ein Exkurs

Ich werde im folgenden  versuchen,den Mordfall

anhand zur Verfügung stehender temporärer Fakten

näher zu beleuchten.

Ob sich aus temporalen Zusammen-

hängen auch kausale ergeben, bleibt der Wahrnehmung

des geneigten Lesers überlassen…In dubio pro reo.

Um diese meine Methode zu veranschaulichen werde

ich sie heute anhand einer Zeitungsente der kassenärzt-

ichen Vereinigung demonstrieren. Ich habe diese Ente

ausgesucht, weil insofern Parallelen zu Fausts Gretchen

bestehen, als es in Goethes Faust ein Arzt ist, der

Gretchen verführt,geschwängert und ihr Leben zer-

stört hat. Die reale dramatische Vorlage beweist,dass

durch ein Todesurteil, das sich auf ein medizinisches

Gutachten und ein Geständnis, das unter Androhung

von Folter zustande kam,stützte, Susanna Margaretha

Brand am 14.1.1772  um 10 Uhr morgens an der

Hauptwache geköpft worden ist…

Mir geht es darum zu erforschen, wieviel Goethe von

den Hintergründen wusste und ob er im Faust eine

Spur von Indizien hinterlassen hat, die den Leser

zur Wahrheit oder gar in die Irre führen soll.

Wir werden sehen.

Nun also zuerst die Zeitungsente:

Rechtzeitig vor dem 11.11. 2008 macht die kassenärzt-

liche Vereinigung Hessen mittels eines Flyers, der

auf dem Deckblatt einen abgedrehten Wasserhahn, aus

dem zwei Pillen tropfen und das unter der Frage

ABGEDREHT ? zeigt, auf ein fundamentales Problem

aufmerksam:

Trotzdem laut Flyeroton die hessischen Ärzte Meister

im sparsamen Verordnen seien, sei die per Gesetz

und anschließender Verhandlung mit den Krankenkassen

durch ein unabhängiges Schiedsamt getroffene

Festlegung über die Summe, die als Budget für

Arzneimittel zur Verfügung ständen, schon bis zum

11.11.2008 voraussichtlich aufgebraucht.

Es handelte sich hierbei um eine Summe von 1,575

Milliarden Euro- für Hessen. Diese Summe wurde in

Hessen von den Kassen der kassenärztlichen Vereinigung

zur Verfügung gestellt. Diese Vereinigung sorgt für

die ambulante medizinische und psychotherapeutische

Versorgung der Bevölkerung in Hessen. Sie bestand

2008 aus ca. 10000  Ärzten und 1500 Psychologischen

Psychotherapeuten sowie Kinder- und Jugendlichen-

psychotherapeuten. Das bedeutet umgerechnet, dass

allen diese Ärzten 2008 etwa 136956

Euro, pro Monat 13695 Euro und pro Tag 456 Euro

für Arzneimittel zur Verfügung standen. Alle darüber

hinaus gehenden Ausgaben würden- so die Warnung

des Flyers- den Ärzten von Honorar abgezogen werden.

Und da sie weiterhin dazu verpflichtet seien medizinisch

notwendige Medikamente zu verordnen, bestünde

der Bedarf das Gesetz, auf dem diese Misswirtschaft

basiere, auf Initiative von hessischen Bundestagsabge-

ordneten zu ändern. Dazu rief die KVA zu einer

Unterschriftenaktion auf.

Nun könnte man sich fragen, welche Medikamente

denn die etwa 1500 Psychotherapeuten regelmäßig

verordnen und was Freud von dieser Art der medi-

kamentösen Therapie gehalten hätte-Psychoanalyse

unter Drogeneinfluss??? Und ob es wirklich im Interesse

der Bevölkerung Hessens sein kann, dass es bald

bundesweit Ritalin für alle gibt…oder in wessen Interesse

diese bundesweite Förderung der Ruhigstellung

eines ganzen Landes liegen könnte… Nun, soviel

erst einmal zu diesem in der Tat vorgezogenen

Karnevalsscherz.

