Yasmina war schon als Sklavin geboren worden. Als Kind lebte sie meist mit ihrer Mutter in der Küche des Händlerhauses. Und schon sehr früh fiel jedem ihre Schönheit auf. So auch einem Besucher des Händlers, bei dem sie als Sklavin in dessen Haushalt lebte. Da sie jung und frisch war, durfte sie die Speisen aus der Küche zu den Männern in den großen Raum auftragen. Dort fiel sie dem Besucher auf. Und bevor sie sich versah, erhielt sie die Anweisung mit dem Fremden mitzugehen.

An diesen Herren erinnerte sich Yasmina nicht so gerne. Sie waren mehrere Wochen quer durch die Wüste unterwegs gewesen, bis sie an eine andere Stadt gekommen waren. Diese Stadt trug einen Namen, den Yasmina nicht mal fehlerfrei aussprechen konnte. Dennoch folgte sie ihrem Herren. In dieser Stadt verlor sie ihre Unschuld und abermals ihren Herren. Beides durch ihren Herren. Aber sie beklagte sich nicht. Sie war eine geborene Sklavin.

Mit ihrem neuen Herren mußte sie wieder einige Wochen quer durch die Wüste wandern, bis sie an einer exotisch anmutenden Oase halt machten. Dort stand nur eine primitive Lehmhütte und es war Frauengelächter zu hören. Dort, in dieser Oase, lernte Yasmina wie eine Frau zu sprechen und zu denken und zu gehen. Man brachte ihr aufwändigst lesen und schreiben bei. Man lehrte sie die Werke der Philosophie und brachte ihr bei, sich jeden Abend unter fließendem Wasser zu duschen. Und sich nicht daran zu stören, wenn ihr ein gutes Hundert ungewaschener männlicher Sklaven dabei zusehen konnte.

Nachdem ihre Ausbildung, die in ihrer Erinnerung nur wenige Wochen dauerte, beendet war, wurde sie diesmal nicht wieder angekettet, sondern durfte in luftiger Kleidung neben einem Kamel herspazieren. Und der Weg in die Hauptstadt des Reiches war weit. Sehr weit. Aus der Wüste hinaus zuerst in eine Steppe, von der Steppe in eine Steinwüste, deren Kiesel sehr schnell die Fußsohlen in den Sandalen schmerzen ließen, und dann wieder durch eine Steppe, am Rande eines Gebirgszuges entlang und dann schließlich in eine Hafenstadt. Von dieser Hafenstadt aus setzten sie mit einem flachen Boot ans andere Ufer über und dann ging die Lauferei wieder weiter.

Yasmina hielt dies nur durch, weil sie sich ständig die Philosophien ins Gedächtnis rief, die sie hatte lesen dürfen. Sie fand immer wieder eine Philosophie, die ihr über die Strapazen der Reise hinweg half. Von der anderen Seite der Hafenstadt ging es zuerst durch einen dichten Wald, dann wieder hinaus in die Steppe. Unterwegs bekamen sie keine Gelegenheit sich zu waschen. Also sahen sie, nach einer mehrmonatigen Reise durch Dreck, Urwald und Steppe in ihren farbenfrohen Kleidern ziemlich unansehnlich aus, als sie schließlich in Reichweite ihres Ziels kamen.

Sie machten kurz vor ihrem Ziel in einem Rasthaus Halt, wo sich die Mädchen waschen durften. Unter den lüsternen Blicken der Knechte in dem Haus zogen sie sich ungeniert aus und machten sich wieder richtig sauber. Ihre verdreckten Kleider wurden verbrannt, obwohl sie durchaus wertvoll gewesen waren. Sie bekamen neue Kleidung, die noch ehrenvoller aussah, auch wenn sehr viel ihrer Haut zu sehen war. Mehr als bei ihrer letzten Reisekleidung. Yasmina rekapitulierte immer und immer wieder die Philosophien, aber sie sprach nicht. Nicht einmal mit ihren Leidensgenossinnen.


Die KurzgeschichtensammlungDas Serail“ gehört mit zu meiner Science-Fiction-Serie „Cosmic Dust„. Eigentlich war dieser Teil nur als Hintergrundmaterial für die eigentliche Serie gedacht, um den Werdegang der PILGRIMs näher zu beleuchten und auch ihre Intentionen und Moral näher zu erklären. [Dieses Material darf nur nach vormaliger schriftlich eingeholter Erlaubnis an dritter Stelle publiziert werden. Für dieses gilt nicht die Piratenlizenz.]

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