Liebe Leser,
unlängst nahm ich an einer Stadtführung anlässlich eines Literaturtages teil. Diese sollte dem geschichtsbewussten Bürger der ehemals freien Reichsstadt Frankfurt die Töngesgasse näher bringen. Ich kam wie so oft, zu spät und geriet in eine Führung über die Einkaufsmeile der Zeil. Dort blieb ich mit offenem Mund stehen, als ich erfahren musste, wie ein gewissenloser Arbeitsloser die Schuhfabrik Adler von ehemals jüdischen Mitbürgern „aufgekauft“ habe: indem er sie in ein KZ einliefern und sie solange zermürben ließ, bis deren Besitzer zu einem Dumpingpreis verkauften und nach ihrer Entlassung das Weite suchten und auch fanden. Der eigenen Tochter verschaffte er einen gutbezahlten Chefposten und so produzierte die geschluckte Firma weiterhin „Schlabbe“ für die Eintracht.
Ich eiste mich dann doch los und fand mich in der Töngesgasse wieder, gerade rechtzeitig, um pikante Details aus dem Leben des Dr. Senckenberg zu erfahren. Der Stadtführer lobte ihn und sein Schaffen in den höchsten Tönen. Da musste ich an den Skeptikerverein denken, der sich jüngst darüber mokiert hatte, dass in sogenannten „Dr.Fabriken“ Schulmediziner eine Promotion gegen eine kurze Abhandlung über mittelalterliche Klosterheilpflanzen erhalten hätten. Nun war es so, dass ich mich lebhaft an jene Tafel in der Nähe des Petersfriedhofes und des ehemaligen Stiftes erinnern konnte, die verkündete, eben jener Senckenberg habe über das Maiglöckchen promoviert. Und nun ließ sich der Herr vor uns darüber aus, dass die Forschungs-und Stiftungsarbeit des Dr. Senckenberg gewissermaßen den finanziellen und geistigen Grundstein der heutigen Universität in Frankfurt gelegt hätten. Er betonte, wie wichtig die Errichtung eines anatomischen Institutes gerade hier in Frankfurt gewesen sei. Dieser Ansicht war wohl auch Senckenberg selbst gewesen, und um so mehr verwunderte mich dann der Hinweis darauf, dass selbiger testamentarisch habe festlegen lassen, nicht in der eigenen Anatomie seziert werden zu wollen. Noch merkwürdiger wird es, wenn man dann erfahren muss, dass sich die Nutznießer und Erben der Stiftung mitnichten an den letzten Willen ihres Wohltäters gehalten , sondern die sterblichen Überreste desselbigen in der neugegründeten Anatomie sezierten. Denn der gute Stifter war bei der Besichtigung vom Baugerüst gefallen…Der Vortragende zog dann einen geistigen Bogen über den Struwwelpeterautor Dr. Hoffmann bis hin zu dem Vater der Chemotherapie Paul Ehrlich.
Tief grübelnd erreichten wir den Schandfleck der Töngesgasse, das nicht mehr existierende Haus des Fettmilch; dass es sich bei diesem nicht um die creme der la creme sondern um Abschaum handelte, entnahm ich dem weiteren Vortrag. Mir war die Geschichte größtenteils bekannt, wenn ich auch nicht nachvollziehen konnte, wie aus dem Vorwurf der Steuerveruntreuung an die den Rat dominierende Adligengewerkschaft Alten Limpurg ein Progrom des an die Töngesgasse grenzenden Ghettos werden konnte…Vermutlich stifteten die damaligen Antoniter, deren Stift an der Staufenmauer anlag, etwas Unruhe. Oder es waren die angrenzenden Dominikaner? Im ausgehenden Mittellalter besaß Frankfurt sehr viele klerikale Stiftungen, gestiftet von wohlhabenden Rittern und Patriziern. Der Stiftungsgedanke war also nicht neu, als ihn Senckenberg aufgegriffen hatte. Damals erhitzten sich die Gemüter der Handwerkergilde aus der Hinterbank des Rates, der auch Fettmilch angehörte,daran, dass man im Römer Orgien feierte, während die Handwerksgesellen im Hospital zum heiligen Geist auf Stroh schlafen mussten. Was selbige ins Krankenhaus gebracht hatte, darüber ließe sich endlos spekulieren…Ja, ja die braven Bürger…Tief in Gedanken versunken hörte ich dann das Ende des Vortrages mit, der uns das unrühmliche Ende Fettmilchs nahebrachte…Ich hätte gerne nachgefragt, was es mit der lebenslangen Haft des jüngeren Bruders Senckenbergs auf sich habe, der es gewagt hatte, sich bei den alten Limburgern lieb Kind zu machen, nur um sie später mit ihren dunkelsten Geheimnissen erpressen zu können.??? Oder was es mit dessen Versuch, Senckenberg zu entmündigen auf sich gehabt habe, um an das Stiftungsgeld zu gelangen? Oder wie es überhaupt zu der Einlage der Stiftung gekommen sei,bzw. warum Senckenberg so oft zum Witwer wurde und so reich erben konnte, ob das vielleicht am Maiglöckchenparfum gelegen haben könnte???
Ich verkniff mir die Frage und stiefelte schnurstracks weiter zum Friedrich Stoltze Museum der Sparkasse, das die Führung organisiert hatte. Der Führer selbiger hatte uns noch wissen lassen, dass der Sohn Stoltzes, nämlich Adolf Stoltze ein Theaterstück über den Fettmilch geschrieben habe,in dem er eher zu dessen Gunsten Position bezogen habe…Gesagt getan, da stand ich vor zwei dichtbedruckten Infotafeln vor dem eindrucksvollen Gebäude, das ebenfalls an ein Stift gemahnte. Und dort traute ich meinen Augen kaum, als ich las, dass selbiger Fettmilch dem niedern Landadel entstammte…Ich dachte nur leise bei mir „alles diesselbe Bagage“…und las weiter.
Ich erfuhr nebenbei, dass so bedeutende Personen wie der Vater der Atomkraft und der Erfinder der Instantnahrung der Töngesgasse entstammten und dass sie beide zudem aus gutbürgerlichen Verhältnissen kämen- der Vater war jeweils Glasermeister.
Hier also war der Mittelpunkt der Welt- hier hatte man den Milchbrei erfunden, mit dem auch ich großgezogen wurde, hier wuchs der Mann heran, dem die Welt Hiroshima und Fukoshima, dem sie Biblis, Cattenom und Tschernobyl verdankt….Tags zuvor hatte es auf dem Römer eine Kundgebung gegen jegliche Nutzung der Atomenergie gegeben und ich dachte bei mir, dass sie hier hätte stattfinden sollen, vor dem Haus dessen, der sich für die friedliche Nutzung selbiger eingesetzt hatte und nebenbei die Grundlagen für die Atombombe geschaffen hatte.

