Heute einmal etwas eher ungewöhnliches für uns als Blogger. Ein Thema, daß eigentlich jeden interessieren sollte, aber es nicht tut. Hat sich schon einmal Jemand Gedanken darüber gemacht, worin deutsche Entwicklungshilfe genau besteht? Oder warum man ausgerechnet Herrn Niebel (Ex-Entwicklungshilfeminister) derart angriff?

Das Problem war nicht seine Auffassung von deutscher Entwicklungshilfe. Mit dieser Auffassung steht er nicht allein, die Bundespolitik ging schon von jeher immer in diese Richtung. Entwicklungshilfe für Diktaturen, Scheindemokratien, neoliberale Administrationen Hinterweltlerstaaten, war schon immer in der Natur der Sache. Auch, daß diese Entwicklungshilfe selten daraus bestand, wirkliche Hilfsgüter zu liefern, sondern sich hier eher auf Waffenverkäufe zu spezialisieren.

Vor über 20 Jahren kamen mir da schon Geschichten zu Ohren, die an für sich kaum glaubhaft sind, die jedoch jeder Entwicklungshelfer bestätigen können wird. Denn das, was ich in Südamerika miterlebt habe, ist keine Ausnahme, sondern die Regel. Und dabei geht es mir nicht um die Entwicklungshilfe für das Paraguay von Presidente Stroessner, sondern um die Entwicklungshilfe, wie sie generell geleistet wurde.

Entwicklungshilfe soll eigentlich immer dort geleistet werden, wo ein Land kleinere Probleme damit hat, eigene Infrastrukturen aufzubauen. Der Haken an der Sache ist nun der Umstand, daß die Entwicklungshilfe vornehmlich in Kanäle floß, wo sie selten etwas zu suchen hatte. Entwicklungshilfe für die Bundesrepublik bedeutete in erster Hinsicht Militärhilfe zu leisten. Von einem Entwicklungshelfer in Südamerika habe ich vor über 20 Jahren bereits erfahren, daß es leichter ist, ein Dutzend schwerer Panzer anzufordern und liefern zu lassen, als 5 alte, verbrauchte Feuerwehrwagen. Und die Geschichte trug sich wie folgt zu:

Die Feuerwehr von Ascuncion benötigte dringend Einsatzfahrzeuge, da sie mit ihren alten Pferdekutschen (ja, dieses alte System war noch üblich), nicht in der Lage war, in den weiter außerhalb liegenden Stadtteilen der Hauptstadt rechtzeitig und vor allem schnell bei einem Brand einzutreffen. Und separate Löschtrupps in den einzelnen Stadtteilen existieren schlicht nicht. Wenn es also in einem Stadtteil brennt, muß die Feuerwehr des Central District ausrücken, um den Brand zu löschen. Nur dazu braucht man schnelle Löschfahrzeuge. Nicht nur Leiterwagen, sondern auch Tank- und Pumpenfahrzeuge. Material, über das jede kleine freiwillige Feuerwehr in diesem Land verfügt.

Nun war es so, daß jener Entwicklungshelfer (der im Jahr 1990 den gesamten Krempel hinwarf), sich die Mühe machte, für die paraguayische Hauptstadtfeuerwehr 8 entsprechende Fahrzeuge in Deutschland zu organisieren. Man sollte denken, dies wäre kein größeres Problem. Problematisch wurde es erst, als er in Deutschland wirklich die benötigten Fahrzeuge mit den entsprechenden Volumen fand. Acht große schwere Fahrzeuge, darunter auch einen alten Flughafenlöschzug mit einer Hochdruckspritze. [Ich gebe zu, ich bin kein Kenner der Materie, wenn es um Feuerwehrfahrzeuge geht, deshalb bitte meine fehlerhafte Notation verzeihen.]

Ein Kollege jenes Entwicklungshelfers machte inzwischen für die Hauptstadtpolizei mehrere Wasserwerfer klar, die er von der Stadt Frankfurt/Main organisiert hatte. Es ging hierbei um eine Handvoll regulärer deutscher Polizeifahrzeuge und zwei Wasserwerfer. Interessanterweise bewilligte das deutsche Entwicklungshilfeministerium den Transport und die Auslieferung des Materials für die Polizei schneller als auch nur einen einzigen Feuerwehrwagen. Doch dies war nur die Spitze des Eisberges.

Der nächste Vogel wurde vom deutschen Militärattaché abgeschossen, der es fertig brachte, zwölf alte Leopard I-Panzer der paraguayischen Regierung schmackhaft zu machen. Diese würden nur unter der Vorgabe ausgeliefert werden, wenn die Stadtfeuerwehr auf die in Deutschland wartenden Feuerwehrfahrzeuge verzichten würde. Natürlich griff das paraguayische Militär bei dieser Gelegenheit zu, und sorgte dafür, daß das paraguayische Innenministerium die Anfrage nach den 8 Feuerwehrfahrzeugen verweigerte. Denn nur mit einer offiziellen Anfrage konnten damals solche Fahrzeuge offiziell verschifft werden.

