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Welche finanziellen Folgen hat die Armut eines Armen für den Reichen?

Zum Ersten sollte man endlich akzeptieren, daß Reichtum auch nur begrenzt ist. Und das wirtschaftliche Armut auf Dauer auch dem Reichen schädigt. Das glauben sie nicht? Ok, dann lassen sie mich ein Beispiel erzählen.

Der arme und der reiche Bauer

In einer holländischen Provinz lebten einst einmal zwei Bauern. Der eine besaß nur einen kleinen Hof mit kleiner Scheune, einem noch kleinerem Haus und gerade einmal einer Handvoll Felder. Sein Nachbar nannte jedoch das ganze Umland bis zum Horizont sein Eigen, besaß nicht nur ein fürstliches Herrenhaus, sondern auch noch mehrere kleinere Sommerhäuser, in die er sich zurück zog, wenn es ihm an einem Platz zu langweilig wurde.

Der reiche Bauer lebte vom Tulpenhandel. Seine Felder waren nicht mit dem lebensnotwendigen bestellt, sondern mit Luxusgütern. Und da sich ein Tulpenfeld an das andere reihte, verkaufte er in der Stadt für teures Geld seine Waren. Der arme Bauer konnte nur von solchen Tulpenfeldern träumen, wuchs auf seinem kargen Land nicht mehr als das notwendige. Einfache Feldfrüchte wie Kartoffeln, Bohnen und hin und wieder auch ein wenig Mais oder Flachs. Nichts, von dem man wirklich reich werden konnte, was jedoch den Magen füllte.

Die Freunde des reichen Bauern mußten, um zu seinem Hof zu gelangen, immer wieder an dem halbzerfallenen Bauerngrundstück des armen Bauern vorbei fahren. Und sie sahen das Leid, daß dort herrschte. Nicht einmal Geflügel befand sich auf dem Hof, um vor Dieben zu warnen. [An dieser Stelle ist von Gänsen die Rede. Anm. d. Übers.] Man sah nicht einmal eine Kuh bei den Stallungen, sondern nur drei äußerst abgemagerte Pferde.

Als dem reichen Bauern wieder einmal davon hörte, wie schlecht es seinem Nachbarn ging, fuhr er zu ihm hinüber und bat ihm, ihm doch seinen kleinen Flecken Land ebenfalls zu verkaufen. Zum einen hätte er dann ein großes zusammenhänges Stück allen Landes in der Gegend, zum anderen würde das Geld für den armen Bauern ausreichen, um sich damit woanders ein neues Leben aufzubauen.

Doch der arme Bauer wollte nicht fort. Sein Hof war vielleicht ungepflegt und machte den Eindruck, als ernähre er seinen Mann nicht, doch der arme Bauer liebte dieses Land, daß er von seinen Eltern geerbt hatte. Der reiche Bauer fuhr nun in die Stadt, um mit dem Bürgermeister zu sprechen, ob man nicht einfach ein wenig die Regeln ändern könne, damit der arme Bauer endlich ein Auskommen erreichen könnte.

Der Bürgermeister ließ sich dazu herab und änderte einen Passus eines Gesetzes, worin es nun nur noch gestattet war, auf Feldern, die eine gewisse Größe hatten, etwas anzubauen. So kam es, daß der arme Bauer für den reichen Bauern Tulpen auf seinem Land anpflanzen mußte. Aber er durfte die Tulpen, deren Samen er von dem reichen Bauern erhielt, nicht für sich selbst verkaufen, sondern für den reichen Bauern. Vom Verkaufserlös erhielt er einen gewissen Anteil, aber nichts vom eigentlichen Gewinn. Sein Anteil deckte nicht einmal die Kosten, die er schultern mußte, um die Tulpen für den reichen Bauern überhaupt anzupflanzen.

So kam es eines Nachts, daß der arme Bauer sein Land aufgab und in eines der Nachbarländer zog, wo man einen guten Kartoffel- und Bohnenbauer gut gebrauchen konnte, um eine Hungersnot abzuwenden. Der reiche Bauer jedoch bewirtschaftete nun das Land des armen Bauern mit dem Seinigen mit und bekam es vom Bürgermeister schließlich zugesprochen.

