Man kann ja viel über die Piratenpartei sagen/schreiben. Unter anderem auch, daß sie wohl mehr Faschisten unter ihrer Fahne vereinigt, als es selbst derzeit DIE LINKE oder gar die NPD tut. Dies ändert jedoch nichts daran, daß man mit den Funktionären/Funktionsträgern innert der Partei einfach nicht sprechen kann. Es ist schon ein schwerer psychologischer Nachteil, wenn die Piratenpartei sich außer Stande sieht, gewissen Forderungen der Occupy/EDJ-Bewegung nicht offen Widerstand zu leisten.

Im Prinzip ist nichts gegen die Piratenpartei einzuwenden. Jetzt, wo der FDP sogar die Jungmitglieder wegrennen und sich lieber bei grün oder hellrot orientieren, muß eben eine neue Mittelstandspartei her, die solche versprengten Schafe wieder aufsammelt und sie unter dem Banner der Volksgesundheit (übrigens nicht mein Spruch, sondern einer, den ich aus einem piratenkritischen Blog übernommen habe) wieder auf Linie bringt.

Gegen das Gebaren der Piratenpartei wäre prinzipiell auch nicht sehr viel einzuwenden. Ja, wenn es da nicht das Problem mit der grundsätzlichen braunen Grundmeinung über Andersdenkende gäbe. Klar, die Piratenpartei hat sich als Einthemenpartei versucht, erleidet aber immer wieder Schiffbruch solchen alteingesessenen Parteien wie der FDP gegenüber, die auch nur ein Thema kennt.

Sich dann aber gleich derart aufzuspielen, daß ja GG und menschliche Freiheit über alles geht, ist dann doch ein wenig zuviel. Nichts gegen das Grundthema, daß man schlicht einfach alles aus dem Internet kopieren können muß. Dieser Vorstoß gegen das bestehende Urheberrecht ist dringend notwendig, damit sich dort etwas zugunsten der Künstler ändert. Aber im gleichen Atemzug wird dann auch noch vermittelt, daß was die GEMA hier so treibt, sei gut, und alle anderen sind böse. Wobei man anmerken muß, daß die GEMA mit der piratlichen Rückendeckung alles andere als zufrieden war (wie man dem GEMA-Blog grinsend entnehmen konnte).

Worin besteht also das Problem, welches die Piraten eindeutig haben? Nicht, daß sie nicht schon nach Parteiengesetz entsprechend organisiert sind. Mit ihrer Organisation kommen sie gut zurecht. Auch damit, daß sich ihre Funktionäre immer öfter als zum rechten Rand der Gesellschaft gehörend outen, könnte man zurecht kommen, wenn eben dieses Outing nicht immer so halbherzig geschehen würde.

Wenn aber nun ein Pirat sich gleichzeitig noch als Evangelikaler und als homohob outet, sollte man ein wenig vorsichtiger mit dieser Partei umgehen. Meinungen sind überall erlaubt und die Piratenpartei zeigt hier eine Toleranz gegenüber schwarzen Schafen, von der sogar die aSPD noch einiges lernen könnte. Nur ist der Haken hierbei: Wie weit darf Toleranz gehen? So weit, daß man selbst Holocaustleugner in den eigenen Reihen duldet? Oder noch weiter, daß ein gestandes Parteimitglied offenherzig bekennt, daß es mit der israelischen Siedlungspolitik nicht einverstanden ist, und dann als Antisemit fertig gemacht wird? (Parteiintern natürlich und nur durch Zufall durchgesickert.)

Schaut man sich einmal das durchschnittliche Piratenparteimitglied ein wenig näher an, findet man junge Menschen, die noch nicht grün hinter den Ohren sind, und die vom Leben, wie es nun einmal läuft, keinerlei Ahnung haben. Man findet Berufsanfänger, die sich wegen ihres knappen Gehaltes selten die Musik leisten können, die sie gerne hören und dann eher auf YouTube zurückgreifen, anstatt in den Laden zu gehen, und sich die CDs dort zu holen. Nur muß man deshalb den einfachen Piraten verdammen?

In der Zeit der großen seemännischen Piraten war es so, daß für die britische und französische Justiz der kleine Matrose bei den Piraten immer mit einem blauen Auge davon kam. Seltenst wurden einfache Mannschaftsgrade zum Galgen verurteilt. Es erwischte immer die Offiziere und die Kapitäne, sofern man ihnen denn habhaft werden konnte. Der kleine Mitläufer kam selbst in der schlimmsten Zeit der Piratenjagd – so ungefähr ab 1830 – immer davon, während die Offiziere, meistens schon die Maate, die Arschkarte zogen und auf dem Schafott landeten.

Die Frage stellt sich nun: Wem dient die Piratenpartei? Die Antwort ist hier eine denkbar einfache, deshalb möchte sie auch niemand hören. Die Piratenpartei dient dem Kommerz, den sie vorgibt zu bekämpfen. Schaut man sich einmal die gewünschte Urheberrechtsänderung an, die die Piratenpartei anstrebt, wird man schnell gewahr, daß eine solche Änderung den einfachen Künstler – egal ob in der Musik, in der Literatur, oder plastisch –  entmündigen würde. Der Künstler würde seiner Rechte beraubt, so wie es heute schon bei der BERTELSMANN AG an der Tagesordnung ist.

Dann wird gegen die Kunst selbst gewettert, in dem man die Behauptung aufstellt, daß Kunst jedem zugänglich sein muß. Ich gebe zu, dies wird bereits durch das Grundgesetz garantiert. Doch läuft es nach der Nase der Piraten, wird Kunst wird in „entartet“ und „geartet“ unterteilt. Auf gut deutsch: Alles, was die Piraten als „entartete“ Kunst ansähen, würde eher auf dem Scheiterhaufen als beispielsweise in einer Bibliothek oder Galerie landen. Und die Piraten sehen sehr vieles als „entartet“ an. Zuviel.

