Ghroar war ein großer Krieger. Naja, nicht ganz so groß. Er maß gerade einmal zwei Meter fünf und war ziemlich breit gebaut. Seine Muskelberge schienen regelrecht zu tanzen, wenn er sich bewegte. Ghroar war etwas Besonderes. Schon von Kindesbeinen an hatte er trainieren müssen. Jeden Tag hatte er mit den anderen Kindern zuerst den Pflug gezogen, bevor er dann Gewichte stemmte, um seine Kraft noch mehr zu steigern. Irgendwann einmal war dann ein Krieg ausgebrochen, der sein Heimatdorf zerstörte.

Heimatlos geworden war er dann nach den Kämpfen durch die Lande gezogen, hatte mal hier, mal da, gearbeitet und sich ansonsten nicht viel aus seinem Leben gemacht. Er war fünfzehn Winter alt gewesen, als er einen Räuber auf offener Straße erschlagen mußte, der sich wirklich an seinen Muskelberg herangetraut hatte. Danach besaß er ein primites Schwert und eine mehr als lächerliche Rüstung.

Und dann erwischten ihn die Sklavenjäger. Mehrere Jahre diente er dann auf Galeeren als Ruderer, oder als Hafenpacker und Lagerer. Keine schöne Zeit, aber in dieser wuchsen seine Muskeln noch mehr. Ghroar erwarb schnell den Ruf eines starken Mannes, Macht besaß er da noch keine. Das mit der Macht war erst sehr viel später gekommen. Aber das Leben ging weiter. Als Sklave behandelt und weiter verkauft, bereiste er dann zuerst die östlichen Gefilde, bevor es ihn in die Hafenstadt Nubas’ra verschlug.

Hier begann dann seine eigentliche Karriere als der Krieger, der er heute war. Ghroar war nicht dumm, er war nicht geistig zurückgeblieben und trotz seiner Stärke war er eher der friedliche Typ. Sein Herr schickte ihn als Gladiator in eine der Arenen von Nubas’ra. Nach fünf Jahren als Gladiator wettete er auf seine Freiheit und gewann. Dafür mußten dann zehn andere Gladiatoren an diesem Tage sterben. Als freigelassener Gladiator stand ihm ein Lohn für die in den Arenen verbrachte Zeit zu und so wurde er noch wohlhabend dazu.

Doch dies genügte Ghroar einfach nicht. Er verdingte sich in der Armee des Sultans von Ag’dad und eroberte Nubas’ra für diesen vor nicht ganz zehn Jahren. Da war er gerade einmal Ende Zwanzig gewesen und galt zu diesem Zeitpunkt bereits als der stärkste und cleverste Kriegsheer des Reiches. Dann kam die Revolution der Händler und Ghroar erinnerte sich noch an die Massaker, die er im Auftrag des Sultans vollziehen mußte. Es gefiel ihm nicht, aber er tat es und fiel dabei die Leiter in der militärischen Hierarchie geradezu in Rekordzeit hinauf.

Heute war er der oberste General des Sultans von Ag’dad und gleichzeitig der Kommandeur der Leibwache. Es waren unruhige Zeiten. Schon immer gewesen. Und die Welt war auch eine andere geworden, seitdem die Sonne stärker schien als jemals zuvor. Die Dürre hielt lange, lange an. Doch Ghroar hatte sein Vermögen vor vielen Jahren intelligent angelegt und die Gelder, die seitdem herein kamen, reichten aus, daß er in Wohlstand leben konnte. Jedenfalls lebte er stellenweise besser als es sein Herr, der Sultan, tat.

Nun besaß Ghroar eine Macht, die er niemals hatte haben wollen. Nun war er Jemand. Ein einfacher Bauernsohn, der durch seine Kraft und seinen Kampfeswillen es sehr weit gebracht hatte und heute als einer der mächtigsten Männer in der Welt galt. Aber Ghroar war gegenüber seinem Herrn loyal. Zumindest, wenn man das, was er darunter verstand, als Loyalität bezeichnen konnte.

