Eugenik

„Minderwertige Bevölkerungsteile“

Eugenik und Rassenhygiene – ein Teil der Moderne Die Überraschung, mit der die Öffentlichkeit auf die Meldungen über Sterilisationen in demokratischen Ländern nach 1945 reagierte – etwa im sozialdemokratischen Schweden und Dänemark –, ist Ausdruck langjähriger Ausblendung von Eugenik, Rassenhygiene und Sterilisation.

Die zwangsweise Sterilisation von gut 400 000 Frauen und Männern während des Nationalsozialismus und die Ermordung von gut 200 000 behinderten Menschen in Deutschland während des Zweiten Weltkrieges hatte dazu geführt, daß Eugenik und Rassenhygiene als ein Phänomen begriffen wurden, das von rechten politischen Kräften genutzt wurde, um die »Rasse« durch »Ausmerzung« vermeindlich schlechten Erbgutes »aufzuarten«. Mit dem Niedergang des Nationalsozialismus, so die langjährige Auffassung, habe auch die Eugenik und Rassenhygiene ihren Nährboden verloren. In diesem Verständnis der Eugenik und Rassenhygiene wurden allerdings fünf zentrale Aspekte nicht wahrgenommen.

Erstens wurde Eugenik und Rassenhygiene als Strategie zur Aufartung einer bestimmten Menschengruppe von allen politischen Kräften propagiert. Eugenik und Rassenhygiene beeinflußten die Politik von SozialdemokratInnen und KommunistInnen genauso wie die Politik von NationalsozialistInnen, Liberalen und Konservativen. Eugenik und Rassenhygiene gehörte spätestens seit den 20er Jahren zum allgemein anerkannten Wertekanon in der Gesellschaft.

Zweitens war die eugenische Politik der NationalsozialistInnen nur die extreme Ausprägung einer Ideologie, die sich in fast allen Ländern der Welt finden ließ. Eugenische Bewegungen mit eigenen Gesellschaften, Zeitschriften und Forschungsinstituten gab es in allen Ländern Europas, in Nordund Südamerika, in Japan, Indien und China und sogar in einigen afrikanischen Kolonien.

Drittens waren eugenische Politik und Mordpolitik an geistig behinderten Menschen nicht automatisch miteinander verbunden. Der Krankenmord im Nationalsozialismus war nicht die konsequente Weiterführung einer Eugenikpolitik; vielmehr wurden Eugenik und Euthanasie als zwei verschiedene Phänomene begriffen, die höchstens punktuell zusammenfielen.

Viertens war Eugenik nicht eine Politik, die nur von »Pseudo-WissenschaftlerInnen« betrieben wurde, sondern viele der führenden EugenikerInnen des 20. Jahrhunderts gehörten zur wissenschaftlichen Spitze ihrer Zeit.

Fünftens endete 1945 weder die politischen Versuche zur genetischen Verbesserung der »Rasse« durch die Sterilisation von behinderten Menschen, noch wurden eugenische Forschungsansätze eingestellt. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg gab es noch eugenische Gesellschaften zum Beispiel in den USA und in Europa. Eugenische Forschungsansätze wurden in den sich neu etablierenden Wissenschaften der Bevölkerungswissenschaft und der Humangenetik fortgesetzt. In einigen Ländern wie Japan wurden eugenische Sterilisationsgesetze gar erst nach 1945 eingeführt.

Diese Differenzierungen sind sehr wichtig: Eugenik und Rassenhygiene war nicht Ausdruck einer »dunklen Macht«, die mit ihrer menschenverachtenden Politik einen Schatten über moderne Gesellschaften legte. Vielmehr war Eugenik und Rassenhygiene häufig eng mit modernistischen Ansätzen in der Gesellschaft verflochten.

Die Etablierung der Eugenik als Wissenschaft war im 20. Jahrhundert nur dank ihrer Internationalisierung gegeben. Ziel der EugenikerInnen und RassenhygienikerInnen war es, durch einen intensiven internationalen Kontakt intersubjektive Standards der Wissenschaft zu erreichen.

Interessanterweise waren es gerade die rassistisch orientierten EugenikerInnen und RassenhygienikerInnen, die in den internationalen Zusammenschlüssen Eugenik und Rassenhygiene als eigenständige Wissenschaft präsentierten. In den 20er und 30er Jahren versuchten die EugenikerInnen in der internationalen Bewegung die Eugenik als Wissenschaft gerade dadurch zu stabilisieren, daß sie die Rassenforschung intensivierten und professionalisierten. (…)

Text: Stefan Kühl*: http://www.uni-koeln.de/phil-fak/philtrat/22/2212.htm (20. 04. 2003)

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1 Kommentar on EUGENIK! SIND DIE BEFÜRWORTER DIESER IDEOLOGIE WIEDER ODER IMMER NOCH ZU GANGE?

  1. prada sagt:

    Die Etablierung der Eugenik als Wissenschaft war im 20. Jahrhundert nur dank ihrer Internationalisierung gegeben. Ziel der EugenikerInnen und RassenhygienikerInnen war es, durch einen intensiven internationalen Kontakt intersubjektive Standards der Wissenschaft zu erreichen.