Jeder kennt das: Da setzt man sich etwas als absolut in den Kopf und stellt dann auf halber Strecke fest, es geht nicht so, wie man es gerne hätte, wenn man nicht die Umstände in seinem Sinne abändert. So ähnlich muß das wohl mit dem Herrn Mappus und dem Herrn Grube (beide vormals Siemens) gelaufen sein. Es ging aber nicht um erhöhte Parteispendensummen (mit denen Siemens im Moment globalen Ärger am Hals hat), sondern eher darum, ob der Tiefbahnhof S21 wirklich gebaut werden wird.

Bahnchef Grube versprach zwar bei der Mediation schon, daß es einen Streßtest geben wird, und die Schlichtung bewies, daß die Stuttgarter wirklich so blöde sind, wie Grube angenommen hat. Doch wie dieser Streßtest wirklich aussehen würde, daß wurde an keiner Stelle verraten. Nicht einmal von Schlichter Geißler, der wohlwissens das Wichtigste hinter dem Berg hielt.

Nun ist es so, daß der Herr Mappus von den BaWülern deshalb abgewählt wurde, weil er penetrant darauf bestand, daß S21 wirklich gebaut wird. Eigentlich braucht niemand in Stuttgart einen Tiefbahnhof, außer einer Handvoll Investmenthaie und Finanzgewinnler. Eigentlich braucht nicht einmal die Bahn einen Tiefbahnhof nach der Maßgabe von S21, weil der Bahnverkehr von Stuttgart in den vergangenen Jahren (wohl wegen des demografischen Wandels) in Richtung Nord und Süd gewaltig abgenommen hat.

Aber ein Tiefbahnhof S21 wird dringend von Siemens und Daimler Benz gebraucht. Allein schon deshalb, um die eigenen technischen Errungenschaften besser an die Häfen im Norden und Süden schaffen zu können. Nur dies scheint auch nicht so zu funktionieren, wie sich dies einige vorgestellt haben.

Der Immobilienskandal, der da in Stuttgart langsam aber sicher heran wächst, ist auch nicht von schlechten Eltern. Immerhin ist so ein Glücksschmied wie der Herr Mappus einer der Initiatoren dieses Skandals. Aber der Skandal ist nicht eigentlich das skandalöse. Die Stuttgarter sind von ihrer Landesregierung das eine oder andere hirnrissige Verhalten chronisch gewohnt. Ein Land, daß so lange von Konservativen regiert wurde, hat eben Probleme mit moderner Politik. Bis heute gibt es zwischen Stuttgart und Heidelberg keine wirklich funktionierende SBahn-, geschweige denn Buslinie. [Wobei die Überlandbusse der Deutschen Bahn nicht zu zählen sind, weil jene einen viel zu seltenen Takt haben, um wirklich effektiv zu sein.]

Der Skandal ist auch nicht das Abholzen des kleinen Schloßwäldchens in Stuttgart. Der Abriß des Hauptbahnhofsgebäude wurde ja schon im letzten Artikel zu dem Thema angesprochen und das dieses Gebäude eigentlich unter Denkmalschutz gehört, ist es doch ein Baustil, der vor dem Dritten Reich in ganz Deutschland normal war. [Und von dem heutzutage nicht mehr viele Gebäude existieren.] Dies interessiert aber weder die Bahn, noch die jetzige Regierung von BaWü.

Die Deutsche Bahn hat ihren Streßtest durchgeführt. Aber nicht real, sondern rein virtuell. Dies wirft nun die Frage auf, wie ein virtueller Test eines noch nicht einmal gebauten Gebäudes darüber Aussagen treffen kann, ob es denn so funktioniert, wie es sich Bahnchef Grube vorstellt? Natürlich kann es dies nicht. Der Streßtest beweist nur, wenn der neue unterirdische Hauptbahnhof von Stuttgart eine ordnungsgemäße Besteuerung erhält und auch die entsprechende Signalsetzung vorhanden ist, kann er nicht angefahren werden, weil dann die Tunnel chronisch zu eng sind. Selbst für einen der neuen superschlanken ICE-T4 (die T3-Bauserie war die mit den kaputten Radreifen, die schon in mehrere Unglücke verwickelt war) reichen die Tunnel nicht. Wenn man dann auch noch normale Züge in diesen Bahnhof einfahren lassen will – und jeder Güterzug muß durch dieses unterirdische Nadelohr hindurch – wird es recht schnell recht eng dort unten.

