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Unter dieser Überschrift könnte man Gentrification ebenfalls verkaufen. Natürlich kommt nichts von ungefähr, so auch nicht die politische Maßnahme, aus angeblichen Brachland wieder sprudelnde Geldquellen zu machen. Und da eine Art des Geldmachens bis heute eine ist, die niemals eingeschränkt werden wird, wird es wohl immer so weiter gehen. Wie immer auf Kosten derjenigen, die keinerlei Lobby haben.

Gentrification, was ist das denn genau? Nun, die Frage ist berechtigt, aber unsinnig. Gentrification bedeutet nicht mehr, als das eine unbewohnbare Innenstadt von Investoren entdeckt und dann dementsprechend umgestaltet wird. Nicht die Lebensgrundlage des Einzelnen spielt dabei eine Rolle, sondern die Gewinnmarge ist entscheidend. Man sieht es beispielsweise in Frankfurt ganz gut am Gallus-Viertel, daß in den vergangenen Jahrzehnten radikal aufgewertet wurde. Oder an der Peter-und-Paul-Kirche, deren Umfeld von der Ruinenlandschaft in eine urbane Lebenszone verwandelt wurde. Derzeit ist die Gentrification – die mit außerordentlicher Genehmigung der GRÜNEN/B90 in Frankfurt/Main stattfindet – effektiv dabei, daß alte Bahnhofsviertel um die Kaiserstraße herum in etwas zu verwandeln, was den Lebensstil vieler Frankfurter auf immer verändern wird.

Gentrification ist die moderne Art der Urbarmachung einer Metropole für die Konten von Geldgebern, die niemals vor Ort gewesen sind. Vornehmlich verdienen gut betuchte Architekten an diesem Scheiß, der den normalen Mittelstand die Lebensgrundlage raubt, weil aus normal gewachsenen Vierteln mit einem Mal Zonen für die Neureichen gemacht werden. Erste Opfer einer Gentrification sind immer wieder die Künstler, die zuerst aufwendig in die Innenstädte gelockt und dann vertrieben werden. Hamburg und Bremen haben hier bereits vorgemacht, wie so etwas läuft. Aktuell klagt die Freie Hansestadt Hamburg gegen drei Dutzend Künstler, die sich in einem Abbruchhaus eingenistet haben und ihr neues Domizil für die Gentrification nicht kampflos räumen möchten. Man kann sich schon ungefähr vorstellen, wie der Prozeß ausgehen wird. Die Künstler werden vertrieben werden und ihre Kunst landet auf dem Müll.

Urbarmachung von Metropolen

Gentrification hat nichts mit Generationswechseln oder so etwas zu tun, obwohl der Name sich dafür regelrecht anbietet. Es geht hier nur um das Geldmachen. Nicht um eine urbane Lebenskultur, die vielleicht dem einfachen Menschen ein Auskommen mit dem Einkommen sichert. Nein, Gentrification ist das genaue Gegenteil davon.

Urban gewachsene Lebensräume werden breitflächig zerstört, um neuen Gebilden und Gebäuden Platz zu machen. Dort, wo einst alte Fachwerkhäuser standen, stehen nach einer Gentrification nun Wohnburgen, die man auch als solche bezeichnen kann. Häuser mit eigenem Wachdienst, verschließbarer Tiefgarage, hauseigenem Sicherheitssystem und einem beinahe kostenlosen Zugang zu den Nutten der Umgebung. Jene werden nämlich nicht vertrieben, sondern in das neugeschaffene urbane System eingegliedert. Und dennoch verlieren sie.

