Eine gesunde Gesellschaft erkannt man an der Anzahl ihrer Sklaven. Je gesünder, umso mehr Sklaven!

Polykrates von Samos

Der Neoliberalismus ist keineswegs ein Problem der Neuzeit. In der irdischen Vergangenheit feierte dieses Grundprinzip der Ausbeutung bereits fröhliche Urständ. Mit dem Unterschied wahrscheinlich, daß sich damals noch weniger Menschen gegen die herrschende Ungerechtigkeit auflehnen konnten, als dies heute der Fall ist. Im alten Griechenland gab es zwar eindeutige Gesetze, die die Sklaverei betrafen, eingehalten wurden sie jedoch nur dann, wenn der Staat (in diesem besonderen Fall der vorhandene Senat) mit militärischer Macht darauf dingte, daß die Sklavengesetzgebung eingehalten wurde.

Nun ist es jedoch so, daß in den alten griechischen Königreichen es ein besonderes Gesetz das Sklaventum betreffend gab. Unter anderem faßte dies auch Perikles in der ersten wirklichen schriftlichen Gesetzgebung des griechischen Königreiches zusammen. Dieses Gesetz galt über Jahrhunderte hinweg und ist teilweise älter als verschiedene Teile unserer Zivilisation. Zwar brachte uns Griechenland die Demokratie, jedoch haben wir (insbesondere die Römer) niemals gelernt, damit richtig umzugehen.

Das Sklavengesetz

Um wirklich zu verstehen, wie im klassischen Altertum die Rechtssprechung funktionierte, muß man sich vor Augen führen, was man damals unter einer Demokratie verstand. Man kann es nicht im Vergleich zu Heute sehen, sondern muß es differenziert betrachten, wenn man wirklich eine Ahnung davon bekommen, was unsere heutige Zeit vom klassischen Altertum der Antike unterscheidet.

Es gab im alten Griechenland drei verschiedene Gesetzbücher. Eines galt für den Sklaven, eines für den freien Bürger und das Dritte schrieb die Regeln für den Adel fest. Ein viertes gab es ebenfalls noch, jenes war jedoch nicht auf den herrschenden Stand bezogen, sondern beschrieb eigentlich nur die Gesetze, an die sich alle Stände zu halten hatten. Eben jene Gesetze, die Perikles einst festlegte, als er nach der Königskrone griff und die erste griechische Monarchie schuf. [Hierbei ist Agammemnon jedoch zu ignorieren, da die Könige des westlichen Peleponnes sich keinerlei Paradigma fügten. Erst durch die Unterwerfung im letzten Vereinigungskrieg wurde Perikles Gesetz für alle Provinzen Griechenlands bindend. Aber bis dahin war es ein langer, blutiger, Weg.]

Der Adel im alten Griechenland konnte relativ sinnbefreit leben. Er hatte nur einige wenige Auflagen, sogenannte Pflichten, zu befolgen, ansonsten besaß er alle Rechte und Freiheiten. Der Adel durfte jedoch in der Prä-Perikles-Periode keinerlei Abgesandten in den Senat entsenden, sondern war gezwungen, einen x-beliebigen Bewohner der Provinz, in der sich das Haupthaus der Familie befand, zu wählen. Später, nachdem Perikles das Ruder übernommen hatte, änderte es sich dahingehend, daß der Adel selbst ein Familienmitglied noch zusätzlich in den Senat entsenden konnte, damit der bürgerliche Repräsentant seiner Provinz nicht zuviel Schaden am Adel anrichtete.