Hinzu kommt, daß ein 2Km langer Tunnel nicht mit voller Geschwindigkeit befahren werden kann. Die dabei entstehenden Durckwinde können für die Passagiere, die an den Gleisen warten, lebensgefährlich werden. In der Frankfurter UBahn kann man dieses Phänomen öfter beobachten, wenn dieser Druckwind mal wieder jemanden vor einen einfahrenden Zug bläst.

Das Hauptproblem besteht also nicht nur im Aufbau des Bahnhofs, sondern auch, wie die Politik damit umgeht. Herr Kretzschmann, der neue Ministerpräsident von BaWü hat bereits diese Woche eine eindeutige Drohung von Bahnchef Grube erhalten. Im normalen Leben würde Herr Grube nun eine Anzeige wegen Erpressung erhalten und müßte mit einer mehrjährigen Haftstrafe rechnen. Hinzu kommt, daß Herr Grube eine ordentlich demokratisch (oder doch nicht?) gewählte Landesregierung erpreßt und den Bau des unterirdischen Bahnhofs S21 absolut erzwingen möchte. Wider besseren Wissens, wider der Ergebnisse des virtuellen Streßtests.

Der Haken an dieser Riesendummheit, zu der die Landesregierung von BaWü gezwungen werden soll, ist nun der Umstand, daß Erpressung sich zum Einen nur dann lohnen würde, wenn die Deutsche Bahn selbst einige der Liegenschaften behalten würde, die durch den bereits aufgedeckten abzeichnenden Immobilienskandal in der Hand von Investoren befinden. Andererseits kann ein Durchgangsbahnhof wie geplant nicht den gewünschten Erfolg haben, wie es der derzeit vorhandene Kopfbahnhof hat. Die Deutsche Bahn steht also vor einem doppelten Problem. Zum einen muß sie das Projekt durchführen, da bereits € 2 Mrd. von der Bundesregierung in dies eingeflossen sind (die zurückgezahlt werden müßten, wenn S21 scheitert – zuzüglich Zinsen für den bereits bewilligten Zeitraum), zum anderen entwickelt sich S21 zum prestigemäßigen Daueralbtraum.

Bahnchef Grube hat also das Dilemma, in dem er steckt, selbst erzeugt. So etwas wie die Art von selbsterfüllender Prophezeiung, die sich dann am Ende gegen den daran Festhaltenden richtet. Der Zwang aus S21 einen unbedingten Erfolg zu machen, kann demnach nicht nur die derzeitige Landesregierung von BaWü stürzen, sondern auch der Deutschen Bahn einen solchen Imageschaden verpassen, daß sich der Börsengang wohl bis zum Jahr 2020 aufschieben lassen muß, wenn man denn überhaupt noch etwas retten möchte.

Jetzt wird die grün-schwarze Landesregierung von BaWü einem Streßtest unterzogen. Und zwar eines Streßtests, den sie nicht bestehen kann. Egal, wie sich Herr Kretzschmann letztlich entscheidet, er verliert. Dies ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Weicht er die Regelungen derart auf, daß S21 gebaut werden kann, verliert seine Partei die Gutgläubigkeit ihrer Wähler und der Bürger von BaWü. Verhärtet er die Fronten, behält zwar seine Partei das Wohlwollen des Wahlvolkes, aber BaWü wird der Deutschen Bank in den nächsten 5 Jahren € 2 Mrd. Ausgleich zahlen müssen. Der einzige Gewinner an diesem Debakel, ob Bau oder Nichtbau von S21 wird die Deutsche Bahn sein. Der Bürger BaWüs jedoch wird in jedem Fall der Verlierer sein.

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