Es gab einmal eine hübsche, kleine hessische Gemeinde mit knapp 20.000 Einwohnern. Naja, mehr oder weniger. Nach der Volkszählung dürfte feststehen, daß Seeheim-Jugenheim bedeutend weniger Einwohner hat, als die gemeldeten 18.736! Diese hübsche kleine Gemeinde hatte nun ein kleines Problem: Die Sport- und Kulturhalle der Gemeinde war in maroden Zustand, ohne Aufzug und noch zusätzlich asbestverseucht.

Durch politische Umlagen direkt nach dem Bau der neuen Lufthansa-Verwaltung oben auf dem Berg, bekam die Gemeinde eine Sachspende in Höhe von € 2 Mio von Bilfinger&Berger, damit die neue Sport- und Kulturhalle auch bald gebaut werden könnte. [Wir berichteten darüber mehrfach.] Doch dies allein brachte erst einmal gar nichts. Es standen zuerst Kommunal-, dann Bürgermeisterwahlen an. Und da die herrschenden Parteien in Seeheim-Jugenheim von jeher ein kleines Problem mit dem Begriff Demokratie haben, vertagte man das Bauvorhaben Sport- und Kulturhalle der Gemeinde bis nach der Bürgermeisterwahl. Wohl wissend, daß die seeheimer Bürger zwar geduldig sind, aber nicht blöde!

Nun ist es aber hier im Kreis Darmstadt-Dieburg so, daß von jeher der Grüne Christel Fleischmann für Sport-, Bildung und noch einige andere Sachen für den Kreistag zuständig ist. Natürlich gab es erst das Hickhack um den Bauplatz der neuen Sporthalle, dann um deren Größe (auch darüber berichteten wir ausführlich) und schließlich um deren Finanzierung. Glücklicherweise legte der Bund zu jener Zeit eben einen kommunalen Gemeindenrettungsfonds auf, der voll von Steuergeldern refinanziert wird. Also bezahlen letztlich die Gemeinden selbst vollständig jene Wohltaten, derer sie so dringend bedürfen.

Man könnte das jetzt so stehen lassen, aber die Geschichte geht noch weiter. Vor kurzem verkündete der Kreistag großspurig, daß die kleinere Gemeinde Pfungstadt nun zwei Sporthallen genehmigt bekäme. Natürlich mit dem Infrastrukturrettungsfonds finanziert, der so leger vom Bund und vom Land zur Verfügung gestellt wird. Seeheim-Jugenheim jedoch hat die Arschkarte gezogen. Hier ist nichts mit Turnhallenbau.

Der Grüne Christel Fleischmann war intelligent genug, den Erweiterungsbau der internationalen Schule am SBS vorzuziehen. Allein dieser Bau verschlang aus dem Fonds einige Mio €uronen, wie ich mir habe sagen lassen. Die Bauarbeiten sind kompliziert, weil in die berühmte Düne gebaut werden muß, und deshalb der Untergrund speziell abgesichert gehörte. Gleichzeitig bedeutete dies nicht nur eine Erhöhung der Baukosten, sondern auch der Bauzeit. Aber dies nur am Rande.

Der Gemeinde Seeheim-Jugenheim fehlt – wie wir schon einmal vorgerechnet haben – derzeit das Geld, um den Turnhallenbau selbst in Angriff nehmen zu können. Man ist hier auf die Unterstützung des Kreises durch das Land und den Bund auf ungefähr € 4 Mio angewiesen. Weitere € 2 Mio kann die Gemeinde in einem Jahr schon auftreiben, weitere € 2 Mio kamen ja als Sachspende von Bilfinger&Berger. Jedoch ist der Bau jener neuen Gemeindesporthalle teurer als die so zusammen kommenden ungefähr € 7.8 Mio. Die Gemeinde rechnet hier locker mit € 8.8 Mio, während die wirklichen Pesimisten in der Gemeinde mit € 10 Mio rechnen, da man mit Bauverzögerungen rechnen muß, da die alte Halle zuerst vom Asbest befreit werden muß, bevor man richtig abreißen kann.