Also wurden zuerst die Polizeifahrzeuge und das Dutzend Panzer in ein Schiff gepackt, während die Feuerwehrfahrzeuge eine kleine Odysee antraten, um ihr Ziel denn überhaupt noch zu erreichen. Die Polizeifahrzeuge und die Panzer nahmen den direkten Weg über Uruguay nach Paraguay. Die Feuerlöschfahrzeuge wurden jedoch zuerst nach Ägypten verschickt. Dort angekommen mußte mein Entwicklungshilfeleistender zuerst einmal dorthin fliegen, die Gerätschaften wieder auslösen, um sie dann nach Kenia hinunter zu schaffen. Von Kenia aus ging es dann nach Indien in eine kleine Gemeinde, wo die Gerätschaften zuerst einmal nationalisiert wurden.

In der Zwischenzeit waren die Panzer und die Polizeifahrzeuge in Paraguay eingetroffen und wurden in Militär und Polizei eingegliedert. Dabei kam dann heraus, daß nur ungefähr 1/8tel aller paraguayischen Hauptstadtpolizisten überhaupt über so etwas wie einen Führerschein verfügte. Es mußten also noch deutsche Fahrlehrer angefordert werden, um der Polizei den Umgang mit den Fahrzeugen richtig beizubringen.

Der Weg der Feuerwehrgerätschaften verlor sich dann einige Monate in Indien. Zu Beginn des Jahres 1992 erhielt ich dann wieder ein Lebenszeichen meines Entwicklungshilfeleistenden. Inzwischen hatten die Feuerwehrfahrzeuge Macao erreicht und wurden dort endlich als Geschenk der chinesischen Regierung nach Südamerika verschifft. Jedoch nicht an Paraguay, sondern nach Peru!

Ende 1995 hörte ich dann wieder etwas über den Transport der Feuerwehrfahrzeuge, die nun schon volle 7 Jahre unterwegs waren. Nachdem die peruanische Hauptstadtfeuerwehr festgestellt hatte, daß in dieser Höhe die Fahrzeuge ohne entsprechende technische Anpassung nicht funktionsfähig sind, gab man sie an Bolivien weiter. Von dort aus dauerte es noch volle 3 Jahre, bis die 8 Feuerwehrfahrzeuge endlich bei der paraguayischen Hauptstadtfeuerwehr eintrafen.

Doch nun gab es dort keinen Brandmeister mehr, der einst in Deutschland in der Nutzung dieser Maschinen ausgebildet worden war. All jene Spezialisten waren in der Zwischenzeit von der neoliberalen Regierung aus ihren Posten vertrieben und in Rente geschickt worden. Das deutsche Entwicklungshilfeministerium mußte also weitere Ausbilder ins Land schicken. Insgesamt wurden 5 neue Ausbilder ins Land geschickt, die der Truppe den Umgang mit den Fahrzeugen beibringen sollten.

Vor Ort wurde dann festgestellt, daß die bereits seit mehr als 10 Jahren überalterten Fahrzeuge zu rostig und zu gefährlich waren, um sie in den aktiven Einsatz zu schicken. Die Fahrzeuge wurden dann nach Argentinien und Brasilien weiterverkauft, nur eines oder zwei Stück blieben zur Ausbildung von Mannschaften im Lande zurück. Danach hat der neue Entwicklungshelfer abermals Feuerlöschfahrzeuge angefordert, mußte aber ebenfalls im Sommer 1998 nach Deutschland reisen, um die Fahrzeuge selbst zu suchen, weil das Ministerium sich außer Stande sah, Standorte passender Fahrzeuge zu melden.

Doch anstatt Feuerwehrfahrzeuge zu erhalten, bekam eine komplette Ausrüstung des THW bewilligt, die jener nicht mehr gebrauchen konnte, weil sich ja die deutsche Politik geändert hatte. Deshalb besitzt Paraguay heute eine der modernsten THW-Einsatzzüge (11 Fahrzeuge), die sowohl chemische, biologische oder gar atomare Zwischenfälle bekämpfen können. Dummerweise gibt es keinerlei chemische oder biologische Industrie in Paraguay. Und ein Atomkraftwerk gibt es schon gar nicht, weil die Bundesregierung es nicht vermochte im Jahr 2000 ein AKW nach Paraguay zu verscheuern. Man hatte damals vor, im Sinne der Entwicklungshilfe ein AKW vom Typ Biblis II nach Paraguay zu verkaufen, was jedoch an der Macht der NeoLibs im Lande selbst scheiterte. Dort war man mit Iguazu mehr als zufrieden, welches mehr Strom dem Lande liefert, als jenes derzeit verbrauchen kann.

Doch zurück zu den Feuerwehrfahrzeugen: Im Jahre 2005 bekam ich durch Zufall mit, daß Ascuncion endlich einen deutschen Feuerlöschzug erhalten sollte. Der Zug sollte aus drei Fahrzeugen bestehen. Geliefert wurden Maschinen und Ausrüstung mit dem Baujahr 1962, nichts moderneres. Und wie wir alle wissen, war die Pumpleistung von Pump- und Tankfahrzeugen in den frühen 60er Jahren derart gering, daß damals öfter einmal mehrstöckige Häuser abbrannten, ohne das die Feuerwehr direkt etwas dagegen unternehmen konnte. Und dies ist – nach meiner Informationslage – der derzeitige technische Stand in Paraguay in Sachen Feuerlöschtechnik. Das Flughafenfeuerlöschfahrzeug übrigens kam in Paraguay direkt an, weil es als Panzer deklariert worden war und leistet heute in Luque am Flughafen seit über 10 Jahren seine Arbeit.

[wird fortgesetzt]

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