Es kam wie es kommen musste. Ich sah die Falle nicht und bin reingefallen. Seit vorgestern ist er draußen, der „Krüppel“ wie ihn die einfühlsame Helferin ,die mich zu der ExtrAKTION motiviert hatte, vorgestern bemerkte, kurz bevor sie mich blutend im Folterstuhl zurrücklassen würde. Seitdem wache ich morgens mit dem Gefühl auf, anstatt eines Zahnes einen Krater im Mund zu haben und könnte mir vor Wut selbst in den Anus beissen.
Es hatte alles so harmlos angefangen. Ein befreundeter Zahnarzt hatte mir die Kennziffern der Karteikarte des Notarztes übersetzt und mir klargemacht,dass mein Nerv angebohrt und daher eine Woche später schmerzvoll verschieden sei. Bezüglich des Geschwürs riet er mir, die digitale Röntgenaufnahme des Arztes, der als einziger eine Zahnerhaltung befürwortet hatte, anzufordern. Eine Ironie des Schicksals, dass es ausgerechnet jener mir von der Freundin einer Freundin als besonders einfühlsam empfohlene Zahnarzt gewesen ist, der mir letztendlich den Zahn ziehen würde.
Ich rief also in der Praxis an und bat um die Zusendung der Datei als Email, um sie an einen anderen Fachmann weiterleiten zu können.
Dies war mein erster Fehler. Ich hatte das zweifelhafte Glück, ausgerechnet jene Helferin am Telefon zu haben, mit der ich in einem ausführlichen Telefongespräch den ersten Termin vereinbart hatte. Sie fragte, ob ich nicht zufrieden gewesen sei und ich bejahte. Daraufhin gab sie offen zu, dass ihr Chef verbal ein Rauhbein sei und empfahl mir ihren früheren Arbeitgeber, der auch Hypnose anbiete, die man allerdings privat bezahlen müsse. Ich bedankte mich und sie bot mir das Du an. Dann lockte sie die Wahrheit aus mir heraus, nämlich die Existenz des Geschwürs. Dies war mein zweiter Fehler. Sie redete solange auf mich ein, bis ich in eine Terminvergabe für den nächsten Tag einwilligte. Dies war mein dritter Fehler.
Ich ging also dorthin, öffnete die Tür und sah als erstes die unsympathische Visage des Knochenbrechers, der mich ansah ,als wolle er mich buchstäblich fressen.Ich grüßte höflich zurrück und er fragte mich, ob ich zum Zähneziehen da sein. Ich verneinte, während ich den intensiven Drang verspürte, mich auf dem Absatz umzudrehen und umgehend die Praxis zu verlassen. Ich blieb dennoch und folgte dem Charmeur ins Folterzimmer. Dies war mein vierter Fehler.
Dort redete er solange auf mich ein, bis ich einwilligte, eine aktuelle Röntgenaufnahme machen zu lassen, um abzuklären, wo der Eiterherd läge. Dies war Fehler fünf. Da stand ich nun und hatte immerhin erreicht, dass man mir das Sabberlätzchen wieder abgebunden hatte nur um einen Strahlungsschutz um die Schultern gelegt zubekommen. Dann wurde ich freundlich aber bestimmt dazu aufgefordert, mich zu setzen. Ich nahm dankend an. Schließlich rückte man mir mit dem Plastikteil, das ich bereits aus der Uniklinik kannte, zu Leibe. Da ich keine Lust auf eine Verrenkung hatte, bot man mir an, es selbst mit der Hand festzuhalten. Zuerst versuchte die Helferin, mit der ich inzwischen per Du war, den Träger gerade aufgerichtet in den Mund zu schieben, so dass die dünne Flachseite schmerzhaft meinen Zungenboden berührte. Sie forderte mich auf, den Träger nach unten zu drücken. Ich nahm das Ding aus dem Mund und fragte, wie tief ich denn drücken sollte: bis es zum Kinn wieder herauskäme? Sie starrte mich verständnislos an und sagte stoisch, dass die Wurzel mit aufs Bild müsse. Schließlich schob sie den Bildträger schräg ein,so dass er nicht mehr schmerzte, ich hielt oben fest und schwupps…Stand auch schon der Zahnarzt im Raum und erging sich in einer ausgiebigen Bildinterpretation. Sein erster Kommentar war : „Diese Frau gehört an die Wand“. Ich zuckte zusammen, da ich Gewalt ablehne und fragte „wieso?“ Er meinte, sie habe eine Plombe fabriziert, die nicht geschlossen gewesen sei. So hätten Bakterien bis auf den Grund eindringen können und zwischen beiden Wurzeln den Eiterherd gebildet. Er behauptete, die etwas hellere Stelle zwischen den Wurzeln deute darauf hin, dass an dieser Stelle ein Eiterherd sei.
