Dies ist kein einfacher Artikel in eigener Sache. Sondern basiert auf einer Beobachtung, die ich vor einiger Zeit machen durfte. Das asiatische Musik- und Popgeschäft ist eigentlich nur zwischen kontinentaler und japanischer Mentalität geteilt, ansonsten wird hier relativ gleich verfahren.

Um es vorneweg zu schicken, der Begriff des PopIdols ist in Westeuropa weitgehend unbekannt und nur WOTAs, OTAKUs oder SONAs wissen näher, was damit gemeint ist. Die Wikipedia ist darüber ein wenig strittig, weil man dort – wegen der eigenen stellenweise unsinnigen Reglementierungen – nicht genau weiß, welche Art von Idol man denn nun näher in Betracht ziehen sollte. Relevanz ist hier nicht das einzige Grundthema, welches bei dem Thema Idol öfter mal mit den WikiRegeln kollidiert.

In Asien gilt der Beruf des Idols als ehrenhaft. Zwar steht er gesellschaftlich auf einer Stufe mit der der Geisha (womit nicht die Liebeshure gemeint ist), doch ein Idol kann richtig viel Einfluß gewinnen. Und dies nicht nur durch seine Fans, WOTAs & OTAKUs. Nein, der Nerv geht hier bedeutend tiefer. Umso schmerzhafter ist es dann auch zu sehen, was hin und wieder geschieht. Idols haben in Japan Macht. Sie sind nicht die kleinen unwichtigen Künstler wie in Europa, sondern sie stellen eine Gesellschaftsschicht dar, die zwischen Oberschicht und Bürgertum angesiedelt ist. Und der Job des Idols ist nicht auf die Frau beschränkt. Es gibt auch männliche Idols, so wie der Schauspieler, der volle 10 Jahre lang Kamen Rider darstellte und dann vor 2 Jahren überraschend das Handtuch warf, weil sein Ruhm, Ruf und Einfluß scheinbar nur an dieser Rolle festgemacht schien. [Und dies, obwohl er zwischendurch größere Rollen auch in anderen Filmen annahm – darunter auch in einem koreanischen Thriller, der es leider nie nach Deutschland schaffte.]

Doch die Spezifikation eines Künstlers als Idol funkioniert auch nicht gerade so. Geschieht nicht von jetzt auf gleich, sondern ist ein langer beschwerlicher Weg. Viele japanische Künstler arbeiten in vielen Bereichen. Die meisten singen, manche schauspielern noch nebenher oder schreiben Bücher oder Artikel in Zeitungen und Magazinen. Am erfolgreichsten sind jedoch jene, die das meiste Potential haben und sich nicht nur einfach in Photobooks (übrigens etwas, mit dem ich erst konfrontiert wurde, als ich fast zum WOTA wurde) ablichten lassen, sondern regelrechte politische Statements abgeben.

Jackie Chan gilt ebenfalls als Idol (zwar als männliches, aber immerhin). Sein Einfluß im kommunistisch-kapitalistischen China ist nicht zu unterschätzen. Dennoch wird er vom Westen nicht als Politiker wahrgenommen, sondern als Schauspieler. Obwohl Chan in Hongkong und Shanghai westliche Grundrechte durchsetzen konnte und das jene auch weiterhin erhalten blieben, nachdem Hongkong wieder an China zurückgegeben wurde. Vorher war Jackie Chan nämlich kein chinesischer Schauspieler sondern britischer Staatsbürger. Seinen britischen Paß hat er heute noch, weil jener es ihm gestattet, daß gesamte Commonwealth zu bereisen. Aber dies sind nur kleine unwichtige Details, die mit dem eigentlichen Thema nicht viel zu tun haben. Als Jackie Chan gefragt wurde, ob er am Olympiadensong mitwirken wollte, stellte er eindeutige Bedingungen. Die kommentarlos akzeptiert wurden. Und den chinesischen Künstlern – zumindest jenen aus Taiwan, Hongkong & Shanghai – mehr Freiheiten brachten. Jene Künstler engagieren sich übrigens auch sehr im sozialen Bereich. Und Jackies alte Kampfschule, bei der er selbst lernte, und in der er heute einer von insgesamt 7 Senseis ist, genießt einen inzwischen sogar weltweiten Ruf, die besten Schaukämpfer auszubilden.

Doch kehren wir zum Thema zurück. Die Klassifizerung, was denn nun ein Idol genau ist, ist ein wenig schwierig. Die Wikipedia ist keine Hilfe und Gespräche mit Asiaten zeigten nur, daß man dort ein Idol wie einen normalen Menschen ansieht. Es gibt also keinen Starkult, wie im Westen üblich, sondern ein durchaus sittsames Benehmen dem Idol gegenüber. In Fernsehmagazinen treten Idols öfter auf, um ihre Meinung zu sagen, oder herumzukalauern. Übrigens ein Hobby, daß viele Japaner haben. Japaner haben einen ausgeprägten Sinn für Humor, der größtenteils in seiner Ausprägung durch das gerade IN-Idol bestimmt wird.