In der Dezember Ausgabe  der Zeitschrift „Nature“

diskutieren Wissenschaftler allen Ernstes über genau

diese Frage und kommen zu dem Fazit:

„Wir sollten Methoden zur Steigerung unserer geistigen

Leistung willkommen heißen! In einer Welt, in der

Arbeits-und Lebensspannen anwachsen,werden Mittel

zur Verbesserung unserer kognitiven Leistung –

pharmakologische inbegriffen- zunehmend

wertvoller für eine bessere Lebensqualität, für eine

verlängerte Arbeitsproduktivität ebenso wie für

die Verhinderung des normalen oder pathologischen

altersbedingten kognitiven Verfalls.“

Diese Zeitungsente ist der reinste Fortsetzungsroman,

denn im Januar des darauffolgenden Jahres erhebt

urplötzlich Andreas Köhler, der Chef der kassenärzt-

ichen Bundesvereinigung KBV, ernste Vorwürfe gegen

Kassenvertreter. Diese würden „versuchen, Ärzte zu

ködern, um Diagnosen zu korrigieren.“

Was dies mit Gier oder Bestechung zu tun haben soll,

versteht man nicht, wenn man nicht das kurze

Intermezzo einer Gesetzesveränderung mitverfolgt

hat…Woher war auf einmal soviel Geld da, dass die

früher angeblich so knausrigen Kassenvertreter,mit

denen man sich per Schiedamt einigen musste, auf

einmal soviel Geld in der Kasse hatten, um damit

Ärzte zu bestechen und das bundesweit???

Handelte es sich  nur um den Versuch der Kassen auszuloten,

welcher Arzt bestechlich ist und wer nicht?

Mitnichten, denn im Januar 2009 wurden die Gebete

der hessischen Kassenärzte erhört und es wurde von

oben der Gesundheitsfonds verordnet…Dieser beinhaltet

ein neues Umverteilungssystem, nämlich den morbi-

RSA- zu deutsch : den morbiditätsbasierenden Risiko-

strukturausgleich….So funktioniert direkte Demokratie.

Da kann man man nur staunen über das Agitations-

potential hessischer Kassenärzte…Und über die

Solidarität der Patienten mit ihren Ärzten…Wow,

das sollte Schule machen.

Nun erhalten die Krankenkassen aus diesem Gesund-

heitsfonds umso mehr Geld, je mehr Patienten mit

chronischen Krankheiten  zu ihren Mitgliedern zählen.

Je höher die Zahl der Morbiden, desto mehr wird

bezahlt, könnte man boshaft vermuten. Chroniker

brauchen ja regelmäßig ihre Medikamente, sie sind

für den freischaffenden Arzt, der sich mit einem

Eintrittsgeld von 10 Euro pro Quartal wie ein Über-

lebenskünstler gerade noch so über Wasser halten

kann, wie die Stammkundschaft für den Kneipenwirt.

Alleine mit Laufkundschaft kann man keine Praxis

am Leben erhalten…All die Investitionen in die

Einrichtung, die Mitarbeiter und die Betriebskosten

und die Arzneimittelkosten…Mich wundert es ohnehin

wie die armen Kassenärzte überhaupt noch Gewinn

erwirtschaften können. Wahrscheinlich liegt ihr

Unterhalt unter dem eines Hartz 4 Empfängers…Ja,

betreten sie mal als Langzeitarbeitsloser ein vollbesetztes

Wartezimmer, das ist so als ob sie als Gastarbeiter

eine deutsche Szenekneipe betreten und dann treten

sie dem Thekenpersonal unter die Augen, dann werden

sie sehen was christliche Nächstenliebe bedeutet…

Sprich für wen nur die Hälfte des Beitragsatzes gezahlt

wird, der zählt auch insgesamt weniger…

Und dann erst das neidische Gesicht des Arztes,

der sich ja als Freiberufler teuer selber bei den Kollegen

versichern muss. Obwohl er sich das als Arzt doch

eigentlich ersparen könnte…Denn krankschreiben

kann er sich notfalls selbst- auf eigenes Risiko,

dann bleibt halt die Praxis zu…Vielleicht war das

der eigentliche Grund für die vielen Urlaube nieder-

gelassener Ärzte VOR dem Gesundheitsfonds-das Geld

hätte sonst nicht gereicht und so machte man halt

von der Pharmaindustrie gesponsorte Ferien auf

Ibiza…Wie soll man auch sonst bei Verdienstausfall

überleben? Ja, Arbeit muss sich wieder lohnen, sonst

greifen diese römischen Dekadenzen immer weiter um

sich- sogar bis nach Bayern.

Hier sei noch ein vorweihnachtlicher Brief vom 17.12.