Eine hellere Farbe bedeute, dass an der Stelle das Gewebe weniger dicht also strahlungsdurchlässiger sei. Der Knochen befinde sich bereits in Auflösung. Der Eiter werde mir den gesamten Kiefer zerfressen, einen Hirnabzess oder eine  tödliche Sepsis zur Folge haben. Der Zahn müsse sofort raus. Ich war total schockiert und dachte gar nicht mehr an mein ursprüngliches Ziel : die Datei des digitalen Röntgenbildes. Spontan fiel mir jedoch auf, dass es diverse ebenfalls hellere Stellen im Knochen gab. Mürrisch machte er die Aufnahme bunt und fragte, ob ich ihm nun glaube. Der rationale Teil in mir glaubte ihm nicht. Ich fiel jedoch auf seine Panikmache herein. Dies war mein sechster Fehler.
Anstatt die Situation zu nutzen, das OPG anzufordern, zusammen mit einer genauen Diagnose und einem Kostenvoranschlag für die Zahnersatzbehandlung, stand ich einfach nur da und hatte auf einmal Todesangst. Zitternd wagte ich die zaghafte Frage, ob ich die Notärztin auf Schmerzensgeld verklagen könne. Er meinte, ich habe keine Chance, da ich ja der Patient sei und es zudem keine Zeugen gäbe. Die Helferin fragte mich irritiert, was ich denn mit einer Klage bezwecke. Ich antwortete, mir stünde der Sinn nach Genugttuung für die erlittenen Schmerzen und außerdem brächte ich das Geld für Zahnersatz. Daraufhin hielt sie mir eine Moralpredigt darüber, dass diese arme Frau nicht mehr als ihre Pflicht getan habe und es in meiner Verantwortung gelegen habe, eine Wurzelbehandlung durchführen zu lassen. Ich wollte gerade zum verbalen Gegenschlag ausholen und anmerken, dass ihr Chef die Extraktion meiner Weisheitszähne zur Bedingung für selbiges Procedere gemacht habe, als dieser wieder in der Tür stand. Er sagte mir ungeduldig, dass bereits eine halbe Stunde um sei und ich Glück gehabt hätte, dass er vor dem Feiertag überhaupt noch in der Praxis sei. Ob wir nun endlich zur Tat schreiten könnten ? Ich sagte ihm, dass ich lieber noch eine Nacht darüber schlafen würde und bat um eine einfache Kariesbehandlung im Oberkiefer. Er lehnte ab mit der Begründung, dass er sich strafber mache, wenn er den Zahn nicht ziehe. Auf dieses Argument fiel ich herein. Dies war mein siebter Fehler.
Und so kam es dann wie es kommen musste. Ich legte mich hin, er verpasste mir wieder eine Elefantenspritze, die mir durch Mark und Bein ging. Danach versuchte er mich durch Scherze aufzumuntern. Ich verspürte den intensiven Drang nach Flucht, dem ich nicht nachgab. Das war mein achter Fehler.
