Nachdem wir also mal wieder beim Thema der Kontroversen sind, möchte ich an dieser Stelle den werten Lesern dieses Blogs ein älteres Interview aus den Anfangstagen dieses Projektes auch nicht länger vorenthalten. Dieses Interview entstand vor gut 5 Jahren, als das Vorgängerprojekt auf die Beine kam. Das Interview wurde damals in der Bar des Interkontinental Hotels unweit des Hauptbahnhofs in Frankfurt/Main geführt. Um die Sicherheit unseres Informanten zu gewährleisten, beschloss die Redaktion die Namen entsprechend abzuändern.

Zur Person: Nadja ist eine 30jährige Prostituierte aus Russland, die schon seit 8 Jahren im frankfurter Bahnhofsviertel anschaffen geht. Meistens ist sie in einem der Laufhäuser vor Ort zu Gange und einen festen Zuhälter hat sie schon seit Jahren nicht mehr. Zumindest nicht mehr, nachdem eine polnische Freundin ihr damals half, dem Netzwerk zu entkommen und sich in Frankfurt selbst ein neues Leben aufzubauen. Das Interview führte Free Willy. [Und im Anschluß an dieses Interview werden wir noch weitere Artikel über das Leben in der Prostitution bringen. Insbesondere der deutschen.]

Free Willy: Erst einmal ein Dankeschön dafür, daß du dich mit uns hier triffst. Kannst du uns erklären, warum du ausgerechnet uns angesprochen hast?

Nadja: Mir ist eigentlich jeder Kunde recht. Nur saht ihr beide eben nicht wie die üblichen Kunden aus!

Free Willy: Danke für das Kompliment. Wir sind auch nicht als Kunden hier, sondern weil wir einmal die Huren im Viertel interviewen wollten, um zu erfahren, wie es bei Ihnen dazu kommt, daß sie diesen Beruf überhaupt ausführen.

Nadja: Irgendjemand muß ihn machen. Wenn wir Ausländer es nicht tun, tun es andere. Und die deutschen Frauen werden auf dem Gebiet auch immer fortschrittlicher. Noch vor Jahren war es so, daß du hier vornehmlich Russinnen, meistens aus der Ukraine, Tcheschen, Ungarn auf der Straße hast flanieren sehen. Heute sind die meisten in den Laufhäusern oder den kleineren Bordellen oder gar im Hostel am Platz. Und der Anteil der deutschen Frauen steigt kontinuierlich.

Free Willy: Was hat dich bewogen, diesen Beruf zu machen?

Nadja: Zum einen: Ich wollte ihn niemals machen. Ich bin hier hinein gerutscht und habe mir hier inzwischen etwas aufgebaut. Nachdem mir eine Freundin half aus dem russischen Netzwerk herauszukommen, wußte ich zuerst nicht, was ich tun sollte. Also begann ich eine „normale“ Ausbildung zu machen. Mit dem Ergebnis, daß es mir nicht gefallen hat, als Zimmermädchen im Hotel immer wieder hinter den Gästen hinterher zu räumen. Zwar habe ich die Ausbildung abgeschlossen, aber in diesem Bereich möchte ich nicht arbeiten wollen. Zum anderen: Ich habe eine flexible Arbeitszeit und muß nur dann anschaffen gehen, wenn ich wirklich Geld brauche.

Free Willy: Du arbeitest also nicht täglich?

Nadja: Nicht immer. In manchen Wochen bleibt einem keine andere Wahl, weil man sich verkalkuliert hat. In anderen Wochen ist es so, daß sie, wenn sie gut liefen, genug Überschuß liefern, um damit die kommende Woche oder mehr Zeit gut lebend zu überstehen. Aber allzu viele Freier am Tag kann auch ich nicht bedienen.

Free Willy: Um es also offen heraus zu fragen: Wieviel Kundschaft hast du am Tag so?

Nadja: In meinen besten Zeiten schaffe ich 10 pro Tag. Doch auch mir geht es nicht immer gut, also kann ich froh sein, wenn ich auf täglich 8 komme. In der Rezession wie jetzt schaffe ich gerade einmal 6. Mehr ist nicht drin.

Free Willy: Was kannst du uns über die Kundenwünsche sagen?

Nadja: Hier habe ich feststellen dürfen, daß sich die Männer nicht sonderlich voneinander unterscheiden. Jeder Mann steht auf Blow Jobs. Und die meisten wollen das auch – wegen der AIDS-Gefahr. Richtig vögeln kommt heutzutage nur noch selten vor. Aber als Frau für gewisse Stunden erfülle ich dann auch Spezialwünsche, aber nichts, was in Richtung Domina geht. Manche Stammkunden sind schon sehr speziell und wollen eben auch richtig liebkost werden. Neben oral, vaginal wird auch anal immer beliebter und als gute Hure stellst du dich darauf ein und bringst es dann.