Die damals Bürgerlichen waren vornehmlich Freie. Unter Frei verstand man damals durchaus etwas anderes als heute. Jemand, der bei einem Zweiten in Lohn und Brot stand (gegen ein entsprechendes Entgelt), galt nicht als Frei. Freie waren demnach nur Handwerker und Händler. Alle anderen galten als bedingt unfrei. Diese bedingt Unfreien hatten keinerlei Wahlrecht. Außer einmal alle zwei Jahre, wenn ein Scherbengericht veranstaltet wurde. Dann durften sie ebenfalls abstimmen. Ansonsten jedoch besaßen sie keinerlei nennenswerte Rechte. Dafür waren sie aber von allen Steuern befreit. Der normale Freie also arbeitete schwer und mußte eine gewisse Grundsteuer entrichten. Wer also eine Taverne betrieb, bezahlte im Prinzip nicht mehr Steuern als ein Handwerksmeister, der mehr Arbeit hatte. Züchter jeglicher Art wurden ebenfalls als Freie geführt, konnten aber über einen Teil ihrer Waren an die Gesellschaft ihre Steuern begleichen. Dies hatte mehrere Vorteile. Und Sklavenzüchter besaßen ein besonderes Ansehen in der Gesellschaft.  [Davon jedoch später ein wenig mehr.]

Die Sklaven jedoch teilten sich in zwei Gruppen auf. Einmal in die geborenen Sklaven und dann noch in die Kriegsgefangenen. Für beiden galten die beiden gesetzlichen Regelungen. Kriegsgefangene durften beispielsweise nicht kürzer als 5, jedoch nicht länger als 20 Jahre in Kriegsgefangenschaft bleiben. Erwarben sie in der Zeit ihrer Kriegsgefangenschaft irgendwelche Verdienste, verkürzte sich ihre Zeit als Sklave dementsprechend. Persische (phönizische) Kriegsgefanene wurden jedoch generell nach nicht mehr als 10 Jahren wieder in Freiheit entlassen. Gegenüber von spartanischen Kriegsgefangenen erwies man sich als besonders gnädig. Spartaner mußten niemals länger als 5 Jahre Sklavendienst leisten, danach wurden sie wieder auf freien Fuß gesetzt. Kriegsgefangene durften weder bei den Senatswahlen, noch beim Scherbengericht mitmachen. Sie waren stimmlos, obwohl es durchaus Senatoren gab, die sich für ihre Rechte einsetzten.

Die restlichen Sklaven jedoch hatten ein weniger gutes Los gezogen. Menschen, die bereits als Sklaven geboren waren, blieben für den Rest ihres Lebens ein Sklave. Es sei denn, ihr Herr entließ sie vorher aus seinen Diensten. Ein verarmter Kaufmann jedoch konnte sich und seine Familie verkaufen und sicher sein, das allen eine gute Behandlung angedieh. Jedoch mußte er nicht länger als 10 Jahre in Sklaverei leben. Meistens gelang es danach auch wieder die Familie zusammen zu führen. Es sind nur sehr wenige Fälle bekannt, wo sich Familien hinterher nicht wieder fanden. Der geborene oder auch gezüchtete Sklave hatte jedoch ein völlig anderes Los. Dieser blieb Zeit seines Lebens rechtlos. Jedoch auch nicht immer. Wenn sein Besitzer ihn/sie schlecht behandelte, hatte ein solcher Sklave durchaus das Recht ein Gericht anzurufen. Kosten fielen für ihn keine an, da es im Sinne der Allgemeinheit war, daß Sklaven gut behandelt wurden. Konnte er seinem Besitzer nachweisen, daß jener ihn schlecht behandelte, erhielt er nicht nur umgehend seine Freiheit, sondern auch die Hälfte des Vermögens seines ehemaligen Herrn. So stellte die griechische Demokratie sicher, daß kein Sklavenhalter sein Eigentum schlecht behandelte, da der Verlust nicht nur in Gold, sondern auch in Land abgegolten wurde.

Sklavenhalter wiederum hatten sich, was ihre Sklaven betraf, auch an eindeutige Regeln zu halten. Zwar besaß der einfache Sklave keinerlei Wahlrecht, aber dennoch hatten die Sklaven im Senat einen Sprecher. Jener Sprecher verkündete die Verstöße gegen das Sklavenrecht. Und zwar von Seitens des Besitzers als auch von Seitens des Sklavens. Dies hatte zur Folge, daß viele große Familien ihren Sitz im Senat einer Stadt aufgaben, damit ihr Ruf nicht zu sehr unter ihrer Behandlung ihres lebenden Inventars litt.