Dann schritt er zur Tat. Er bemerkte optimistisch, dass der Zahn ja schon wackele. Er überdehnte meinen Mund und packte eine Zange aus. Die Plombe brach zuerst. Aber er machte einfach weiter ,trotzdem ich schrie und Handzeichen gab, dass er aufhören solle. Er lächelte nur sadistisch und meinte, man könne jetzt nicht aufhören. Die zweite Helferin im Raum rannte hektisch umher und suchte nach Instrumenten ,die er anforderte. Zwischendurch forderte sie mich auf, durch die Nase zu atmen und legte mir die Hände auf den Bauch..Dies tat ich ganz automatisch, da ich die ganze Zeit wie am Spieß schrie. Er ermahnte mich dazu, mich zu beherrschen, da ich die Leute im Wartezimmer ja abschrecke. Inzwischen hing mein Unterkiefer fast schon auf dem Brustkorb, aber der Zahnarzt ging jetzt mit einem Hebel erst richtig in die Tiefe und rückte dem im Zahnfleisch steckenden Zahnrest zu Leibe. Ich fühlte mich wie in einem Schraubstock gefangen und schrie weiter . Als es auf einmal ohrenbetäubend krachte, dachte ich, dies sei mein Kiefer. Es war jedoch die Wurzel. Und bald hielt er die erste Hälfte in der blutigen Zange. Erst als die zweite Hälfte raus war, wich die Anspannung aus mir. Da lag ich nun zitternd den Mund voller Blut. ER bemerkte grinsend, ich hätte ihn gebissen und eine Geburt sei doch viel schlimmer… Er erklärte mir nur kurz, ich solle in den nächsten Stunden nichts essen, nichts trinken, nicht rauchen und den Mund nicht spülen. Danach war er weg mit der knappen Ansage „Wurzelbehandlung in Zimmer 3“. Ich fragte ich Zahnarzthelferin, die gerade dabei war, die blutigen Reste einzupacken, ob ich diese als Erinnerung mitnehmen könne. Sie verneinte, wickelte sie in eine Küchenrolle und warf sie in den Müll. Danach ließ sie mich blutend zurrück. Ich ging nicht zum  Mülleimer, dies war mein neunter Fehler.
Später las ich in einem Blatt der kassenzahnärztlichen Vereinigung, dass es allgemeiner Standart sei, dem Patienten in einer solchen Situation einen Tupfer aufzulagen, um die Blutung zu stoppen. Ich stand auf, weil ich den Mund voller Blut hatte und langsam in Panik geriet. Ich fragte den Compagnon des Arztes, der sich im Empfang über Akten beugte, ob er etwas gegen die Blutung tun könne. Gleichgültig meinte er, warum ich mich denn so anstelle, mir seien doch nur zwei Zähne gezogen worden ? Ich ging in den Waschraum, spuckte Blut und sagte bei meiner Rückkehr um Würde bemüht,es handele sich lediglich um einen Zahn. „Dann eben nur ein Zahn“, entgegnete er gleichgültig mit einem Schulterzucken ohne aufzusehen. Ich fragte, ob er mir wenigstens einen Eisbeutel geben könne. Dies tat er, wenn auch äußerst unfreundlich. Ich bedankte mich und fragte eine vorübereilende Helferin, warum ich den Mund nicht spülen dürfe. Sie sagte, dass sich dann kein Wundpropf bilden könne und die Blutung nicht mehr stoppen würde. Allmählich wurde ich hysterisch, vorallem, da  sich alle 5 Minuten mein Mund mit blutigem Speichel füllte. Der Arzt riet mir nachhause zu gehen und sagte im Kommandoton zur Helferin sie solle das Behandlungszimmer von Blutflecken reinigen. Ich ging zuerst hinein, in der Hoffung, die Reste aus dem Müll zu retten, um zu sehen, ob der Zahn überhaupt kariös gewesen sei und ob wirklich alles extrahiert worden war. Der Arzt ging mir nach und sagte mir im Tonfall eines Gefängnisaufsehers, dass mich dies nichts angehe, ich nachhause gehen sollte. Ich verließ das Zimmer, trotzdem, was mein zehnter Fehler war. Daraufhin kam sein Partner ,packte mich am Arm ,schleifte mich charmant zur Tür und sagte in drohendem Tonfall, ich solle jetzt endlich nachhause gehen. Ich war hartnäckig und beharrte darauf, solange bleiben zu wollen, bis die Blutung aufgehört habe,was wohl bei Praxisschluss der Fall sein werde. Daraufhin sagte er mir, ich müsse jetzt wirklich gehen. Ich bestand darauf, meine Jacke und meine Tasche mitzunehmen. Er fragte mich, ob er mir ein Taxi rufen solle. Ich verneinte und verließ die Praxis nicht ohne zu fragen, wann die Blutung denn enden würde. Er entgegnete stockernst „nächste Woche“ und wünschte mir einen schönen Feiertag, während er die Tür hinter mir schloss.