Jeden Tag übte Ghroar mit Gewichten, um seine Kraft zu halten. Er war kein junger Mann mehr, er war langsamer geworden, aber seine Kraft besaß er noch. Es war für ihn noch kein Problem, einen Baumstamm oder einen Menschen mit seinem Bidehänder durchzuschlagen. Nur das Moralische daran machte ihm zu schaffen. Als ehemaliger Gladiator kannte er die tödlichen Stellen am Körper eines Menschen und es kam nicht selten vor, daß er Nachts gedungene Mörder im Palast töten mußte. Dann tat er es, wie er es in den Arenen gelernt hatte. Mit wenigen Hieben tötete er seinen Gegner oder machte ihn rasch kampfunfähig.

Nur eines fehlte Ghroar in der ganzen Zeit. Eine Partnerin, eine Frau, eine Gespielin an seiner Seite. So oft er auch vom Sultan gebeten wurde, sich im Harem zu vergnügen, lehnte er ab. Nicht, daß die Frauen im Harem unschön oder verwachsen waren. Nein, diese Frauen waren Eigentum seines Herrn. Daran würde er sich niemals vergehen. Der Sultan war ein fairer und anständiger Mann, umso häufiger kam es dann Nachts auch zu Übergriffen, die Ghroar mit seiner Leibgarde abwehren mußte. Oft überließen ihm seine Soldaten den gedundenen Mörder und schauten nur darauf, daß er einem Kampf mit ihm nicht ausweichen konnte.

Ghroar war der stärkste Mann am Hof. Ghroar war etwas ganz Besonderes. Er war nicht gerne Killer. Aber er tötete, wenn es die Situation erforderte oder wenn das Leben des Sultans in Gefahr war. Oh wie einfach war das Leben in den Arenen gewesen, wo er einmal in der Woche eine schöne Sklavin zugeführt bekam, damit er sich amüsieren konnte. Doch nun, als freier Mann, wo er frei unter den vielen freien Frauen der Stadt wählen durfte, war ihm der Spaß vergangen und er wollte nur noch eine, die nur ihm allein gehörte. Kein Straßenflittchen oder eine bezahlte Hure. Nein, er wollte eine wirkliche Frau an seiner Seite.

Der Sultan kannte sein Problem und für seinen besten General stürzte er sich oft in Unkosten, zwang aber, auf die Bitte Ghroars, nicht mehr seine Armee Jungfrauen zu beschaffen. Also blühte wieder der Sklavenhandel. Genau jener Handel, der einst auch Ghroar in seine jetzige Position gebracht hatte. Vermögen hatte er genug. Oft beschenkte ihn der Sultan mit neuen Reichtümern, neuen Gütern, die irgendwo in der Weite des Landes lagen, oder mit kleine Preziosen, damit er ihm wohlgesonnen blieb.

Ghroar war bei allen wichtigen Besprechungen anwesend, mischte sich aber selten in die Gesetzgebung ein. Warum sollte das Leben für das einfache Volk fairer werden, wenn das Leben nicht einmal zu ihm fair gewesen war? Nur in einer unfairen Welt konnte man es zu etwas bringen. Nur in einer harten, ungerechten, grausamen Welt konnte man sich einen Status aufbauen und diesen auch sichern.

Mit Grausen dachte Ghroar an die letzte Muulemjagd zurück. Die Verkünder des Gottes hatten wirklich versucht in Ag’dad einen Tempel zu bauen. Als das Volk von ihrer Lehre beschmutzt wurde, rückte Ghroar mit einer halben Legion aus, um dem Spuk ein Ende zu machen. Hunderte waren an jenem Tag gestorben und in den darauf folgenden Dutzend Sonnenumläufen noch einmal genauso viel. Jedes Haus, daß sich zu diesem Kult bekannt hatte, wurde systematisch und komplett ausradiert. Männer, Frauen, Kinder und Sklaven. Alle fielen sie durch Ghroars starken Bidehänder. So lange war diese Jagd noch nicht vorbei.

Die nächste Chi’istenjagd würde auch noch in dieser Woche starten. Die Chi’isten waren ein ganz ekliges Pack. Sie liebten sich mit ihren Sklaven, was man eigentlich nur dem Eigentum untereinander gestattete. Sie behandelten die Menschen gut. Für Ghroars Dafürhalten viel zu gut. Also hatte er den Sultan gebeten, auch hier einem weiteren umsichgreifen dieses Kultes ein Ende zu setzen. Chi’isten konnten mit einem Schwert umgehen, im Gegensatz zu den Muulems.

