevier treffen wollte, um sich ein wenig zu amüsieren. Der Jet beschleunigte also, katapultierte sich durch die Luftschicht und steuerte eine hyperbolische Flugbahn ein, die ihn nach drei Planetenumkreisungen zur Xasi-Basis bringen würde.

Die Trümmerteile des Khar-Flugzeuges schlugen brennend am Boden von Narmor auf. Millionen Augen beobachteten, wie der Xasi-Jet Fahrt aufnahm und durch die Atmosphäre mit einem Überschallknall brach. Milliarden wispernde Stimmen verständigten sich, teils hörbar, teils unhörbar. Kurz teilte sich der Dschungel, wie durch einen Wind aufgebracht, und zeigte eine verlassene, halb zerstörte Basis. Anhand einiger Beschriftungen war klar und deutlich zu erkennen, daß diese Basis nicht von den Xasi gebaut worden war, sondern um ein vielfaches älter war.

Erneut baute sich im Innerem des Kontinents der Wind von Narmor auf. So stark und mächtig, wie es nur selten und vielleicht nur alle tausend Jahre geschah. Die Khar waren einst auch von den Sternen gekommen und hatten den Kampf gegen Narmor verloren. Jedoch hatten die Überlebenden gelernt. Und im Verlauf von vielen Äonen waren sie ein Teil Narmors geworden. Heute erinnerten sie sich nicht einmal mehr an ihre alte, vergessene und aufgegebene Basis auf dem Kontinent Narmor selbst. Der Wind wurde stärker und stärker. Er ballte schrecklich Wolken zusammen und gewann immer mehr an Geschwindigkeit. Dann brach sich die Wut einer geschändeten Welt gnadenlos Bahn und der Wind von Narmor wehte wieder …

Nach der erfolgreichen dritten Umkreisung beendete der Navigationscomputer sein Programm und setzte in der Basis zur Landung an. Die Triebwerke donnerten, es zischte und brannte, dann war die Landung abgeschlossen. Die Luke kurz hinter dem Cockpit sprang auf und Navik kletterte ins Freie. Der Xasi war froh, endlich wieder Boden unter den Füßen zu haben. So gern er auch flog, manchmal war es schon unheimlich. Jedoch war es einfacher mit mehrfacher Lichtgeschwindigkeit zwischen den Sternen zu kreuzen, als sinnlosen Patrouillendienst auf einem primitiven Planeten zu schieben.

Navik sah sich irritiert um. Die Sonne war soeben im Aufgehen begriffen, jedoch rührte sich in der Basis gar nichts. Nicht einmal die sonst so neugierigen Khars näherten sich seinem Jäger. Ja, sie waren nicht einmal zu sehen! Navik war irritiert. Das Licht wurde heller und strahlender. Nun sah er es. Die Basis sah aus, als wäre ein tropischer Sturm über sie hinweg gefegt. Die Baumaschinen, die dabei gewesen waren, das neue Lager aufzurichten, lagen teilweise zerstört und auf der Seite liegend über den halben Raumhafen verstreut. Das Offizierkasino schien in der Nacht ausgebrannt zu sein, jedenfalls schwelbrannte es immer noch und dunkler, fettiger Rauch stieg von dort auf.

Der zweihundert Meter durchmessende Kugelraumer der Xasi lag halb zertrümmert und teilweise ausgebrannt weit im umgebenden Dschungel verteilt. Es schien fast so, als hätte ihn eine gewaltige Faust von seinem Platz gefegt und danach regelrecht zertrümmert. Auch dort rührte sich nichts mehr. Navik lief es eiskalt über den Rücken. Die Khar waren zu so etwas nicht fähig. Sie besaßen nicht die Technologie und auch nicht die Waffen, um solch einen Schaden anzurichten. Und wäre es eines der vielen feindlichen Imperien gewesen, mit denen die Xasi beinahe regelmäßig im Streit lagen, hätte sein Landecomputer ihm bestimmt ein entsprechendes Signal übermittelt, während sie im Anflug auf die Basis gewesen waren. Aber ein solches Signal war nicht erfolgt.

Allmählich rührte sich ein wenig Leben in der zerstörten Basis. Hier konnte niemand mehr leben, so viel stand fest. Und bis das Fehlen der Basis und ihrer Besatzung auffiel, würden mindestens zwei Monate vergehen. Vorher wurde ein Transportschiff aus dem Imperium nicht erwartet, um die abgebauten und raffinierten Erze abzuholen. Und zwei Monate ohne ihr technisches Equipment würden sich für die Überlebenden wie Jahre anfühlen.

Navik war klar, daß er der einzige Überlebende war, der vielleicht schneller Hilfe holen konnte. Nur dazu mußte er direkt wieder mit seinem Jet starten. Das Problem war nur, daß er vorher auftanken mußte, da er einen Großteil seines Treibstoffes während der Jagd nach dem Khar-Flugkörper verbraucht hatte. Ihm blieb keine andere Wahl. Er würde mit den Anderen hier bleiben und sich erst einmal einrichten. Solange zumindest bis Rettung kam.

Die Tage, die Monate, die Jahre, die Jahrzehnte vergingen. Die kleine Gemeinde der Überlebenden hatte sich wirklich häuslich eingerichtet und ohne die Hilfe der Khar wäre die kleine Xasi-Truppe wahrscheinlich verhungert. So jedoch schlossen beide Spezies einen Pakt und wurden Partner. Sie wurden ein Teil des symbiotischen Kreises von Narmor.

Dreißig Jahrzehnte später landete ein fünfhundert Meter großer Diskusraumer der Ari’sjako. Auch sie waren Eroberer. Vor Jahrhunderten hatten sie die Xasi besiegt und deren Heimatwelt nahezu komplett eingeäschert. Nun wollten sie die einzige noch übrig gebliebene Xasi-Kolonie ausradieren, um sich zu den alleinigen Herrschern der Galaxis zu machen. Die Khar’xasi begrüßten die Eroberer, wie sie es immer taten. Mit Proben jenes Materials, daß alle Eroberer immer wollten, und mit kleinen Gastgeschenken und Aufmerksamkeiten. Und dann machten sie den Ari’sjako klar, daß sie auf Narmor nicht als längere Gäste geduldet wurden. Schon am ersten Abend nach der Landung blies wieder der Wind von Narmor, und Flesk, der ferne Nachfahre eines gewissen Navik, lächelte wissend …


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