Da stand ich nun blutend auf einer Einkaufsstraße und geriet mitten in einen Markttag hinein. Unfreundliche Passanten, die sich an mir vorbeiquetschten, beschimpften mich, weil ich mich wie in Zeitlupe bewegte. Ich registrierte, dass ich absolut unter Schock stand. Mein Mund war immer noch rot vom Blut und ich konnte nicht sprechen, da ich aussah wie in einem Vampirfilm.
Ich weiß bis heute nicht, wie ich zum Bus gekommen bin. Erst im Bus kamen mir die Tränen und ich setzte eine Sonnenbrille auf.
Ich ging sofort zum Hausarzt und fragte ihn, was man gegen den Blutfluss tun könne. Er sah sich die Sache an und lächelte nur herablassend als habe er es mit einer Hypochonderin zu tun. Er schrieb mich krank und verschrieb mir ein Schmerzmittel und sagte, alles sei vollkommen normal. Ich ging in die Apotheke, den Mund wieder voll Blut, und war dankbar dass der Apotheker zunächst gar nicht von seinen Abrechnungen aufsah. Genervt kam er dann doch noch und ich schluckte widerwillig Blut, um sprechen zu können. Auch er bot mir keine Tupfer an und ich dachte nicht soweit,weil ich zu traumatisiert war durch den Eingriff. Danach entschuldigte ich mich für die Störung und schlich nachhause. Dort schob ich den Eispad ins Gefrierfach und betrachtete mich im Bad. Ich sah aus wie ein Monster, das einen Krater im Mund hatte. Außerdem war weißes Zeugs in  der offenen Wunde und der Wundrand, an dem früher der Abzess gewesen war, sah aus, als habe er einen leichten Riss. es war nicht mehr allzuviel vom Zahnfleisch übrig.
Voller Panik rief ich in der Praxis an und fragte, wohin sich der Abzess entleert habe. Die Antwort des Arzthelfers war nur,ich solle mir keine Gedanken machen. Ich ließ mich abwimmeln. Dies war mein elfter Fehler. Daraufhin telefonierte ich mit dem befreundeten Zahnarzt, der versuchte mich zu beruhigen. Er sagte, er hätte genauso gehandelt. Er verstehe bloß nicht, warum man mir keinen Tupfer gegeben habe. Er würde seinen Patienten sogar sterile Tupfer mitgeben. Ich solle mir doch einfach in der Apotheke welche besorgen. Die war inzwischen geschlossen. Und einen erste Hilfe Koffer hatte ich nicht. Er meinte ,ich könne auch eine unsterile Kompresse nehmen. Vorallem sollte ich schauen ,ob ich noch Bachblüten hätte und diese gegen den Schock nehmen. Dies tat ich, legte mir jedoch kein unsteriles Taschentuch auf ,aus Angst vor einer Infektion. Nach 4 Stunden hörte die Betäubung auf und mein Mund füllte sich nicht mehr so häufig mit Blut. Aber von Blutstillung konnte keine Rede sein. Verängstigt rief ich in der Uniklinik an. Man sagte mir, das Weiße seinen Fibrinfäden und somit Zeichen der Gerinnung. Der Propf würde binnen eines Tages fest werden und der Krater wäre in ein paar Wochen geschlossen. Ich beschloss, mich in den nächsten Wochen nur von Milch und Brei zu ernähren und ging erstmal einkaufen.