Ghroar erinnerte sich noch einmal an das, was ihm einst ein Lehrer von ihm beigebracht hatte. Damals war er noch Gladiator in einer der Arenen gewesen. Vor vielen tausend Sonnenumläufen waren die Menschen von den Sternen gekommen, um die Welt zu besiedeln. Sie hatten ihre alte Heimat in der Hoffnung verlassen, Welten zu finden, in denen sie ihre Religionen ausleben konnten, ohne Angst davor zu haben, von der Regierung ihrer Heimat gegängelt zu werden. Sie hatten alle ihre heiligen Schriften mitgebracht. Davon viele in großen schwarzen Kästen, die heute nicht mehr funktionierten und die sowieso niemand bedienen konnte.

Und dann war das Licht greller und heller geworden. Zuerst hatten die Siedler noch an ihre Götter gebetet, aber nichts war geschehen. Bis dann eines Tages ein Mann auf die Idee gekommen war, mit der Beterei aufzuhören und zu retten, was zu retten war. Viele der alten Städte wurden damals verlassen. Nubas’ra nicht. Dies war noch eine der alten Städte, auch wenn sie sich in den letzten Jahrhunderten stark verändert hatte. Die Leute zogen aus den alten Städten fort und bildeten viele kleine Dörfer. So begann dann die Kriegerkultur, der sich heute jeder Pilgrim verpflichtet fühlte. Auch Ghroar war ein Pilgrim, aus Überzeugung.

Zwar konnte kaum noch einer die alten Bücher lesen oder richtig verstehen, aber sein alter Lehrer vor so vielen Sommern hatte Ghroar gelernt, dem geschriebenen Wort nur dann zu trauen, wenn er es selbst verfaßt hatte. Die alten heiligen Schriften waren nicht mehr weiter wichtig. Es gab viele gedruckte Bücher aus der alten Zeit noch, aber kaum noch jemand las sie. Der Sultan selbst besaß in seinem Serail eine gewaltige Sammlung von diesen Werken, aber sie standen nur herum, wurden gepflegt, aber nicht gelesen.

Ghroar hatte damals gelernt, daß die Religionen schrecklich waren, immer nur Unglück über die brachten, die an sie glaubten. Deshalb glaubte er nur an die Kraft des Schwertes. Einen Gott hatte er nicht. Er besaß einen Bidehänder, den nur er heben konnte. Ja, so stark war er. Deshalb bezeichnete er sich auch selbst als Pilgrim. Genauso wie die anderen, die mit ihm gegen die Religionen kämpften. Ghroar mußte amüsiert auflachen, als er sich daran erinnerte, daß sein alter Lehrer einst zu ihm gemeint hatte, daß die ursprünglichen Siedler sich den Namen Pilgrims gegeben hatten, weil sie als Pilger in die neue Heimat gekommen waren, um hier ihren Glauben frei praktizieren zu können.

Der oberste General des Sultans freute sich schon auf den heutigen Abend. Heute nämlich würde einer der östlichen Sklavenhändler dem Sultan selbst seine neu eingetroffene Ware zeigen. Vielleicht war ja diesmal etwas darunter, an dem Ghroar Gefallen finden könnte. Der Sultan hatte ihm ein Geschenk versprochen, weil er immer so gute Arbeit leistete. Ghroar freute sich wirklich darüber. Dies kam nicht oft vor, daß ein Sklavenhändler die Erlaubnis erhielt mit seiner Ware in den Palast kommen zu dürfen. Heute Nacht würde also wieder etwas ganz Besonderes werden. So wie Ghroar auch etwas Besonderes war.


Die KurzgeschichtensammlungDas Serail“ gehört mit zu meiner Science-Fiction-Serie „Cosmic Dust„. Eigentlich war dieser Teil nur als Hintergrundmaterial für die eigentliche Serie gedacht, um den Werdegang der PILGRIMs näher zu beleuchten und auch ihre Intentionen und Moral näher zu erklären. [Dieses Material darf nur nach vormaliger schriftlich eingeholter Erlaubnis an dritter Stelle publiziert werden. Für dieses gilt nicht die Piratenlizenz.]

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