In Demokratien, oder Länder und Nationen, die sich als solche ausgeben, sind Dissidenten wohlgelitten. Mal fungieren sie als Gewissen der Nation, ein anderes Mal als Sprachrohr extremistischer linker oder rechter Kräfte. In Diktaturen, oder besser gesagt, in Nationen, die von diesen Demokratien als Diktaturen verkauft werden, liegt der Fall gleich ganz anders. Hier ist der Dissident ein Dissident, weil er eben ein Dissident ist. So die lehrreiche Phrase, die man allenthalben zu hören bekomt, wenn man sich ein wenig nach dem Regimegegner Liu Xiaobo googelt.

Aber ist das richtig, diesen Menschen als Dissidenten zu bezeichnen? Oder wäre nicht eher die Bezeichnung Staatsfeind und neoliberales Arschloch nicht angebrachter? Wenn man also ein wenig im Net recherchiert, stößt man da unter anderem auf eine „Agenda 08“ von ihm, die als seine wichtigste Arbeit angesehen wird. Nun ja, von neoliberalen, dümmlichen Dummschwätzern allemal. In dieser Agenda nun fordert er eine Rücknahme der Landreform, die Zerstörung dessen, was im Allgemeinen in China als Gesellschaftseigentum betrachtet wird und dessen Rückgabe an die vormaligen Besitzer und quasi die Abschaffung der Volksdemokratie.

Hätte Liu Xiaobo diese Schrift in Deutschland geschrieben, wäre er nicht nur von Prof. UNSinn über den Klee gelobt worden, sondern auch gleich noch Mitglied bei der INSM geworden. Dieses Geschwurbel um die Rücknahme der Landreform an für sich ist schon interessant, weil diese Aussage an für sich schon verdächtig ist. Jeder weiß, daß bei Maos Revolte die Großgrundbesitzer einen hohen Preis dafür bezahlen mußten, damit ihre Familien überhaupt am Leben blieben. Sie wurden fast vollständig enteignet. [Übrigens diejenigen, die man da vor kurzem mit gestreckter Milch und als Verursacher und Verbreiter von SARS in China ausfindig und zum Tode verurteilt hatte, stammten alle aus ehemaligen Großgrundbesitzerfamilien.] Man ließ ihnen nur das, was sie an Land wirklich zum Überleben brauchten.

Nun ist es aber so, daß chinesische Dissidenten von jeher vom Westen systematisch für die eigenen Zwecke mißbraucht werden. Liu Xiaobo ist da keine Ausnahme, sondern eher die Regel. Der Gute gibt sich als Regimekritiker, dabei möchte er nur den Einzug des Kapitalismus in China feiern, der den Menschen seine Rechte nimmt und ihn zu einem Spielzeug der Industrie verkommen läßt. Seine Agenda ist nur eine der Dinge, die kritisch hinterfragt werden müssen. Dieser Dissident steht jedoch nicht allein. Insgesamt sind es in der Volksrepublik China derzeit 40 Dissidenten, die entweder unter Hausarrest oder im Knast sitzen, weil sie Schriften verfaßten, die gegen die FDGO verstoßen, würde man sie nur richtig lesen.

Es ist keine freiheitliche Grundordnung gewährleistet, wenn chinesische Dissidenten freiwillig bereit sind, ihr schönes Land des wirtschaftsfaschistischen Heuschrecken zum Fraß vorzuwerfen. Nachdem im Vorjahr Barack Obama den Friedensnobelpreis erhielt, damit er weiterhin Krieg in Afghanistan und Iraq führen kann, nun Liu Xiaobo, um China offen zu brüskieren. Die Schriften dieses Dissidenten sind im Westen weitgehend dem normalen Volk unbekannt. Und er ist auch nur einer von Vielen, die darüber schreiben, wie man die chinesische Volksrepublik am besten auflösen kann, damit die alten Familien wieder zum Zuge kommen.

Xiaobo selbst gehört jedoch keiner dieser alten Familien an, sondern auch nur einer Gruppe, die selbst vor einer anderen Gruppe eine höllische Angst zu haben scheint. Mao selbst war ein Ming, wenn ich das richtig mitbekommen habe. In der langen Geschichte Chinas kam es immer wieder vor, daß eine andere Ethnie die Herrschaft über das restliche Volk übernahm. Als einst Dschinghis Khan mit seinen Mongolen China im Handstreich eroberte und später seinen Sohn auf den Kaiserthron setzte, herrschten noch die Ching. Jene hatten einst die Chu abgelöst und jene hatten die erste Chin-Dynastie politisch und herrschaftlich hinter sich gelassen. Die Mongolen selbst, die im Reich der Mitte Ming genannt werden, fielen durch die Hand der Han. Die Han-Dynastie hielt sich auch relativ lange, immerhin volle vierhundert Jahre, bevor sie vom aufkommenden Kommunismus schließlich besiegt wurde. Die Han haben heute noch Angst vor den Mongolen, während es die Chun und Ching relativ locker angehen, da sie unter den Ming niemals leiden mußten. Die Han jedoch schon, die einen jahrhundertelangen Krieg gegen die Ming-Kaiser führten und die Ablösung auch nur dadurch hinbekamen, weil sie offen Verrat übten. Soviel zur Geschichte Chinas!