Doch dann brach ein Deich und setzte das gesamte Land bis zum Horizont unter Wasser. Die gesamte Tulpenernte verging. Der reiche Bauer verlor alle Häuser außer einem, daß sich auf einem kleinen Hügel befand. Es war das Haus des armen Bauern. Hier lebte er nun mit seiner Familie, bis das Wasser wieder gegangen war. Doch als er den kleinen Hof verlassen wollte, standen seine Kreditgeber vor der Tür und nahmen ihm das Land, daß den kleinen Hof umgab fort.

Jahre später kam der arme Bauer aus den fernen Landen in seine Heimat zurück, um sich von seiner schweren Arbeit in der Fremde zu erholen. Wie überrascht war er, den reichen Bauern in seiner ärmlichen Hütte vorzufinden und ein kärgliches Leben zu fristen. Der reiche Bauer hatte alles verloren. Nachdem seine Kreditgeber ihm alles Land genommen hatten, hatte ihn zuerst seine Frau verlassen, bevor seine Kinder gestorben waren. Nun saß er allein auf einem winzigen Stück Land und baute nur noch das lebensnotwendige an. Der arme Bauer jedoch sah sich das Leid des reichen Bauern an und kehrte wieder in die Fremde zurück und lachte über den Idioten bis zu seinem Lebensende, weil jener ihm niemals etwas gegönnt, als er noch reich gewesen.

Leider geht die Geschichte zumeist nur in provinziellen Legenden und Märchen gut aus. In der Wirklichkeit sieht es zumeist völlig anders aus. Doch dies sollte niemanden daran hindern, sich nicht doch der Wahrheit zu stellen. Solange es dem Armen schlecht geht, geht es dem Reichen auch nicht gut. Solange der Arme um seine Existenz kämpfen muß, und vielleicht sogar gezwungen ist, das für sich lebensnotwendige auf eigenem Land, daß ihm verblieben ist, anzupflanzen, kann etwas im System nicht stimmen.

Mori- und andere Taten

Jetzt ist es so, daß solange der Reiche auf seinem Reichtum sitzt und nicht damit versucht, wenigstens die kleinsten Grundlagen der christlichen Lehre umzusetzen, der Reichtum eigentlich niemandem etwas bringt. Weder dem Reichen, noch dem Armen. Eher im Gegenteil sogar. Solange der Reiche seinen Reichtum bunkert und ihn nicht einmal im Ansatz steuermäßig teilt, wird daraus nicht mehr, sondern weniger Reichtum.

Auch wenn ich jetzt innerhalb dieser Debatte mir erneut mit meiner Denkweise Menschen zu Feinden mache, ist mir dies vollständig schnuppe. Wir haben nämlich bereits so etwas wie eine permanente Geldentwertung. Nur fällt sie – solange es nur einen Bruchteil Reiche und sehr viel mehr Arme gibt – kaum auf. Aber Geld, daß nicht arbeitet, daß nicht investiert wird, verliert im Laufe der Zeit an Wert. Geld, daß in Immobilien oder in Edelmetalle umgetauscht wird, behält gleichfalls nicht seinen Wert, sondern sinkt in seiner Wertigkeit.

Nur Geld, daß sich im Umlauf befindet, behält seinen nominalen Wert. Dies bedeutet also gleichzeitig, je reicher sich der Reiche hält, umso schneller verarmt er, weil sein Vermögen kontinuierlich an Wert verliert. Deshalb sind Reiche auch zu einem gierigen Verhaltensmuster gezwungen. Und zwar proportional zu dem Reichtum, den sie bereits ihr Eigen nennen. Je reicher also jemand ist, umso asozialer wird er automatisch werden, weil er ja den Wert seines Reichtums dauerhaft sichern möchte. Das Endergebnis ist in einem solchen Fall gleichfalls logisch und klar: Der Reiche bunkert noch mehr Reichtum, obwohl dieser Reichtum proportional auf seine Menge nach wie vor den gleichen Wert besitzt, solange dieses Geld nicht in den Wirtschaftskreislauf zurückgeführt wird.