Dann aber schämte ich mich und sagte mir, dass eigentlich Marie Curie,also das Weib, an allem schuld sei und dass man ja doch nicht ohne Röntgenstrahlung auskommen könne…Außerdem , was sollte denn aus dem riesigen Absatzmarkt der Krebsmedizin werden, wenn die Krebsrate aufgrund der Strahlenrate zurrückginge? Was würde aus den ganzen neuen Arbeitslosen, die in der Herstellung und Anwendung von Strahlentherapeutika und Chemotherapeutika beschäftigt sind? Was würde aus dem Erbe Paul Ehrlichs???  Nein, das wäre einfach unmenschlich.

Gleichzeitig gedachte ich wieder des Dr. Senckenberg,  des Abgestürzten und seines anatomischen Durchbruches( am Ende hatte ihn wohl doch noch der Fluch seiner Eheweiber getroffen). Und ich gedachte des Vaters des Gaskrieges, dessen Ehefrau sich aus Protest( auch sie war Chemikerin) mit dessen Dienstwaffe erschossen hatte…Und ich fragte mich, woher der eklatante Milchnotstand in den damaligen Kliniken des 19. Jahrhunderts entstanden war, der Henri Nestle doch erst zu seiner Erfindung der Instantmilch beflügelt hatte???

Und auf einmal war es mir wieder gegenwärtig: Da gab es doch so einen verrückten Arzt namens Semmelweiß, der in Österreich mit der Erforschung des damals grassierenden Kindbettfiebers beauftragt worden war und mit Erschrecken feststellte, dass die Ursachen bei seiner Zunft lagen….Denn im Zuge des Einzugs der anatomischen Wissenschaft an den neuen Bürgerhospitälern, und im Zuge des weiterhin grassierenden hygienischen Notstandes hatte es sich ergeben, dass diverse Geburtshelfer, frisch Entbundene vom Kindbett auf den Seziertisch befördert hatten…Und zwar, indem sie sich nach den jeweiligen Sektionen nicht einmal die Hände wuschen….So wurde im 19. Jahrhundert nicht nur das Milchpulver erfunden, sondern auch die klinische Sauberkeit, die auch heute noch manchmal zu wünschen übrig lässt.

Semmelweiß wurde natürlich von der eigenen Zunft nicht ernst genommen und das war wohl auch gut so. Denn ohne die hohe Sterblichkeit von Müttern wäre die Erfindung des Nestlepulvers wohl nicht zum Verkaufsschlager mutiert. Und so will ich Nestle jedesmal gedenken, wenn ich mal wieder ein Produkt seiner AG verzehre und mir sagen, dass meine emotionale Abhängigkeit von Kuheutern edlen Zwecken dient, nämlich der Erhaltung eins Kuhmilchimperiums….Also sind Abschaum und Milchschaum wohl synonyme Begriffe. Sie stehen beide fürs Absahnen.

Und Semmelknödel erinnern mich irgendwie an…Brüste, allerdings an solche mit Mammakarzinomen. Also beim nächsten Stadtrundgang werde ich keinen so tiefen Auschnitt mehr tragen. Ich habe beschlossen, die Krebsindustrie zu boykottieren, auch wenn das irgendwie amoralisch sein sollte. Sorry, Paul Ehrlich. Ein Hoch auf die Anatomie, ja ich weiß, jeder Chirurgiestudent muss üben, muss aber ja nicht unbedingt an mir sein.

 

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