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Welche gesundheitlichen Folgen hat die Armut für den Armen?

Keine zynische Fragestellung, sondern leider wegen der letzten Äußerungen von Dr. Philipp Rösler angebrachter denn je. Immerhin ist ja allgemein bekannt, daß Armut nicht eben gesundheitsfördernd ist. Wäre sie es, gäbe es bedeutend mehr Arme als Reiche Menschen. Das Verhältnis ist jedoch umgekehrt. Armut bedeutet gleichzeitig auch am derzeitigen Gesundheitssystem nicht mehr entsprechend partizipieren zu können. Die Reichen und Wohlhabenden sorgen dafür, daß nur noch sie von einem Gesundheitssystem profitieren, in das alle einzahlen. Während der Arme froh sein darf, noch seine jährliche Grippeimpfung kostenfrei zu empfangen.

Womit wir beim Thema wären. Armut ist die Grundlage für eine ganze Reihe von Krankheiten. Dennoch sieht sich die bundesdeutsche Regierung (als eine unter Vielen) nicht dazu genötigt, die Armut im Land abzustellen. Wenn man das Gebaren der jetzigen Regierung näher betrachtet, fällt einem sofort auf, daß die Politik, die hier betrieben wird, eher auf Bürgerdezimierung hinaus läuft als wirklich darauf, jedem Anspruch der Bürger gerecht zu werden.

Systematiken

Geht man von der Liste der normalen Zivilisationskrankheiten aus, fällt in der Statistik auf, daß arme Menschen häufiger an solchen Krankheitsbildern als reiche Menschen leiden. Da es im Allgemeinen heißt, billige Nahrung wäre schlechter (was nicht unbedingt der Wahrheit entspricht), muß man also davon ausgehen, daß ernährungsbedingte Krankheitsbilder an der Tagesordnung wären. Sind sie aber nicht! Auch stimmt nicht, daß Krankheiten, die durch übermäßigen Tabak- wie Alkoholkonsum entstehen, vornehmlich in den armen Schichten zu verorten sind. Genau hier scheitert nämlich die übliche Statistik.

Geht man von der normalen Krankengeschichte eines Lebens aus, stellt man überraschend fest, daß es für bestimmte Krankheiten eher das reiche Menschenbild betroffen ist. Krankheiten, deren Behandlungen natürlich Unsummen kosten – und die sich die Reichen nicht leisten wollen oder können. Also wird hierzu dann das Geld aus dem Topf der solidarischen Krankenversicherung genommen, damit die Reichen sich auch weiterhin noch behandeln lassen können. Dies ist symptomatisch. Und zeigt ein Krankheitsbild innerhalb der Zivilisation auf, jedoch nicht auf das Individuum bezogen.

Gleichzeitig soll dies aber nicht heißen, daß Arme nicht nach wie vor unter gewissen Krankheiten leiden, weil sie eben aus der Solidargemeinschaft ausgeschlossen sind und die Allgemeinheit nicht bereit ist, für Sie für diese Krankheiten zu zahlen oder für die Behandlung aufzukommen. Im Umkehrschluß bedeutet dies: Der Reiche, obwohl er bedeutend teurere Krankheitsbilder pflegt, ist im allgemeinen gesunder als der Arme.

Gerechtigkeitssinn

Nun ist es jedoch so, daß man nicht pauschal die Menschen verurteilen kann, die Reichtümer besitzen. Würde man so denken, würde man in Deutschland den Medizintourismus absolut einschränken oder gar verbieten. Also somit arabischen Scheichs nicht die gute medizinische Versorgung in diesem Land – sogar mit eigenem Imam – zukommen zu lassen. Meist wird dies über Privatversicherung oder Barzahlung geregelt. Oft ist es jedoch so, daß Krankenhäuser mit Absicht einen Flügel für Medizintouristen anlegen, der dann unabhängig vom restlichen Krankenhausbetrieb unterhalten wird. Die Implikation, die sich daraus ergibt, möchte ich an dieser Stelle nicht vertiefen.

Es ist jedoch so, daß immer öfter für Angehörige des abgehängten Prekariats Spendensammlungen durchgeführt werden müssen, weil die Behandlung ihrer zivilisatorisch bedingten Krankheiten für die Familien unerschwinglich geworden ist. Mit der Röslerschen Gesundheitsreform ist eine gute medizinische Versorgung für die Unterschicht so gut wie nicht mehr finanzierbar. Da nur diejenigen in den Genuß einer privaten Krankenversicherung kommen, denen ein absoluter Gesundheitsgrad nachgewiesen wird.