Wenn man eine Metropole vor allem für Investoren interessant machen möchte, muß man zuerst eines tun: Man muß ein Umfeld schaffen, daß scheinbar tote Stadtviertel wieder belebt. Dies bedeutet, daß der erste Schritt einer Gentrification immer das Anlocken von Künstlern ist. Ja, auch in Hanau und Darmstadt wurde so gehandelt. Nur hatte man dabei übersehen, daß die Künstler in dieser Gegend hier weniger an Darmstadt als Wohnort, sondern eher als Wirkungsstätte interessiert sind. Deshalb funktionierte die Gentrification Darmstadts bisher nicht so, wie sie sollte. Doch dies wird der neue Oberbürgermeister Jochen Partsch wahrscheinlich sehr schnell ändern. Wie schon in Berlin, Hamburg, Bremen, wird man Künstlern Angebote und vor allem Unterstützung zukommen lassen, die sie nicht ablehnen können, wollen sie mit ihrer Kunst wirklich Aufsehen erregen. [Von Seitens des neuen Oberbürgermeisters der Stadt Darmstadt war zu dieser Frage übrigens sehr wenig zu erfahren.]

Dies bedeutet kostenlosen Wohn- und Arbeitsraum, Ausstellungsflächen, etc. Dies sind die Lockmittel. Unter Umständen noch für jeden Künstler, der bei dieser Aktion mitzieht, ein monatliches Salär von € 1.000 zusätzlich zum empfangenen Hartz IV. [Dieser Trick lief in Bremen sehr gut, bis die Investoren von der Qualität des Quartiers überzeugt waren. Danach wurden postwendend die Zahlungen eingestellt, inklusive Hartz IV. Der Redaktion sind die Namen der betroffenen bremer Künstler bekannt.] Hiermit lockt man Künstler an und zwingt sie genau das zu tun, warum sie in die Stadt gekommen sind: Die Qualität des Quartiers entscheidend anzuheben.

Nur wenn dies erledigt ist, sind Investoren bereit, in solch eine windige Geschichte wie Gentrification zu investieren. Vor allem dann, wenn die Städte und Gemeinden eine Gewinnmarge von 25% versprechen, die man sonst nur bei der DEUTSCHEN BANK erhält. Meistens ist jene sogar die Rückendeckung gebende Bank solcher Investitionen. Im Bereich Frankfurt/Main, wo demnächst die Gentrification des Ostviertels ansteht, hängt sogar noch eine Landesband drin, deren Namen nicht genannt wird. Vornehmlich deshalb, weil jene Bank auch den Neubau des Verwaltungstraktes der EZB vorfinanziert hat. [Und nein, es ist nicht die DEUTSCHE BANK.]

Metrople als Lebensraum

Für wen sollen Innenstädte denn Lebensraum bieten? Für die Reichen und Schönen? Für den Künstler von Nebenan, der gezwungen ist von Hartz IV zu leben, weil er für seine Kunst von den Verlegern/Galeristen nicht richtig bezahlt wird? Alles falsch.

Der moderne urbane Lebensraum hat nichts damit zu tun, daß sich die Reichen und Schönen im Stadtzentrum nieder lassen. Genau jene möchte man nicht in den Innenstädten. Dort möchte man die Neureichen haben. Jene, die durch krumme Geschäfte zu Ansehen und Reichtum gekommen sind, oder jene, die durch faule Immobiliengeschäfte Millionengewinne eingefahren haben. Man möchte die Porsche- und Maserati-Fahrer in den Innenstädten haben. Nicht die Vorzeigegrünen, die mit einem Ökomobil durch die Stadt kutschieren. Solche Individualisten möchte man gar nicht haben.

Nur wie lockt man die neureiche Klientel an, damit man sie ausnehmen kann? Die Investoren bei der Gentrification nutzen dazu die Anwesenheit von Künstlern in den im Umbau befindlichen Stadtvierteln. Sobald ein Neureicher bereit ist, einen gewissen Preis für ein Anwesen im Stadtzentrum zu bezahlen, müssen die Künstler gehen, die inzwischen gute Cafés, Restaurants und eine Lebenszone angelockt haben. Also Kneipen, Diskotheken und andere Amüsierbetriebe. Wie gesagt fallen die Huren des Viertels unter Inventar und werden nicht betrieben, sondern mit sehr gut ausgekochten Mietvderträgen Standortgebunden.