Alles schön und gut und noch keine Tragödie. Nun ist es jedoch so, daß Pfungstadt, daß bedeutend kleiner ist, und auch keine so große und allgemein wertgeschätzte Schule wie das SBS sein eigen nennt, von Christel Fleischmann zwei neue Turnhallen genehmigt bekommen hat. Nicht, weil Christel Fleischmanns Wahlbezirk denn nun in Pfungstadt läge – der liegt in Seeheim-Jugenheim, genauer in Seeheim – sondern deshalb, weil die Grünen in Pfungstadt Zeichen setzen wollen. So wie die Aktion ihrer Umweltreferentin, den im dortigen Wald heimischen angeblichen Schadkäfer mit Sprühattacken auszurotten!

Hier greift mal wieder ein Rädchen ins andere. Pfungstadt bekommt also zwei Turnhallen, während Seeheim-Jugenheim nun nur noch ein Jahr Zeit hat, beim Land dementsprechende Gelder für das eigene Turnhallenprojekt zu beantragen. Erschwerend kommt noch hinzu, daß sich der Gemeinderat immer noch nicht auf den Baustil der Sport- und Kulturhalle geeinigt hat. Immerhin kam ja von der CDU der geniale Vorschlag, gleich ein Kommunikationszentrum daraus zu machen und sämtliche gemeindlichen Bibliotheken dort zusammen zu legen. Und bei der Aussortage der Doppelungen gleich noch jene Werke mit zu entfernen, die man als jugendgefährdend ansieht (wir verfügen über eine Insiderquelle, die diese Vermutung zwischenzeitlich bestätigte). Der freie Buchbestand der Gemeinde wäre also um ca. 70% geschrumpft, damit alles in die neuen, größeren, luftigeren, lichteren Räume paßt.

Das Projekt Sport- und Kulturhalle ist demnach also schon so gut wie gescheitert. Sollte es nun bei der kommenden Bürgermeisterwahl dazu kommen, daß der von der aSPD gestützte und von der CDU aufgestellte derzeitige Amtsinhaber Olaf Kühn, tatsächlich abgewählt wird und statt diesem Herr Sydow von den Grünen Bürgermeister werden, ist das Unternehmen neue Sport- und Kulturhalle für die Gemeinde geplatzt. Nicht, weil Herr Sydow einen Neubau nicht befürworten würde, sondern weil er ihn befürworten würde, es im Gemeinderat jedoch Küngelei gibt, da aSPD & CDU eine große Koaliton bilden, damit die FDP im Gemeinderat verbleiben kann. Eben jene Partei, deren politischen Rauswurf aus dem Gemeinderat die Grünen wollten, um in der kleinen Gemeinde endlich wieder einen humanitäreren Wind wehen zu lassen.

Da die offizielle Bewilligung für die neue gemeindliche Sport- und Kulturhalle immer noch nicht durch ist – wiewohl schon seit über einem Jahr der Baugrund festgelegt ist – bedeutet dies wohl eines: Die Seeheimer Bürger werden sich auf eine lange Durststrecke einstellen müssen. Das die Gemeinde zwischenzeitlich die Wasseranschlüsse an der alten maroden Sport- und Kulturhalle hat erneuern lassen, ist da auch nur ein kleiner Randvermerk. Jedenfalls deutet es darauf hin, daß sich der Gemeinderat bereits damit abgefunden hat, daß vor dem Jahr 2050 keine neue Sport- und Kulturhalle in Seeheim gebaut wird. Zumindest nicht am ausgemachten Platz.

Ach ja, Christel Fleischmann hat aber inzwischen die zweite Sporthalle für die internationale Schule am SBS abgesegnet. Diese wird im Verlauf des nächsten Jahres gebaut werden. Und sie erhält einen Anteil von den € 4 Mio für den Bau. In dieser Halle sind übrigens nur die unbedingt für den schulischen Betrieb notwendigen technischen Installationen genehmigt. Also keine ausfahrbare Tribüne und andere Scherze. Es wird also, jetzt wo auch in Pfungstadt jene beiden Turnhallen gebaut werden, bis auf weiteres keine Sport- und Kulturhalle in Seeheim geben. Ich finde, die interessierten Bürger sollten dies wissen, damit sie wissen, welche beiden Kandidaten auf das Bürgermeisteramt sie bei der anstehenden Wahl im Oktober eindeutig nicht wählen. [Doch zur Bürgermeisterwahl wird es noch separate Artikel geben.]

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1 Kommentar on Der Turmhallenbau zu Babel

  1. migrant sagt:

    Eine nette Brücke zwischen Vergangenheit und 2050 🙂