Free Willy: Noch einmal zu deinem Einstieg zurück. Wie bist du damals zur Hure geworden? Nach deiner Ausbildung galtest du doch offiziell als resozialisiert! Warum bist du wieder ins Milieu zurück gekehrt?

Nadja: Mein Ausbildungsberuf bot mir damals keine Perspektive. Also kehrte ich auf die Straße zurück, nachdem ich sicher war, daß mein alter Zuhälter nicht mehr auf dieser ist. Der sicherste Platz war damals der frankfurter Bahnhof und das Viertel hier. Wenn du dich hier erst einmal aklimatisiert hast, kannst du hier gut leben. Schon seit Jahren verändert es sich. Zuerst arbeitete ich nur am Straßenstrich, später dann in einem der Bordelle und schließlich in einem Laufhaus, weil dort die Kundenaquise besser funktioniert.

Mein erster Einstieg ins Milieu verdanke ich meinem Elternhaus. Ich bin in Russland während des Umbruchs groß geworden und eine Freundin wollte unbedingt im Westen als Model Karriere machen. Wir ließen uns schleppen und landeten in einer anderen deutschen Großstadt. Dort war dann der Preis für die Schlepperei, daß wir an einem Typ verkauft wurden, der uns auf den Straßenstrich jagte. Wenn wir nicht genug Geld am Abend heimbrachten oder etwas für uns behielten, bekamen wir Prügel. Meine Freundin haute dann nach London ab und ist seitdem verschollen. Mir half eine Kollegin vom Straßenstrich die andere deutsche Großstadt zu verlassen und hierher nach Frankfurt zu kommen. Danach folgte Ausbildung und die Rückkehr ins Milieu, da ich ja unabhängig bleiben möchte.

Free Willy: Also zuerst unfreiwillig, und dann freiwillig?

Nadja: Ja, so könnte man es ausdrücken. So schwer ist der Job ja auch nicht. Jede Frau kann ihn machen. Und seitdem man immer wieder hört, daß sogar die deutschen Arbeitsämter junge Frauen nahe legen in dieser Branche zu arbeiten, hat sich sehr viel verändert. Es ist nicht mehr so verkrampft wie früher und auch die Kontrollen finden regelmäßiger statt.

Free Willy: Nicht jede macht den Job freiwillig. Wie kommt es dann, daß du dich hier im Interkontinental so ohne weiteres frei bewegen kannst? Hast du eine Verbindung zum Haus?

Nadja: Nicht direkt. Ich bin heute hier nur wegen euch. Normalerweise lasse ich mich in jedes Hotel in Frankfurt/Main buchen. Aber das Interkonti wird von mir nur dann aufgesucht, wenn ich eilige Kunden habe. Das wir um diese Zeit hier in der Bar sprechen können, verdanke ich euch, nicht mir selbst.

Free Willy: Kannst du uns die Gründe nennen, warum immer mehr Frauen in die Prostitution ausweichen? Als Insiderin mußt du doch einiges mitbekommen?

Nadja: Man hört vieles, vor allem in den Laufhäusern, wenn die Mädels nichts zu tun haben. Oft gibt es da Gespräche mit der Zimmernachbarin oder der Co-Mieterin, wenn man sich am Anfang das Zimmer nicht allein leisten kann. Ok, es ist nicht sonderlich teuer, aber es ist immer gut, jemanden nebenan zu wissen, der im Zweifelsfall eingreifen kann. [Das Panik-Knopf-System wurde erst im darauffolgenden Jahr eingerichtet.] Also halten die Mädels zusammen und diejenigen, die die gleiche Sprache sprechen, erzählen dann hin und wieder schon von sich, wenn mal grade kein Freier da ist.

Die meisten Mädels fingen wie ich an. Gezwungen. Heute ist es jedoch so, daß es viele gibt, die den Job nur noch nebenbei betreiben. Viele Stammädels gibt es nicht mehr. Nicht mal auf der berüchtigten Kaiserstraße. Der Straßenstrich hat sich in den Außenbereich von Frankfurt verlagert und die Mädels, die hier im Bahnhofsviertel tätig sind, machen es größtenteils auf eigene Kasse. Es gibt hier kaum noch Zuhälter oder Luden. Nur noch in einigen wirklichen winzigen Betrieben, aber für die möchte auch kein Mädel schaffen. Das Laufhaus bietet da schon mehr Schutz. Und der Chef läßt die Finger von uns Mädels.

Vor Jahren noch war es so, daß eine große Gruppe von Zuhältern das Milieu in Frankfurt/Main kontrollierte. Doch nachdem die Politik hier aktiv etwas für uns getan hat – obwohl das Aussteigerprogramm wohl vergessen wird – können wir bedeutend freier arbeiten. Nur freie Arbeit ist nicht alles!

Free Willy: Und wie sieht es mit dem privaten Glück aus?