Im Sklavengesetz gibt es noch einen anderen Passus, den ich für erwähnenswert erachte. So war es beispielsweise verboten, eine Sklavin auszupeitschen. Egal, wessen sie sich schuldig gemacht hatte. Ungeachtet dessen, was also ihre Tat war, durfte eine Sklavin nicht schlecht behandelt werden. Männliche Sklaven jedoch durften schon bei geringsten Vergehen die Peitsche spüren. [Hier darf man nicht vergessen, daß weibliche Sklaven so etwas wie eine Geldanlage waren, da man sie, durch richtige Kreuzung, zu richtigen Zuchtstuten machen konnte. Und jedes Kind, daß in Sklaverei geboren wurde, gehörte automatisch dem Eigner der Sklavin.] Eines galt jedoch als Kapitalverbrechen: Wenn sich ein Sklaveneigner mit einer Sklavin vergnügte, so galt das Kind aus dieser Verbindung automatisch als frei. Auch der Mutter mußte dann umgehend die Freiheit geschenkt werden. Hielt sich ein Sklavenhalter nicht daran, verlor er alles. Dann konfiszierte der Staat sein komplettes Vermögen.

Armut und Sklaverei

Wenn man von der hochgelobten griechischen Demokratie spricht, darf man niemals dabei vergessen, daß jene nur für den Adel und den Freien galt. Andere Angehörige des Staates genossen keinerlei Schutz. So waren Reisende nicht automatisch unter dem Schutz der Stadtphalanxen, die für Ruhe und Ordnung und für einen geregelten Ablauf auf den Märkten sorgten. Hierfür mußte ein extra Schutzgeld an die Stadtwache täglich entrichtet werden. Außerdem waren nicht alle Reisenden gleich zu behandeln. Persische Abgesandte oder auch Händler waren gezwungen, nachts vor den Stadttoren zu kampieren. Tagsüber durften sie die griechischen Städte durchaus betreten, um ihren Geschäften nachzugehen, nachts jedoch durften sie nicht innerhalb der Stadtmauern angetroffen werden. Wurde ein Perser nach dem Schließen der Stadttore noch innerhalb der Stadtmauern erwischt, so hatte die Stadtgarde Anweisung diesen umgehend zu töten. [Bis zum Vereinigungskrieg war dies usus.]

Verarmte und Bettler durften sich immer innerhalb der Stadtmauern aufhalten. Sie unterlagen keiner direkten Einschränkung. Sie durften nur nicht an den allgemeinen Feiertagen in der Stadt betteln. Da Bettelei ebenfalls als Gewerbe angesehen wurde, mußten Bettler ebenfalls eine gewisse Steuer entrichten. Diese war geschlechtsspezifisch. [Nur leider sind die alten griechischen Berichte hierüber leider unvollständig.] Bettler, solange sie keine Versehrte waren, durften sich auch jederzeit als Lohnarbeiter verdingen. Nur war dann ihr Dienstherr verpflichtet, ihnen ein Obdach zu gewähren, für das er keinerlei Miete berechnen durfte. Obdachlose hatten im alten Griechenland sowieso ein schlechtes Leben. Solange sie arbeitsfähig waren, konnten sie jederzeit eine Arbeit annehmen. Jedoch war der Dienstherr nur verpflichtet, die in seinem Haushalt oder Geschäft arbeitenden Angestellten ein Obdach zu gewähren. Familienmitglieder also die keine Arbeit fanden, hatten also kein Anrecht auf ein Obdach.

Armut wurde im alten Griechenland auch ein wenig anders definiert als heute. Damals galt jemand als arm, der wirklich nur noch das besaß, was er auf dem Leib trug. Hatte er mehr, galt er automatisch nicht als arm. Selbst dann nicht, wenn er keinerlei Arbeit nachgehen konnte. Tagelöhner wurden zwar im allgemeinen als Arm angesehen, Nur konnten Tagelöhner meist ein eigenes Haus ihr Eigen nennen. Für dieses Haus fiel keinerlei Steuer an, aber für die Anzahl Personen, die unter seinem Dach lebten. (Sklaven ausgenommen.)