2008 zitiert, geschrieben von Dr. W. Hoppenthaller,

dem Chef des bayrischen Hausärzteverbandes an

die bayrischen Hausärzte …

AOK VERTRAG“

Liebe Kollegen und Kolleginnen,

die AOK – Bayern sichert das Überleben der Hausarzt-

praxen! Die Aok hat mit uns folgenden Vertrag

geschlossen….

a) kontaktunabhängige Pauschale von 5,50 Euro um

Verluste durch die Abrechnung über die kassen-

ärztliche Bundesvereinigung abzufangen.

b) kontaktabhängige Pauschale von 50 Euro. Diese

Pauschale teilt sich auf in eine Fixpauschale von 48

Euro und 2 Euro, die durch Hausbesuche „verdient

werden müssen“.

c) Chroniker bzw. RSA -Zuschlag in Höhe von 26 Euro.

Jeder Patient, den sie als RSA -Patienten identifizieren,

bringt mehr Honorar.

d) Vorsorgeleistungen: Krebsvorsorge Männer, Frauen

und Kindervorsorgen nach EBM mit einem Punkt-

wert von 50 Cent.

e) Impfleistungen entsprechend dem KBV-AOK Vertrag.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir können Ihnen nur

empfehlen, alle bisher noch nicht eingeschriebenen

AOK Patienten noch im ersten Quartal einzuschreiben.

Als Gegenleistung für das Entgegenkommen

der AOK bitten wir Sie nochmals, eine ent-

sprechende Codierung bei den AOK Patienten

vorzunehmen. Nur eine AOK, die die entsprechende

Zuzahlungen über den Risikostrukturausgleich

erhält,kann diesen Vertrag auf Dauer bedienen.

Wir werden diesen Vertrag den Ersatzkassen und den

Betriebskrankenkassen mit der Bitte um Unterschrift

zuleiten. Sollten sich diese verweigern, sähen wir

keine Möglichkeit mehr, deren Versicherte auf Dauer-

außer im Notfall- zu behandeln.

Schönes Fest und guten Rutsch!

Ja so sieht sie aus die christliche Nächstenliebe!

Identifizierung aller chronisch Kranken um Gelder

aus dem morbi RSA zu kassieren…Das klingt

irgendwie nach Registrierung und Kopf(geld)pauschale.

Das hat was kriminalistisches, da bekommt das Wort

Untersuchung gleich einen juristischen Beigeschmack.

Eine Untersuchung, die der Identifizierung als RSA

Patient dient, als Chroniker, für den der Risikostruktur-

ausgleich geschaffen wurde….Vielleicht daher auch

der neue Gesundheitspass mit Foto…Es soll ja

versehentlich vorgekommen sein, dass Ärzte die

Pillen für die tote Oma abgerechnet hatten, weil

die pflegende Enkelin so kriminell war, sich einfach

deren Gesundheitskarte anzueignen…Das war dann

anscheinend der mortilitätsbasierende Hausbesuchs

ausgleich,kontaktabhängig,aber man kann sich ja

nicht alle Gesichter seiner Patienten merken…

Doch wer untersucht die Untersucher, um mal

frei nach Tucholsky zu schwafeln???

Wer untersuchte die Untersucher, die eine junge

Frau von 24 Jahren von einem jungen Mann von

26 Jahren haben köpfen lassen???

Wie stand es um das städtische Gesundheitssystem

in Frankfurt 5 Jahre vor Gründung der USA und

18 vor der französischen Revolution, bei der ja auch

mittels der Erfindung eines Arztes viele Köpfe rollten?

Wie stand es um das Rechtssystem dieser heimlichen

Hauptstadt Europas zum Ende des zweiten großdeutschen

Kaiserreiches unter der Ägide der Mutter Marie

Antoinettes ? Und wie erlebte all dies der frischgebackene

Jurist Goethe, dessen Elternhaus kaum einen Steinwurf

von der Hinrichtungsstätte entfernt stand? Und der

sich sehr für Medizin interessierte, seitdem er in

Straßburg zu Ende studiert hatte? Wie sah es mit

dem Bildungssystem der freien Reichsstadt aus, wie

mit den verschiedenen Gesellschaftsklassen. Wie waren

die Möglichkeiten des Auf- und Abstieges…Und nicht

zuletzt, was dachte Susanna Brandt, als sie das Schaffott

bestieg und wie wirkten Gesundheits- und Bauamt

an ihrer Hinrichtung mit?

All dies im ersten Teil der Gretchenfrage.