Nadja: Als Hure? Nicht dein Ernst?

Free Willy: Doch, daß war Ernst gemeint. Gibt es so etwas wie Privatleben überhaupt?

Nadja: Ja, ich hatte einmal ein Privatleben. Aber die meisten Kerle kommen nicht mit dem Job klar, obwohl es wirklich nur ein Job ist. Jeder Stahlarbeiter oder bei Opel muß mit Körpereinsatz ran, etwas anderes mache ich im Prinzip auch nicht. Nur das es besser bezahlt wird für die Stunde. Inzwischen ist es so, daß es verdammt schwer ist, mit meiner Vorgeschichte überhaupt noch einen festen Freund abzukriegen, weil die meisten eben nicht mit meinem Job zurecht kommen.

Free Willy: Also bliebe nur die Heirat mit einem der berühmten Frankfurter Geldsäcken?

Nadja: Einige Kolleginnen von mir haben das gebracht. Auch in anderen Großstädten. Doch die wirklich Reichen können es sich leisten, eine wie mich als ihre dauerhafte Hostess anzustellen. Das ist billiger als eine Hochzeit. Auch bringt es herzlich wenig, auf so etwas zu spekulieren. Selbst die reichen Freier in Frankfurt/Main werden mittlerweile immer knausriger. Wir haben zwar unsere Festpreise, aber die Freier wollen meistens mehr als das, für das sie bezahlt haben.

Free Willy: Hört sich schlimm an.

Nadja: Ist es auch. Und es zeigt gleichzeitig, daß wir zwar keine sterbende Branche sind, aber wir Mädels es immer schwerer haben werden. Gehst du auf die Straße, hast du die falschen Heiligen von der nahen Christengemeinde am Hals. Und die vertreiben auch eine Menge Freier.

Wenn du dich dann nach neuer Kundschaft umsiehst, hast du das Problem, daß viele deinen Satz nicht bezahlen können. Also fallen weitere Freier weg. Du mußt heute als Hure verdammt flexibel sein, willst du deine Miete noch beibringen können. Die ist nämlich manchmal das Einzige, daß jeden Monat sicher ist.

Free Willy: Also bist du eigentlich schon wieder so weit, auszusteigen?

Nadja: Niemals! Ich liebe meinen Beruf. Ok, ich kam nicht eben auf dem geraden Weg hierher, aber ich schätze ihn und die meisten Freier sind auch nicht so schlimm. Nur ist es so, daß sich die Gelüste stellenweise derart verlagert haben, daß man als ehrliche Hure echt aufpassen muß, um nicht unter die Räder zu kommen. Viele hören frustriert auf und kehren in einen normalen Beruf zurück und diejenigen, die nebenher in der Branche arbeiten, verderben noch zusätzlich die Preise.

Wenn du im darmstädter Norden für € 20 bereits einen Blow Job bekommst, fährst du nicht mehr mit dem Auto nach Frankfurt/Main, um dich in der Kaiserstraße zu amüsieren. Wir hier haben echt ein Problem, genug Freier aufzutreiben, um kostendeckend arbeiten zu können.

Free Willy: Und wie stellst du dir deine Zukunft vor?

Nadja: Ich bin nicht bereit, jetzt schon aufzuhören. Ich habe immerhin noch einige Jahre vor mir. In dieser Zeit schaffe ich es bestimmt, genug auf die Seite zu legen, um mir ein kleines Haus hier zu kaufen und mit der Arbeit aufzuhören. Ich kann ja Ratgeber schreiben oder etwas anderes machen, daß mich körperlich nicht mehr so sehr fordert. Aber ich liebe nun einmal meinen Job. Und ich finde, dies ist kein Fehler.

Free Willy: Wir danken dir für das Gespräch.


Die Gründe für Prostitution sind keine harmlosen. Nadjas Fall ist nur einer unter Vielen. Das Antihurenprogramm in Frankfurt/Main hat vielen dieser jungen Frauen die Lebensperspektive zerstört. Es ist keine Schande als Hure arbeiten zu müssen. Aber es ist stellenweise eine Schande, wie die deutsche Verwaltung mit solchen Frauen umgeht. Das Interview führte zwar Free Willy, Andreas E. war jedoch als Beobachter zugegen, um die gemachten und getroffenen Aussagen verifizieren zu können. Viele der Prostituierten sind sehr selbstbewußt und besitzen ein mutiges Herz. Ansonsten könnte man den Job gar nicht machen. Jedoch befindet sich das Rotlichtviertel fest in der Hand der Osteuropäischen Frauen. Hier findet man selten Asiatinnen oder gar Afrikanerinnen die im Milieu arbeiten. Es werden jedoch weitere Artikel zum Thema Frauenrechte & Prostitution folgen, um aufzuzeigen, woran es in diesem Land wirklich hakt.

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