Schaut man also einmal dem Piraten aufs Maul, erfährt man schnell, daß diese Partei ihren Namen nicht unbegründet trägt. Schon die alten Piraten betrieben ihre Seeräuberei nur aus Selbstzweck. Es ging noch nicht einmal darum, die überfallenen Handelsschiffe wirklich zu plündern, oder gar Gold- und Silbertransporte abzufangen, sondern nur darum, einen Ruf und einen Namen zu schaffen, vor dem andere Kapitäne Angst empfanden.

Wenn also die Piratenpartei als Partei ernstgenommen werden will, muß sie ihre Selbstdarstellung gravierend ändern. Also weg von dem selbgefälligen Horrorimage, dem Schutz von bekennenden Nazis und Nationalisten in eigenen Reihen und gleichzeitig noch Abstand nehmen zu einigen Äußerungen, die ebenfalls vor einiger Zeit fielen. Nur ist ein Haufen von Egomanen wirklich zu solchem in der Lage? Schon die FDP zeigt, daß dies nicht funktioniert, ohne das eine Partei dann ihre Klientel verliert.

Wer ist nur die Klientel der Piratenpartei? Größtenteils verblendete junge Leute, die tatsächlich meinen, mit Piraten im Parlament ließe sich etwas an den systemalen Zuständen etwas ändern. Die Piraten beweisen schon durch ihre Existenz, daß DIE LINKE auch nur eine Partei des Selbstzweckes ist. Man existiert, weil man existieren möchte und den anderen Parteien Angst einjagen, durch einen Ruf,. den man sich schafft. Die Mehrheit der Piratenwähler sind nun einmal Menschen, die in unserer hemdsärmlichen Ellbogengesellschaft im Allgemeinen als Loser angesehen werden. Zwar ist schon der Wille vorhanden, etwas zu schaffen. Nur möchte man vorher das Bestehende zerschlagen. So funktioniert es aber nicht.

Und weil dem so ist, bilden sich die Piraten auch etwas auf ihre Ohnmacht ein. Sie unterscheiden sich hierin kaum von ihren historischen Vorgängern. Die Piraten wollten einen freien Seehandel garantieren, indem sie die Handelsschiffe der existierenden Großmächte angriffen und versenkten, in den seltensten Fällen plünderten. Die Piraten der alten Zeit stammten auch vornehmlich aus Amerika, die durch diese Maßnahme die Notwendigkeit des eigenen Außenhandels mit den anderen Großmächten aktivieren wollten. Doch schon in der Vergangenheit scheiterte das Projekt.

In der Gegenwart ist die Piratenpartei also eine Partei, die sich vielleicht nach zwei oder drei Generationen selbstsständig auflösen wird, weil sie dann erst bemerkt, daß sie nichts verändern kann. Nicht einmal in ihrem Sinne wandeln kann, weil man viel zu sehr im System selbst drinhängt. Als das Piratenunwesen auf den Weltmeeren für ein gutes Jahrhundert (ab ungefähr 1860) aufhörte, wurde zwar der globale Handel hierdurch stabilisiert, doch die Konsequenz war, daß in den Gebieten, in denen die Großmächte immer noch plünderten, erneut Piraterie aus reiner Notwehr aufkam. So sind bis heute die malayischen Piraten im chinesischen Meer ein Problem, genauso wie die somalischen Piraten vor Afrika.

Würde sich die Piratenpartei jedoch auf genau jene Mißstände berufen, die genau jene Art von Piraterie in der modernen Welt immer noch notwendig machen, könnten sie etwas bewirken. Nur genau dies wollen sie nicht. Pirat ist man aus reinem Selbstzweck, Egoismus, Egomanie. Man möchte als Loser nichts verändern, sondern Teilhabe. Jene verbaut man sich selbst durch sein Tun. Als die klassischen Piraten dies erkannten, wurden sie zu Geschäftsleuten und Bankiers, die in Winzlingsstaaten die Wirtschaft aufbauten und ein freies Bankensystem schufen, in dem heute noch Mrd. an Schwarzgeldern versickern.

Die Piratenpartei kann nur dann etwas ändern, wenn sie sich selbst ändert. Jedoch nicht weiter in Richtung Teilhabe, von der sie sich ausgeschlossen glaubt, sondern eher in Richtung Sozialismus. Und zwar nicht so, wie der Sozialismus von der aSPD und anderen Parteien wiedergekäut wird, sondern so, daß man mithilft, ein System zu schaffen, welches wirklich Fairness garantiert. Nämlich eines war schon bei den historischen Piraten wirklich etwas Besonderes: Es herrschte absolute Gleichberechtigung.

Auch Frauen durften in der normalen Marine dienen, kämpfen und bekamen ihren Anteil an der Beute. Sie konnten sich sogar zu Kapitäninen aufschwingen, wenn sie den Mumm dazu in den Knochen hatten. Entscheidungen wurden vollkommen gleichberechtigt gefällt, und nicht als reine Einzelentscheidung des Herrschenden. Auf diesem Gebiet müssen die Piraten noch sehr viel lernen, darunter fällt dann auch, daß eigene hierarchische System abzubauen und durch ein echtes demokratisches zu ersetzen. Wenn dies den Piraten gelänge, wären sie auch keine Einthemenpartei mehr, sondern eine echte Wahlalternative. Die sie momentan leider nicht sind.

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