Phase zwei beginnt dann, wenn das erste alte Fabrikgebäude umgebaut wird. So ist beispielsweise die Frankfurter Kaiserstraße am Bahnhof gerade dabei ihren Flair zu verlieren und wird bereits in eine Amüsiermeile umgebaut. Und zwar in eine Amüsiermeile neueren Musters. Hier richtet die Gentrification den meisten Kollateralschaden an. Einmal werden die Huren daran gehindert, die Innenstädte zu verlassen, andererseits werden die Mieten derart hoch für sie, daß ihr Leben noch unlebenswerter wird. Gleichzeitig zieht rund um sie herum reichere Klientel ein, aber eine Preiserhöhung ist für sie und ihre Dienste nicht möglich. Also werden sie automatisch zu Verlierern des urbanen Umbaus.

Folgen der Gentrification

Die erste Folge ist, daß die umgebauten Stadtviertel nicht nur ihr Flair verlieren, sondern daß das Viertel regelrecht stirbt. Kein leichter Tod, der vielleicht einem Armen vergönnt ist. Sobald die Unikate aus einem Viertel wegziehen, wird daraus Brachland. Erst werden die Künstler vertrieben, danach die Lebenskünstler, am Ende bleiben nur die Huren und die Geschäftsleute, die eh nichts mehr zu verlieren haben.

Die neuen Mieter der umgebauten Fabriken (wie am Beispiel Frankfurt/Main) scheren sich nicht um ihre Nachbarschaft, sondern nutzen das gewonnene urbane Lebensfeld dazu, sich einige Jahre zu amüsieren, bevor sie dann versuchen zu überteuerten Preisen ihre Liegenschaften wieder abzustoßen. In einem solchen Fall beginnt das zweite Sterben der betroffenen Viertel. Auch wieder kein einfaches Sterben, sondern ein brachialer Bruch.

Wenn diese Art des Sterbens einsetzt, bleiben wieder die Huren vor Ort, da sie standortgebunden sind. Die meisten Geschäftsleute werden abziehen, bevor ihr Verlust zu groß wird, der Rest, der dann noch bleibt, sind die gescheiterten Existenzen, die solche zerstörten Wohnlagen immer hervor bringen. Das Viertel wird also nicht mehr als vielleicht zehn Jahre eine Hochzeit haben, und danach systematisch verfallen, weil die Investoren noch den letzten Rest Gewinn herausquetschen wollen. Zu diesem Zeitpunkt wird der größte Teil der Amüsierbetriebe bis auf die Bordelle und Laufhäuser verschwunden sein. Einige Restaurants werden noch drei oder vier Jahre länger durchhalten, bevor sie dann durch die einbrechende Wirtschaftslage, weil die vormals reiche mietende oder kaufende Kundschaft durch arme Schlucker abgelöst wird, endgültig aufgeben müssen.

Gentrification zerstört Leben und Lebensräume. Es werden keine neuen Lebensräume in der Innenstadt dadurch geschaffen, sondern bestehende, natürlich gewachsene, systematisch zerstört. Das einzig und allein das horizontale Gewerbe überlebt, liegt wohl eher daran, daß immer daran Bedarf besteht, sich nur die Preise proportional zur umliegenden Klientel ändern. Ansonsten bleiben von den umgebauten Vierteln nicht genug, daß sie wieder neu starten können. Innenstädte verwahrlosen dadurch endgültig und ähneln eher toten Zonen. [Das Ostviertel in Frankfurt/Main bietet ein gutes Beispiel eines Stadtteils, der die letzte Welle der Gentrification nur ganz knapp überlebte. Die nächste Welle jedoch wird diesen Lebensraum ein für alle Mal zerstören.]

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