Es gibt einige Überlieferungen, nach denen sich verarmte Händler verkaufen mußten. Sich oder gleich ihre ganze Familie, um ihre Schulden gegenüber dem Gesetzgeber als auch ihren Handelspartnern zu begleichen. Von den eingenommenen Goldstücken durften sie einen gewissen Teil behalten, um sich später einmal wieder freikaufen zu können. Wobei der Preis, den ihr Besitzer dann von ihnen fordern durfte, nicht höher als das Doppelte dessen sein durfte, was er selbst für diesen Sklaven entrichtet hatte. Wurde diese Regel mißachtet oder gebrochen, so mußte er dem so freigekommenen Sklaven einen weiteren Sklaven mitgeben. Im alten Griechenland galt noch eine andere Regel, die auch immer wieder bei diesem Thema unter den Tisch fallen gelassen wird. Einem Sklaven stand pro Tag ein gewisser Lohn zu. Im Durchschnitt zwischen einem oder drei Kupferstücke pro Tag.

Arme hatten einen kleinen Vorteil gegenüber den freien Bürgern zu denen sie im Allgemeinen ebenfalls noch zählten, sofern sie Bettelei betrieben: Sie mußten sich nicht immer bei den Stadtwachen abmelden und konnten so ungehinderter von Stadt zu Stadt reisen. Auch entfiel bei einem Armen der Einreisezoll. Sie durften auch unkontrolliert die Stadt- und Provinzgrenzen überwinden. Hatten sie sich jedoch einmal eines Verbrechens schuldig gemacht, so verwirkten sie zuerst ihr Reiserecht. Wurden sie abermals bei einer Straftat erwischt, hatte der Magistrat einer Stadt das Recht sie als Sklaven zu verkaufen, um mit ihrem Erlös den Schaden ihrer Straftat zu kompensieren. Arme, die vorher Sklaven gewesen waren, unterstanden immer der Stadtwache. Gelang es einem Sklaven zumindest in den freien Stand eines Armen aufzurücken, so konnte er, wenn er gemeinnützige Arbeit leistete (die meistens darin bestand, in der Stadtwache oder in der Garde Dienst zu tun), sehr schnell wieder zu einem wohlhabenden Mann werden, da die griechischen Milizen nicht nur in Gold, sondern auch mit wertvollem Gut entlohnt wurden. Viele arme Sklaven wählten den Weg in die Stadtmilizen, um sich so ihr Überleben zu sichern. Entstammten sie jedoch adligen Verhältnissen, wurde es wahrlich kompliziert. Ich möchte an dieser Stelle nur soviel an dieser Stelle zugeben: Adlige, die bis in den Sklavenstand hinab gefallen waren und dann als arme Sklaven in den Dienst einer Stadtmiliz traten, hatten ein äußerst schlechtes Ansehen. Ganz besonders dann, wenn sie vorher noch mit zu den Familien gehörten, die Anspruch auf einen Senatssitz besaßen.

Die Armut wurde im alten Griechenland nicht überproportional gefördert, sondern wurde als notwendiges Übel hingenommen. Solange der Adel und der Handel also sein Geld verdiente, gab es keinerlei Grund, am herrschenden System zu rütteln. Und es funktionierte ja auch eigentlich solange, bis Perikles das Königtum, die Monarchie, in Athen begründete und dadurch das stabile System in Unordnung brachte. Zwar schaffte er die Senatswahlen und das Scherbengericht nicht ab, jedoch schuf er mit seinen insgesamt vier Gesetzbüchern die Grundlage für unsere heutigen, modernen Demokratien. Die demzufolge also immer eindeutig neoliberal ausgerichtet sein müssen, damit sie überhaupt funktionieren können. Das durch diese alten Gesetzbücher auch die Grundlage für den Feudalismus mehr als tausend Jahre später gelegt wurde, konnte damals noch niemand ahnen.

Ironischerweise waren Sklaven freier als der normale Freie Mann. Da Sklaven Sklaven waren, durften sie immer und zu jeder Zeit offen sprechen und zumeist Dinge aussprechen, die kein freier Mann ungestraft von sich geben konnte. Sklaven galten als unterster Stand. Ja, nicht einmal als eigener Stand. Dennoch durften sie frei reden!

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