Die Moritat aus obiger Geschichte ist demnach auch sehr schnell erklärt: Hätte der reiche Bauer dem armen Bauer unter die Arme gegriffen und ihm Tulpensaatgut geschenkt, anstatt ihn zum Tulpenanbau zu zwingen, hätte er dessen Reichtum vermehrt. Es hätte auch gereicht, wenn er ihm Tulpensaatgut verkauft – und ihm vorher zinslos das Geld für den Kauf geliehen – hätte. Dadurch wäre sein Vermögen weiterhin im Umlauf geblieben und letztlich nicht durch den Deichbruch vernichtet worden. Da er jedoch geizig und egoistisch war, verlor er schließlich alles Land, außer jenes, was direkt auf seinen Namen eingetragen war: Eben jenes Land des armen Bauern, der in die Fremde ging, um dort sein Glück zu versuchen.

Es ist also klar, was dies bedeutet: Würden von heute auf morgen alle Armen dieses Land verlassen und ihre Kenntnisse in anderen Ländern zur Anwendung bringen, würden die Reichen dieses Landes von einem Tag zum anderen verarmen, da ihnen nichts mehr bleiben würde, da sie den Finanz- und Geldverkehr allein nicht aufrecht erhalten können. Weder im Mittelalter – aus dem obige Geschichte stammt – noch in der Jetztzeit konnten die Reichen allein ihr Herrschaftssystem aufrecht erhalten. Sie brauchten dazu immer auch die armen Schichten.

Zurück zur Grundlage

Schauen wir uns die bisherigen Aussagen dieser Debatte um die Armut nun einmal genauer an! Wir haben gelernt, daß es erst einmal einer genaueren Definition von Armut bedarf, bevor man von einer Armutsdebatte sprechen kann. Armut ist ungleich auf diesem Planeten verteilt. In anderen Bereichen dieses Globus sind Menschen noch ärmer als in Deutschland und können dennoch existieren. Nur ist Existenz nicht alles. Man muß auch menschenwürdig leben können.

Nur ist Menschenwürde etwas, daß die Reichen gerne im Supermarkt anbieten. Menschenwürde bedeutet konsumieren zu können. So krank sich dies anhört, dies ist wirklich die Ansicht der Politik in dieser Debatte. Solange die Politik also nur von krankhaften Konsum ausgeht, kann man also nicht von einem Leben, geschweige denn von einer menschenwürdigen Existenz sprechen.

Armut ist generell eine Schande für eine planetare Zivilisation, die sich doch so viel auf ihre Errungenschaften einbildet. Da wird zum einen die Demokratie hoch gehalten, andererseits hat man kein Problem damit, künstlich Sklavenheere zu schaffen, die absolut sinnlose Arbeiten verrichten sollen, damit sie nicht auf dumme Ideen kommen und ihre Rechte einfordern. Auch dies sind monetäre Zwangslagen, die durch die Reichen geschaffen werden. Und solange Geld gehortet und nicht im Wirtschaftskreislauf gehalten wird, erzeugt man damit nur weiterhin unnötige Armut. Und dies nicht nur auf einem Kontinent, sondern planetar. Dies geht solange gut, bis irgendein Deich bricht. Passiert ist, ist es mit dem Reichtum generell vorbei.

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1 Kommentar on Grundlagen der Armutsdebatte (V)

  1. Tidaltree sagt:

    Um den Wertverlust zu reduzieren braucht der Reiche nicht zwangsläufig sein eigenes, angelegtes Geld in Umlauf bringen. Auch wenn er es schafft, „ärme Reiche“ zum Auflösen ihrer Anlagen zu bringen, kann er den Wert seiner Anlagen soweit erhalten, daß seine Einnahmen den Wertverlust decken können. Was Du sagtest gilt dann jedoch immer noch: „Das Endergebnis ist in einem solchen Fall gleichfalls logisch und klar: Der Reiche bunkert noch mehr Reichtum, obwohl dieser Reichtum proportional auf seine Menge nach wie vor den gleichen Wert besitzt, solange dieses Geld nicht in den Wirtschaftskreislauf zurückgeführt wird.“ Dies zwingt den Reichen, noch reichere „ärmere Reichen“ zum Auflösen ihrer Anlagen zu bringen. In Konsequenz geht das theoretisch bis zu dem Zeitpunkt, wo nur noch ein Reicher überhaupt Anlagen besitzt und alleinig dem Werteverfall entgegenwirken könnte, wenn er denn nicht durch seine inneren Zwänge gebunden wäre…