Komplizierter wird es hierbei nur, wenn man die vielen Musikbands und -groups in Japan einmal betrachtet. Auch wenn das japanische Volk kaum größer als das Deutsche ist, so existieren dort permanent ungefähr 5000 Musikgruppen in jeglicher Konstellation, die ihre Musik auch verkaufen. Anders als in Deutschland, wo wir vielleicht gerade einmal auf 1.000 nennenswerte Gruppen kommen, die in den seltensten Fällen auch etwas verkaufen. [GEMA sei Dank. Immerhin verhindert jene Organisation gezielt Verkäufe kleiner Künstler.]

In Japan wird dies bedeutend unkonventioneller gehandhabt. Ungefähr 3/4 aller Künstler sind übrigens in der Gewerkschaft zetima organisiert. Das H!P entstand selbst aus der Gewerkschaft heraus. Doch dies ist nur eine Facette dessen, wie die künstlerische Organisation in Japan und Asien wirklich funktioniert. Jedes asiatische Land hat eine separate Künstlergewerkschaft, die jedoch in einer Dachorganisation zusammen geschlossen sind und auch die Interessen chinesischer Künstler vertritt. [Die Dachorganisation. In einem kommunistischen Land werden ja angeblich keinerlei Gewerkschaften benötigt.] Diese Künstlergewerkschaften achten auch penibel darauf, daß ihre Mitglieder sich ständig weiterbilden. Und dies auf allen Bereichen, in denen sie arbeiten.

Wenn also eine Sängerin gleichzeitig auch noch Bücher schreibt, muß sie im Auftrag der Gewerkschaft an Autorenseminaren teilnehmen oder gar internationale Autorenkongresse als Repräsentantin besuchen. Dies ist keine Ausnahme, sondern die Regel. Meist sucht die Gewerkschaft dann auch nicht ihre besten Autoren heraus, sondern eher den normalen Durchschnitt. Immerhin soll ja keine Werbung für eine Elite gemacht werden, sondern für die Gewerkschaft als Ganzes. Die asiatische P.E.N. ist übrigens zehnmal besser und offener als die europäische oder westliche organisiert. Dort kann man bereits mit einem veröffentlichten Buch die Mitgliedschaft beantragen, während im Westen nach wie vor die Regel gilt: Unter 2 Büchern hast du hier nichts verloren.

Doch kehren wir wieder zur Überschrift zurück. Da es in Japan sogenannte Idol-Groups gibt (Morning Musume zählen dazu, AKB48 jedoch auch), verfügt das Idol über mehrere Funktionen. Als Japan im vergangenen Jahr durch das Fukushima-Desaster regelrecht in Apathie versank, waren die Idols die einzigen, die Initiative zeigten. Die Girls von AkB48 trommelten mit den Nationalen Verteidigungsstreitkräften (SDF) Hilfskonvois für das Krisengebiet zusammen und besuchten auch das Tsunami-Gebiet und halfen ganz unkonventionell mehrere Wochen bei den Aufräumungs- und Bergungsarbeiten. H!P nahm eine besondere Single auf, „Ai wa kazu“, so der Song, und spendete die kompletten Einnahmen (nicht nur einen Teil, wie in diversen fehlinformierten Blogs zu lesen war) den Rettungskräften.

Diese Aktion der Idols, die nicht nur aus einem besonderen nationalen Bewußtsein heraus getätigt wurde, hatte Konsequenzen. Noch heute agitiert zetima offen gegen die japanische Regierung, die die Katastrophe von Fukushima mit zu verantworten hat. Deshalb kommt es nicht selten vor, daß Idols sich gewissen Verpflichtungen einfach entsagen und nicht auf diplomatischen Empfängen erscheinen. [Im Falle des Besuchs von Bundespräsident Wulff im vergangenen Jahr in Japan machten 5 Idols von AKB48 eine positive Ausnahme, da bei jenem Botschaftsempfang um Unterstützungsgelder für Fukushima geworben wurde. Einige Wochen danach kam dann heraus, daß alle 5 Mädels, die bei diesem Empfang anwesend waren, Familienangehörige in Fukushima hatten und jene durch die Katastrophe verloren. Natürlich ließ sich die Bundesregierung bei wirtschaftlicher Hilfe nicht lumpen. Und dies ist nur diesen Idols zu verdanken, die mehr Einfluß zeigten als die Anfragen der japanischen Regierung, die keine Unterstützungsgelder von Deutschland zugesagt bekam. Aber dies nur nebenbei.]

Es ist nun einmal so, daß ein Idol in Japan mehr Einfluß besitzt, als es selbst ein Lokalpolitiker hätte. Wenn sich Idols in den Medien gegen gewisse Machenschaften aussprechen, werden diese abgestellt. Genauso verhält es sich, sollte ein Idol über Gebühr von einem WOTA belästigt werden. In den seltensten Fällen erstattet das Idol oder dessen Managment Anzeige. Aber Stalker und so werden postwendend von der Polizei kassiert und erst einmal außer Reichweite gebracht.