Wenn man sich also heute die chinesischen Dissidenten anschaut und wegen welcher Schriften sie im Knast einsitzen oder unter Hausarrest stehen, muß man sich nicht weiter wundern. Xiaobo ist ein Angehöriger der Han. Die in ganz China nicht eben den besten Ruf genießen. Die Han gelten als verschlagen und verlogen. Mit dem Friedensnobelpreisträger hat man dem Regime in Beijing einen Gefallen getan, wenn man es genau nimmt. Das Nobelpreiskomitee hat in diesem Jahr sowieso einige merkwürdige Entscheidungen getroffen. So wurden britische und amerikanische Wirtschaftswissenschaftler dafür ausgezeichnet, weil sie postulierten, daß eine verknappte Sozialhilfe ein Arbeitsanreiz sei. Dies ist genauso eine Lüge, wie die Behauptung Xiaobos, daß er mehrfach unter Folter verhört wurde.

Und nun wurde ein Dissident zum Friedensnobelpreisträger, weil er neoliberales Gedankengut in China verbreitet wissen will. Es geht hier wirklich nur um Demokratie. Und auch wenn das chinesische Regime nicht immer die richtigen Entscheidungen fällt und sich, mit Verlaub, wirklich ernsthaft beleidigt fühlen darf, heißt dies nicht, daß die Volksrepublik China böse ist. Wäre sie so böse, wie einige Leute in den Nachrichten behaupten, kämen wir in Deutschland niemals einen chinesischen Film zu sehen. Aber solche Kleinigkeiten werden einfach unter den Tisch fallen gelassen. Obwohl man zugeben muß, daß Deutschland inzwischen selbst dabei ist, zu einem der Schurkenstaaten zu werden.

Der normale chinesische Dissident, oder das, was der Westen in China unter diesem Begriff verstanden wissen will, ist kein Reformer für mehr Demokratie in China, sondern ein Jemand, der mit Absicht die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit eines Landes in die Hände unfähiger Personenkreise gelegt wissen will. Es ist schon abstrus, wenn man sich anschaut, was der normale Dissident in seinen Schriften verbreitet. Da wird ein Loblied auf eben jene Neoliberalität gesungen, die Deutschland die Hartz-Gesetze bescherte. Da wird ein Loblied darauf gesungen, daß eine wirtschaftliche Theokratie unter dem Christentum besser sei, als eine Rückbesinnung auf alte chinesische Werte. Interessanterweise gibt es noch andere Systemkritiker als diese westaphilen Scheindissidenten, die sogar Nobelpreisträger werden, die sich offen dafür aussprechen, daß die alten Religionen und Glaubensrichtungen in China gefördert werden sollten und man dem Christentum und dem Islam keinen Boden zugestehen sollte. Interessanterweise sind Systemkritiker, die diese Aussagen machen, vom Regime nicht in Zwangshaft oder in Hausarrest genommen. Zufall?

Mitnichten! Gleichzeitig ist es mehr als verdächtig, daß vom Westen immer nur die westaphilen Dissidenten besonders hervorgehoben werden und nicht die allgemeinen Systemkritiker, die durchaus in China offen ihre Meinung sagen dürfen. Es gibt beispielsweise viele chinesische Schauspieler, die nicht mit allen Entscheidungen des ZK einverstanden sind und dies auch offen ausdrücken. Aber für diese Kritik wandern sie nicht in den Knast. Sie bekommen nicht einmal eine Arbeitsbeschränkung (in China seit des Kaisers Zeiten eine Bestrafung der besonderen Art), sondern dürfen offen ihre Ansichten vertreten.

Und nun zeigt das Nobelpreiskomitee eindeutig, daß es selbst bereits auf dem neoliberalen Zug der Verdummung aufgesprungen ist. Zwar hat dieser Friedensnobelpreis eine bestimmte Wirkung. Jedoch ist diese Wirkung verfehlt, wenn der Preis an einen Demokratiefeind vergeben wird. Fast könnte man meinen, das stockholmer Nobelpreiskomitee wollte mit dieser Fehlentscheidung die des Vorjahren überkompensieren, damit man ihm nicht Parteilichkeit vorwerfen kann.

Jedenfalls sollte man als Westler in China immer darauf achten, wie man etwas ausdrückt. Und ob man sich auf die Seite eben jener Dissidenten stellt, die hier offen auf ein Podest gehoben werden, wo sie nicht hingehören. Wäre die chinesische Regierung nicht so humanistisch eingestellt, wäre Liu Xiaobo wegen seiner Schriften längst der Todesstrafe überantwortet worden. Jedoch bin ich mir sicher, daß in den westlichen Scheindemokratien (allen voran die USA), seine Schriften genauso wenig Anklang finden würden, wenn er ein dortiger Staatsbürger wäre.

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1 Kommentar on Der chinesische Dissident

  1. Ossi sagt:

    Interessant zu wissen!