Ich verbrachte die Nacht wachend und ging am nächsten Morgen total geschwächt zum Notdienst in der Uniklinik. Der freundliche Herr am Empfang hatte mir mitgeteilt, dass das Carolinum um 8 Uhr öffne. Anscheinend hatteer den Feiertag vergessen, da er selbst arbeiten musste. Und so stand ich übernächtigt vor verschlossenen Türen. Auf meinen erneuten Anruf sagte mir sein Kollege, dass  Feiertag sei und ich noch 1 1/2 Stunden warten müsse. Zynisch bedankte ich mich und sagte, ich würde dann mal einen Kaffee trinken. Ich wusste natürlich, dass ich dies gar nicht tun durfte, 24 Stunden nach dem Eingriff. Und so musste ich mich anderweitig wachhalten. Ich suchte den Eingang des Notdienstes, der laut Schild auf der rückwärtigen Seite des Hauses lag. Dort kam mir sofort eine gebrochen deutsch sprechende Frau entgegen, die mir mitteilte, sie sei Angestellte einer Putzfirma und müsse bis halb zehn den Notdienst putzen. Sie zeigte mir ihren Büroschlüssel und verriet mit, dass sich das Büro, in dem sich der Schlüssel zum Notdienst befinde,sich im Carolinum befände, das jedoch wegen des Feiertages unbesetzt sei. Ich konnte ihre Verzweiflung nachempfinden und telefonierte wieder mit der Pforte. Ich wurde an die Dame vom Sicherheitsdienst weitergeleitet, die die Firma kannte und mich bat, in 5 Minuten wieder anzurufen. Auf meine Entgegnung, dass ich nicht die Nummer des Sicherheitsdienstes habe, riet man mir, wieder in der Zentrale anzurufen. Als ich dies nach fünf Minuten tat, reagierte der Mann ziemlich genervt und während ich noch mit ihm diskutierte, fuhr ein Auto an uns vorbei. Wir sprangen beide zu Seite und ich wurde endlich durchgestellt,als auf einmal der Türöffner vor uns stand. Er ging sofort mit der Dame zum Notdienst und ich stand immer noch in der Kälte. Natürlich hatte wegen des Feiertags kein Café geöffnet. So schleppte ich mich zum Hauptgebäude und fragte am Empfang nach einem Automaten, und erkannte sofort die Stimme des genervten Herrn. Auf einmal tauchten hinter mir zwei Polizisten auf, die er abfertigte und dann zu seiner Kollegin, die direkt neben ihm stand sagte, dass heute die Polizei ihr bester Kunde sei.
Im Untergeschoss gab es einen Automaten mit allem, was mir heute verboten war. Ich fand jedoch auch eine kleine Packung kalte Milch, die ich mir auf dem Weg zum Notdienst an die Backe hielt. Nach einer gefühlten Ewigkeit kam endlich jemand. Die Frau vor mir war verzweifelt, weil sie die 10 € nicht zusammenbekam. Ich spendete ihr die restlichen Cents und sie wurde vorgezogen. Da saß ich nun, zwei Spinnennetze mit zappelnden Fliegen hinter mir und kämpfte mit dem 11 Uhr Loch , als ich endlich aufgerufen wurde.
Eine resolute Blondine führte mich ins Zimmer und verließ mich sofort wieder, um sich an einem Schrank schaffen zu machen, den sie nicht aufbekam. Innerlich hoffte ich, nicht dazu beigetragen zu haben, einer Praxisgebührdiebin die Tür geöffnet zu haben. Mittlerweile wurde ich zynisch. Endlich kehrte sie zurrück und meinte die Wunde schaue gut aus. Sie tastete mit einer stumpfen Sonde den Boden des Kraters ab( unter Propf stellte ich mir etwas anderes vor:-), was sie wirklich sehr behutsam tat. Der Propf sei fest und würde nicht mehr nachbluten. Ich bat dennoch um einen Tupfer, da ich befürchtete, dass der Propf abgehen würde, sobald ich mir endlich die Blutreste von den Zähnen putzen würde.
Todmüde ging ich nachhause und sagte den Hausaufgabentermin mit meiner Freundin, deren Freundin ich indirekt meine Amputation zu verdanken hatte,ab. In mir kochte ohnmächtige Wut. Ich sagte auch den Besuch bei einem guten Freund an, da ich vollkommen erschöpft war. Zuhause fiel ich ins Bett und in einen Schlaf der eher einem Halbkoma ähnelte. Durch das Klingeln meines Handys erwachte ich und wusste im ersten Moment weder, wo ich war noch wer ich war. Am Telefon war eine Freundin und lud mich zum Erdbeerkuchenessen ein. Ich lehnte dankend ab und sank stöhnend wieder ins Koma.
Abends erwachte ich mit dem Bewusstsein, einen schönen sonnigen Tag verpasst zu haben.  Ich verfluchte Gott und seine Schöpfung. Mir stand der Sinn nach Kartoffelbrei. Ich hatte kaum den ersten Bissen geschluckt, als ich wieder panisch wurde. Mir war unklar, wie ich irgendetwas essen sollte, ohne dass Reste in die offene  Wunde geraten würden. Ich brach das Unternehmen ab.