Idols sind ähnlich Geishas sakrosankt. Wer Hand an ein Idol legt, muß mit deftigen Strafen rechnen. Japan versteht in dieser Hinsicht keinen Spaß, da die Idols in der Gesellschaft eine terminierende Rolle haben. Sie können Regierungen zu Fall bringen oder aber stützen. Sie können apolitisch in NGOs agieren oder direkt in Parteien. Doch ihr Status als Idol erlaubt ihnen Sachen auszusprechen, die sich der einfache Japaner nicht so einfach getrauen kann, ohne sein Gesicht zu verlieren. Als Personen des öffentlichen Lebens besitzen sie nicht nur in ihren Heimatpräfekturen entsprechenden Einfluß, sondern auch darüber hinaus.

[Angeblich soll einmal bei einem Konzert Ueto Aya sich gegen die Machenschaften eines Rathausbeamten ausgesprochen haben, der nicht nur ihre Tournee mit seinem Getue gefährdete, sondern auch ihren Namen dabei schlecht machte. Nachdem sie sich in diesem einen Konzert entsprechend ihrem Frust Luft gemacht hatte, wurde der besagte Rathausbeamte auf eine Position versetzt, wo er keinen kulturellen Schaden mehr anrichten konnte. Die Geschichte ist übrigens durch 2 Quellen verbürgt, auch wenn ich sie selbst noch nicht gefunden habe.]

Idols haben Macht. Auch über Japan hinaus.  Am interessantesten an dieser Sache ist jedoch, daß ein Idol mehr Rechte zu besitzen scheint als die normale japanische Frau. Einem Idol vergibt man einen Fehltritt eher als einer normalen japanischen Frau, die immer darauf bedacht sein muß, ihre Ehre und ihr Gesicht zu wahren. Deshalb ist es nicht verwunderlich, daß verschiedene Idol-Groups allein um zu provozieren und den Status der Freiheit für alle Frauen zu erreichen, ihre Sexualität regelrecht zu Markte tragen. Jedoch nicht in JAV (japanese adult videos) – dies kommt zwar auch vor, aber es kommt drauf an, wie der JAV gemacht ist) – sondern dann einige Zeit als Gravure. [Dies bedeutet schlicht als Halbakt oder Unterwäschemodell.]

Allein, daß die Idols wissen, daß sie mit ihren körperlichen Reizen ihren Einfluß ausbauen können und sich dabei herzlich wenig darum scheren müssen, ob sie dabei ihr Gesicht verlieren, veränderte viel in den letzten Jahren in Japan. Seit Beginn des neuen Jahrtausends kann man also nicht nur bei den Idols Japans ein gesteigertes Selbstbewußtsein beobachten. Dies scheint allgemein zu denken. Und eine Katastrophe wie Fukushima zeigt dann einmal mehr, daß Idols mehr sind als nur glitzernde Stars – wie hier bei uns, die nicht bereit sind, irgendeine Art von Verantwortung zu übernehmen – sondern wirklich Teile des Systems, die jenes ganz schön ins Schlingern bringen können, wenn sie es nur wollen.

Als AKB48 (Team A & K) bei der SDF ein mehrmonatiges Praktikum absolvierten (welches den Mädels auf ihre spätere reguläre Dienstzeit angerechnet werden wird), kamen sie in eine separate Kaserne am Fuji, da die Heeresleitung nicht garantieren konnte, daß nicht einige WOTAs unter den normalen Soldaten in irgendeiner Form Amok laufen könnten. Idols sind ihren Fans verbunden. AKB48 absolvierte das Praktikum mit Auszeichnung, sprach sich dann aber hinterher vor laufenden Kameras dafür aus, daß die SDF nicht in globale Krisengebiete ziehen, sondern eher weiter vermehrt im Heimatschutz tätig sein sollte. Dies war mehrere Monate vor Fukushima. Im Endergebnis führte das Verhalten der Mädchen dazu, daß die SDF im Katastrophengebiet beinahe direkt eingriff und nicht einmal den Oberbefehl abwartete. Hier handelte das Militär eigenmächtig und rettete Leben. Durch den positiven Einfluß von Idols.

Ich betone dies an dieser Stelle, da wir auch hier im Westen solche Künstler gebrauchen könnten, die ebenfalls ohne Rücksicht auf ihr Ansehen bereit sind, für das Richtige einzustehen. Nur ob es dann auch klappt, liegt allein an ihren Fans. Und der japanische, bzw. asiatische Fan definiert sich ein wenig anders als hier bei uns. Dies sollte man bedenken. Dem Westen würde ein wenig mehr asiatische Mentalität gut tun. Dann wären wir hier bedeutend gesellschaftlich und moralisch weiter.

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