Um der Gerechtigkeit willen sollte man also daran denken, daß ein paritätisches Denken häufig mehr Schaden anrichtet, als ernsthafte Hilfe. Schon in der Medizin wird heute schon daran gearbeitet, umso schneller ein Generika auf den Markt zu bringen, wenn das Produkt erst wenige Wochen auf dem Markt befindlich ist. Nur funktioniert dies nicht so, wie es vielleicht der Bürger oder die Politik möchte, sondern es läuft genau anders herum.

Diktat der Pharmariesen

An dieser Stelle etwas über die Pharmalobby zu schreiben, ist zwar nicht eben unnütz, aber es zeigt auf, wo der Hund begraben liegt. Obwohl in Deutschland seit mindestens 20 Jahren kaum mehr medizinische Forschung in der Praxis betrieben wird, sind die Medikamentenpreise in Deutschland im Vergleich zu den europäischen Nachbarländern chronisch um mindestens 70% überhöht. Wären Medikamente billiger, müßte man nicht von einer Mehrklassenmedizin sprechen. Jedoch ist es Fakt, daß wir – Dank der Agenda2010, die dies beschleunigte – genau diesen Zustand derweil haben.

Die Pharmariesen diktieren den Preis für ein Medikament oder eine Behandlungsmethode, obwohl die eigentlichen, laufenden, Kosten hierfür sehr gering sind. Also werden astronomische Spitzenpreise genommen, die sich nur noch die Reichen leisten können. So ist beispielsweise bekannt, daß ein gutes Herzpräparat in Deutschland mehr als 300% über den handelsüblichen Preis in Spanien kostet. Spanien besitzt ebenfalls den Euro als Währung, also liegt rein technisch schon einmal kein Grund vor, daß die Preise derart übertrieben sind.

Hier geht es nicht nur um Gewinnmaximierung, sondern darum, daß gewisse Industriezweige ihre Arbeiter bereits aufgegeben haben. Der einfache Arbeiter besitzt in diesem Land keine Rechte mehr, muß sich also zu den Armen zählen lassen. [Bei Stundenlöhnen von grade einmal € 5,60 in der Medikamentenproduktion (Insiderdaten) auch kein Wunder.] Medizin soll also etwas für die Reichen sein. Die armen Leute können sich doch mit Hausmittelchen behelfen! So ist die Denkweise einer Lobby, deren Verhalten mehr als nur in einem Punkt an kriminelles Grundverhalten grenzt.

Gesundheitscheck nur noch für Reiche

Schaut man sich die Röslersche Gesundheitsreform ein wenig näher an, erkennt man schnell, daß gewisse Vorsorgeuntersuchungen nur noch für den Mittelstand oder für die Reichen gedacht sind. Da der Arme – obwohl schon mit Armut gestraft – nun auch noch gezwungen ist, Vorsorgeuntersuchungen aus eigener Tasche zu bezahlen. Dies geht stellenweise bis auf Beträge über € 80 hin, die mit einem normalen Hartz-Eckregelsatz in einem Monat unmöglich zu stemmen ist.

Die neue Gesundheitsreform hat noch eine weitere Verschlimmerung der Zustände für die Armen für sich. Im Prinzip wird Geld gespart. Aber wie immer an der falschen Stelle. Unser politisches System ruiniert also gezielt die Gesundheit der Armen, obwohl klar ist, daß dadurch Folgekosten entstehen, die dann wiederum die Gesellschaft als Ganzes tragen muß. Die Gesundheit ist mittlerweile zu einem wirtschaftlichen Faktor geworden.

Schon die Regelung, daß man für die ersten drei Tage einer Erkrankung keinerlei Krankenschein mehr benötigte, ist an für sich hirnrissig. Hat man Fehlzeiten in seinem Betrieb – die durch diese Regelung zustande kommen – ist dies ein Kündigungsgrund und gleichzeitig auch eine gute Chance, in prekäre Verhältnisse abzurutschen. Chronisch Kranke sind also mehrfach bestraft. Nicht nur bürdet man ihnen die Hauptlast der Kosten auf, sondern sie werden finanziell auch noch von den Pharmariesen abgekocht und dürfen nicht einmal mehr Erstattung durch ihre Krankenkassen erwarten.

Armut macht also allein deshalb krank, weil die Sozialsysteme derart zurückgefahren werden, das dadurch die Armut steigt. Und dies wiederum steigert die Erkrankungsgefahr. Ein Teufelskreis, eine Spirale, die nur noch nach unten führt. Man kann als Armer also gar nicht mehr gesund leben. Auch wenn man sich Lebensmittel aus dem biologischen Anbau holt – die stellenweise unerschwinglich geworden sind – heißt dies nicht, daß man dadurch gesünder leben würde. Nur die Lebenshaltungskosten werden höher und teurer.

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