Liebe GenossInnen und Leidensgenossen, wo war ich das letzte Mal stehen oder offenen Mundes liegengeblieben? Ach so, ich war ja mal wieder von einem Zahnarzt vor die Tür gesetzt worden, weil ich nicht brav zu allem ja und AAAAmen gesagt hatte. Nun also stand ich draußen vor der Tür und zwar ohne Hauszahnarzt, vor mir die trübe wenn auch erheiternde Aussicht, irgendwann mit einem vereiterten Backenzahn in der Notaufnahme dieses Unizahnarztes zu landen. Nachts schreckte ich bisweilen aus dem Schlaf und stellte fest, dass ich schweißgebadet war. Kein Wunder,ich hatte davon geträumt mit einem vom Abszess zugeschwollenen Hals mit Tatütata unters Messer zu kommen. Rund um den OP Tisch eine Horde Studenten, die allesamt die Messer wetzten…Hiiilffee…
Ja, ich schien irgendwie ein interessanter Fall zu sein. Ich hatte mir Predigten von insgesamt 1( Notärztin), 2( Uniassistenzarzt),3 ( Kieferchirurg), 5(2 besonders empfindsame Zahnärzte in Gemeinschaftspraxis), 6 (Kieferorthopädin mit Unikarriere),6 (Hauszahnarzt mit 2 facher Promotion) Dentisten angehört. Dennoch war ich kein bisschen schlauer und konnte Faust nur zustimmen „hier steh ich nun vor dem Tor und bin so schlau als wie zuvor“…
In meiner Verzweiflung hatte ich mir unter facebook einen besonders guten Zahnarzt herausgesucht. Zuerst dachte ich, dass ich ihn nun gefunden hätte, den optimal einfühlsam bohrenden Dentisten mit dem Gespür für Angsthasen wie mich. Er sah sogar passabel aus und hatte nicht diesen krankhaft sadistischen Glanz in den Augen, an dem man meistens die Berufskrankheit erkennt. So sah ich dem nächsten Termin mit Spannung und dennoch relativ entspannt entgegen. Bis ich mir einen Tag vor selbigem die website zu Gemüte führte. Dort wurde verlautbart, dass jener Zahnarzt besonders gründlich bei seinen Untersuchungen zu Werke gehe. Kein Wunder, ich hatte ihn mir ja auch als Paradontologen herausgesucht. Was mich jedoch ein wenig nervös werden ließ, war die weitere Erläuterung der allgemeinen Untersuchungroutine. Angeblich sei es gute Haustradition, die Zahnfleischtaschen zu sondieren und zwar sämtliche. Dies würde bedeuten, einen spitzen Gegenstand zwischen Zahnfleisch und Zahnwurzel geschoben zu bekommen. Sollte bei dieser Sondierung das Zahnfleisch bluten, so wäre dies ein sicherer Hinweis auf eine beginnende Paradontitis. Allein die Vorstellung, einen solchen Gegenstand in meine Weichteile zu bekommen,in die Zahnfleischtaschen hinein, versetzte mich langsam in Panik. Ich malte mir aus, wie sich meine Zähne nach einer solchen „Untersuchung“ anfühlen würden…und versuchte locker zu bleiben. Dennoch sträubten sich bei mir die Nackenhaare, da ich mir nicht vorstellen konnte, dass meine Zähne dadurch nicht gelockert werden würden. Mein normaler Menschenverstand sagte mir, dass wenn man eine Sonde benutzt, um sie ins Zahnbett zu bohren, dass dann bestimmt die Zähne aus den Betten fallen, weil sie gelockert werden. Immerhin sind sie ja nur locker aufgehängt in den Zahnfächern. Also irgendwie befürchtete ich auf einmal, dem Geheimtip eines SM Clubs aufgesessen zu sein.
Und so war es dann auch. Die Praxis sah sehr ansprechend und geschmackvoll aus. Selbst auf der Toilette gab es Radioempfang. Als ich dann aber in dem engen Behandlungszimmer mit einer kühlen Blondine konfrontiert wurde, bekam ich irgendwie Platzangst. Immerhin schloss sie die Tür hinter sich. Dann schaute sie sich widerwillig mein Röntgenbild an und meinte, die Plombe sei schlecht gemacht,außerdem könne man auf einem Röntgenbild nicht erkennen, ob der Zahn noch seinen Nerv enthalten würde. Daraufhin hielt ich ihr die Kopie der Karteikarte der Notärztin unter die Nase. Sie behauptete, sie entziffern zu können, nur um mir dann die einzigen Stellen zu rezitieren, die man lesen konnte, solange man nur der deutschen Zahnarztsprache mächtig war. Sachen wie “ Zahn sollte evt. EX. pat info dass zahnerhalt fragwürdig. EX ohne Assi nicht möglich“ hätte sie mir wirklich nicht übersetzen müssen. Schließlich hatte ich einen Zahnfleisch- und keinen Hirnabszess. Ich schloss daraus, dass sie aus dem Rest ebenfalls nicht ganz schlau wurde.