Vorsichtig putzte  ich mir die Zähne, die vom Blut klebten, da die 24 Stunden inzwischen um waren und wartete bange auf die Nachblutung, die ausblieb. Also versank ich wieder im Bett.
Ich erwachte mit dem ungewohnten Bewusstein ,eine Person zu sein, die eine offene,tiefe nur in der Tiefe notdürftig mit Schorf bedeckte Wunde hat. Außerdem registrierte ich einen Schmerz im Wurzelbereich des Nachbarzahnes und ein Taubheitsgefühl in der Krone. Ich bezweifelte, dass sich diese Wunde von selbst schließen würde. Und immer noch frage ich mich, von was ich bis dahin leben soll. Ich werde in der Praxis anrufen. Aber ich tippe darauf, dass heute überall Brückentag ist.
Wäre ich ein mündiger Patient gewesen, hätte ich jetzt nicht ein Loch im Zahnfleisch. Aber so ist das nun einmal in einer Gesellschaft, in der eine zwei Klassen, wenn nicht gar drei Klassenmedizin herrscht. Innerhalb dieses Systems kommt es auch im Gesundheitssektor auf absoluten Liberalismus an. Erlaubt ist anscheinend, was Geld bringt. Da absehbar ist, dass ich mir keine Brücke leisten kann
bin ich kein Patient ,mit dem sich weiterhin Geld verdienen lässt. Warum sollte also der Zahnarzt seiner Aufklärungspflicht oder seiner Sorgfallspflicht nachkommen.
Aus seinem Verhalten angesichts meiner Blutung und seiner Weigerung etwas dagegen zu tun, kann ich nur schließen, dass er mich umbringen wollte. Denn nur ein toter Kritiker ist anscheinend ein guter. Aber ich warte immer noch auf eine Erklärung. Ich vermute, dass er sich komplett aus der Verantwortung stehlen wird und mich als Hysterikerin oder Paranoikerin abtun wird. Aller EZB Kritik zum Trotz : ich frage mich, wieviele Leute jedes Jahr an unnötigen und schlecht gemachten Eingriffen draufgehen. Gezieltes Sparen an der richtigen Stelle kann offenbar Leben retten,vorallem im militärischen Sektor, dem ja der Beruf des Feldscherers entstammt. Es kann nicht sein, dass von Autoritätspersonen, die die medizinische Qualifikation eines Schiffschaukelbremsers haben, auch noch Kadavergehorsam verlangt wird. An dieser Stelle würde mehr ziviler Ungehorsam echt gut tun.
Ein Kalauer zum Schluss : Auf der Suche nach der Milchbar stieß ich im Uniklinikum auf einen Aushang mit der Information, dass die Geschäftsleitung einen Fall sexueller Belästigung gedeckt habe mit der Begründung, dass es im Falle einer Versetzung  zu Gewinnausfällen kommen würde.
Daneben war die Todesanzeige der Personalrätin.

1 Kommentar on Der mündige Patient

  1. Zahnfee sagt:

    Eine fantastische Story – wunderbarer, fiktiv ausgeschmückter Horror einer pubertierenden Person! Auch ich habe etliche Wurzelbehandlungen hinter mir, eine Kiefer-Operation sowie ein blutendes Zahnziehen – samt Zahnärzten, die ich nicht mal mehr aufzählen kann.
    Ich möchte dem wohl noch wachsenden Autor ein paar Tipps geben, die er bis zu seiner Mündigkeit, nämlich dem 18. Lebensjahr vielleicht beherzigen sollte:
    1. Bei sich sein, seinem Körpergefühl vertrauen und sich erst bei dem behandeln lassen, dem man ein wenig mehr vertraut
    2. Bei Misstrauen sich selbst treu bleiben
    3. Sich nicht wundern: Wer die Opferrolle spielt, wird auch so behandelt
    4. Je mehr Körpergefühl und Selbstwertgefühl man entwickelt, desto weniger tödlich sind für einen selbst kleine Löcher und Wunden
    5. Der Schmerz ist oft so groß, wie man ihn fürchtet

    Wünsche noch viel Spaß bei den Zahnärzten, scheinst es ja wirklich auf eine Popcorn-Show hinauslaufen zu lassen 🙂

    Zahnfee

    PS: Ich finde schon den weggeschmissenen Zahn… vllt bringe ich dir dafür nen Tupfer 😉