Ein langes und still und leise gehütetes Geheimnis der hessischen Wälder sind deren zahlreiche Flora und Fauna. So kann man im unteren Odenwald hier an der Bergstraße teilweise Kräuter besichtigen, die andernorts, wie im Schwarzwald, schon als ausgestorben gelten. [Hin und wieder helfen auch die landeseigenen Grünen nach, in dem sie seltene Arten in Gebiete pflanzen, in denen sie niemals heimisch waren.] Oder bei der Fauna mit zahlreichen wilden Wildschweinen, die durch die Orte marodieren und den einen oder anderen privaten Kartoffelacker mit ihren Schnauzen umgraben.

Schlimm ist das nicht. Schlimm ist aber das, welches sich das Rathaus der schönen Gemeinde Pfungstadt geleistet hat. Dieser Teil der niederrheinischen Tiefebene ist dafür bekannt, daß hier bei uns sehr oft das große Maikäferschwärmen einsetzt. Nicht regelmäßig, aber der 27 Jahre-Schnitt wird immer eingehalten, [Je nach Sonnenaktivität. Ist sie so ruhig, wie derzeit, kann aus diesem Zyklus auch ein 30jähriger werden.] So kommt es, daß nicht immer sehr viele Maikäfer schwärmen und zum Hochzeitsflug aufbrechen, nach dessen Ende die wunderschönen Käfer jämmerlich verrecken.Dieser Blog hier hat schon einmal über das Problem berichtet, welches die Kaliumausbringung im Odenwald mit sich brachte. Seitdem kann man hier eine der größten Skarabäen-Kolonien in ganz Deutschland bewundern. Im Sommer findet man auf den Waldwegen im Schnitt mehr als 2000 tote Exemplare, von den Lebenden einmal ganz zu schweigen. Dieser Blog machte vor Jahren schon darauf aufmerksam, daß die Kaliumausbringung das natürliche Gleichgewicht stören könnte. Immerhin zerstört das Kalium zwar den Maikäfer-Engerling, läßt aber die Skarabäen unbeschadet, die daraufhin sogar noch größer zu werden scheinen. [Das größte, selbstgefangene Exemplar eines Skarabäus aus dieser Gegend maß eine Länge von 3cm bei einer Breite von 2cm. Und dies bei einer Art, die normalerweise nur 2cm lang und 1cm breit wird.]

Nachdem dieser Blog darüber berichtete und auch dafür Sorge trug, daß die Bedenken an den richtigen Stellen ankamen, verzichteten die Waldgemeinden an der Bergstraße auf die offensichtliche Maikäferbekämpfung, um die Fauna nicht noch mehr durcheinander zu bringen. Zwar wurde noch keine Zählung der Skarabäen durchgeführt (dies steht ab August wieder an), aber der Wald scheint sich von den Kaliumausbringungen und den Sprühaktionen gegen den Maikäfer so weit wieder erholt zu haben.

Ja, aber nicht überall. In unserer unmittelbaren Nachbarschaft (ca. 6 Km., wenn man den Straßenschildern glauben darf), befindet sich die wunderschöne kleine Stadt Pfungstadt. Pfungstadt hat ein paar Einwohner mehr als Seeheim, deshalb nennen sie sich auch schon selbstherrlich Stadt. Obwohl außer dem Kämmerer so eigentlich keiner weiß, wie Stadtratsarbeit zu funktionieren hat. Oft trifft der Bürgermeister des schönen Pfungstadt Entscheidungen, für die dann die umliegenden Gemeinden bluten dürfen. [Vor einigen Jahren erwischte es das kleine Hahn in Richtung Griesheim, daß sich von der pfungstädter Selbstherrlichkeit immer noch nicht ganz erholt hat.]

Nun ist es so, daß wir hier, in diesem Teil Hessens regelmäßig größere Mengen von Maikäfern haben. Die großen, braunen Gesellen konnte man in meiner Kindheit hier zu Dutzenden fangen. Mittlerweile, nach diversen perversen Vernichtungsaktionen ist es schon ein Wunder, wenn man mal wieder einen fliegen sieht. Es ist jedoch auch so, daß sich die Population relativ schnell erholt, da auch Maikäfer geburtenstarke Jahrgänge kennen. Genau das ist nämlich der Grund, warum Pfungstadt in der Causa Maikäfer so Amok läuft: In den pfungstädter Wäldern wird vor einer regelrechten Maikäferflut, ja -invasion gewarnt. Und da Maikäfer angeblich alles kahl fressen, mit dem sie in Berührung kommen, sah sich die Bürgermeisterei gezwungen, dieses Jahr wieder etwas zur allgemeinen Bekämpfung zu unternehmen.

Das dumme an der ganzen Sache ist jetzt nur, daß der ausgebrachte Wirkstoff im Verdacht steht, auch gegenüber von Menschen toxisch zu wirken. Wirklich dumm gelaufen, wenn man sich vorstellt, daß Maikäfer nun absolut nichts mit Säugetieren gemein haben. Das Dimethoat jedoch ein kleines Mittelchen aus der Hexenküche ist, dessen genaue Indikationen man noch nicht einmal vollständig kennt – nicht einmal im Ansatz.

Deshalb war die Gemeinde Pfungstadt dann auch bereit, einen ihrer Stadtwälder entsprechend als chemisches Versuchslabor zur Verfügung zu stellen, um der „angeblichen“ Maikäfer-Plage Herr zu werden. Nun ist es so, immer wenn gefährliche Chemikalien ins Grundwasser geraten, ruft der BUND gleich die große Katastrophe aus. Manchmal vergebens, weil sich keine entsprechenden Anzeichen ergeben, daß ein besonderer Wirkstoff eben besonders gefährlich ist – weshalb er dann auch als „besonders“ eingestuft wird. Dummerweise ist dies hier bei Dimethoat nicht gegeben. Man weiß, daß es ein experimentelles Insektizid ist. Und wenn dann noch die Umweltbeauftragte der Gemeinde davon spricht, daß es richtig selektiv reagiert und bisher kaum andere tote Insekten unter den Maikäfern gefunden wurden, sollte man hellhörig werden.

Die Sprühaktion gegen den Maikäfer soll noch einmal Ende des Monats wiederholt werden. Wenn bis dahin keiner der pfungstädter Bürger – der im fraglichen Zeitraum nicht in dem fraglichen Waldgebiet unterwegs war – inzwischen an den Nebenwirkungen dieses Insektizids verreckt ist. Hier beschwert sich nun der BUND mit Recht, da die Windverhältnisse in den vergangenen Tagen nicht eben optimal waren und das Gift auch in Bereiche kam, die nicht als Supertestgebiet dieses Insektizids ausgewiesen waren. Es wird also Folgen haben.

Für die Maikäferfreunde sei an dieser Stelle nur eines gesagt: Die lieben Tierchen sind als äußerst anpassungsfähig bekannt. Die kommenden Generationen von Maikäfern, die hier durch die Luft schwirren, dürften demnach also eine gewisse Immunität gegen dieses Allroundinsektizid entwickeln, sollte tatsächlich noch ein weiteres Mal gesprüht werden. Was nicht zu hoffen ist, weil dies nämlich dann wieder einmal auf die Unbelehrbarkeit von Politikern hindeutet, auf die dieser Blog nahezu ständig hinweist.

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