Nun beschloss sie, mit dem Reden aufzuhören und ihre Hilflosigkeit durch blinden Aktionismus zu überspielen. Sie brachte mich kurzerhand in dieHorizontale. Wäre ich ein Mann gewesen, hätte ich diese Position sicher mehr genossen. So empfand ich es als eine Frechheit. Denn meine Fragen waren noch lange nicht beantwortet. Ich wusste immer noch nicht, ob mein Nerv herausgebohrt worden war oder nicht. Nun denn, ich ergab mich gewungenermaßen in die Situation und sperrte den Mund auf. Zunächst schaute sie sich Erika, so hatte ich den Abzess ja benannt, an. Danach verlangte sie unvermittelt nach einer stumpfen Sonde, die sie kommentarlos vor meinen Augen auspackte. Auf meine Frage, was genau sie damit im Schilde führe, nuschelte sie sich etwas hinter ihrem Mundschutz in ihren nicht vorhandenen Bart. Ihre blauen Augen bekamen dieses gefährliche Leuchten, das man sonst nur aus Vampirfilmen kennt, kurz bevor die Reisszähne ausklappen. Sie meinte, sie würde mir die Schwellung aufstechen, damit der Eiter abfließen könne, aber vorher würde sie noch meine Taschen sondieren. Sofort schloss ich den Mund und fragte, welche Taschen sie genau meine und warum sie im Plural spräche? Ob sie nur die betroffene Stelle meine oder mehrere Taschen an dem betroffenen Zahn oder gar alle in meinem Mund vorhandenen noch nicht betroffenen? Darauf entgegnete sie, dass es zu ihrer Routine gehöre, alle Taschen zu sondieren. Ich merkte an, dass dabei die Gefahr bestünde, dass dadurch vorhandene Bakterien aus dem Eiterherd in die sondierten Taschen fließen und diese folglich infizieren würden.
Außerdem verlangte ich nach einer Betäubung für den Abszess. Mir schwebte dabei innerlich jenes Betäubungsgel vor, dem ich vermutlich den Abzess verdankte. Dann korrigierte ich mich innerlich. Wenn die Notärztin den Einstich nicht anästesiert, sondern ordungsgemäß desinfiziert hätte, dann wäre aus einer Injektion auch keine Infektion geworden und ich bräuchte jetzt keine Anästesie für den Spritzenabszess, sorry Erika. In der Zwischenzeit packte sie eine neue Sonde aus, um mir zu demonstrieren, dass auch diese steril sei. Ich versuchte ihr klarzumachen, dass diese Sonde spätestens nach der ersten Sondierung nicht mehr steril sein würde und sie nicht nur mein Zahnfleisch auflockern, sondern auch Bakterien quer über den gesamten Zahnhalteapparat verteilen würde…Da riss ihr der Geduldsfaden. Ärgerlich sagte sie, das Verhältnis zwischen Arzt und Patient sei ein Vertrauensverhältnis und ich solle sie einfach machen lassen. Als ich weiterhin hartnäckig auf meinem Recht auf körperlicher Unversehrtheit, vollständiger Aufklärung und ordungsgemäßer Betäubung bestand, verweigerte sie mir die Hilfe und setzte mich vor die Tür.
Innerlich stand ich kurz vor einem Nervenzusammenbruch, beherrschte mich aber und bestand auf einem Termin bei ihrem Chef. Ich kann bisher diese Praxis jedem aus der SM Szene wärmstens ans Herz legen. Vorallem der Widerspruch zwischen dem warmen Empfang und der kaltblütigen Behandlung lässt einem das Blut in den Adern stocken. Zuerst Wellnessmusik und dann die Folterkammer. Nun werde ich noch dem Chef auf den Zahn fühlen. Ich bin mal gespannt, ob auch er ein Vampir ist oder doch eher ein Werwolf. Vielleicht habe ich ja Glück und er hat sein Handwerk wirklich von der Pike auf gelernt und keinen hippokratischen Meineid geleistet. Es würde mich zwar sehr wundern. Denn langsam rechne ich nur noch mit dem Schlimmsten. Aber man soll ja nicht aus schlechten Einzelerfahrungen auf das Allgemeine schließen. Vielleicht ist er ja auch Superman und fähig, Erika soft zu killen. Und nicht durch blanke Gewalt.
Bis dahin versuche ich mit ihr einträchtig zusammenzuleben und zu hoffen, dass sie nicht weiter wächst. Ansonsten habe ich da ja auch noch den einen oder anderen spitzen Gegenstand in meinem Bad. Zahnarztsonden kann man sich nämlich mittlerweile über jeden billigen Versandhandel besorgen. Das einzige doofe: Ich habe kein Betäubungsmittel. Aber die Rosskur, die mir diese Dame verpassen wollte, könnte ich mir auch notfalls selber verpassen. Und das weiß Erika, deshalb ist sie auch brav und wartet bis sie von einem Fachmann sanft eröffnet wird. Von einem Spezialisten, der genau weiß, was er tut und deshalb auch erklären kann, was er vorhat. Ich weigere mich, einem Arzt zu vertrauen, der unfähig ist, sich verständlich auszudrücken. Ich kann einfach nicht glauben, dass er oral besser einen Abszess ausdrückt, als sich verbal auszudrücken.
Nicht wahr, Erika?