Um einmal bei der Tagespolitik zu bleiben: Nach schärferen Waffengesetzen zu schreien, heißt nicht, auch dafür einstehen zu wollen! Wenn es um die Zuverlässigkeit einer Person geht, rangieren selbst obdachlose Penner über dem Niveau, daß sich unsere bundesdeutschen Politiker mal wieder geben.

Aber der Reihe nach. Mir tut der Amoklauf von Winnenden genauso Leid, wie jedem anderen, der seine Menschlichkeit noch nicht verloren hat. Was mir jedoch viel mehr zusetzt, ist der Umstand, daß alle diese Amokläufe aus den vergangenen Jahren von Kids der Ober- oder Mittelschicht verübt wurden. Gibt es da vielleicht einen gemeinsamen Grund, daß diese solche Aussetzer bekamen, von denen die Politik im Allgemeinen annimmt, daß sie nur beim neuen Prekariat vorkommen?

Ich möchte an dieser Stelle nichts beschönigen oder auch nur verharmlosen. Jeder, der ungefähr weiß, wie eine Schußwaffe funktioniert, wäre in der Lage, einen gleichermaßen gearteten Amoklauf durchzuführen. Den Umgang mit Waffen lernt man bereits in den ersten drei Monaten bei der Bundeswehr (Grundausbildung). Man erhält in diesem Zeitraum das Rüstzeug, um Jahre oder auch Jahrzehnte später einen Amoklauf durchführen zu können. Sind nun alle Bundeswehrsoldaten die Gesellschaft gefährdende Amokläufer?

Die Politik

Hört man auf das, was unsere Politiker sagen, muß man wohl davon ausgehen. Für mich hört sich das dann so an, als würde die Politik jetzt schon nach Ausreden fischen, damit sie später, wenn die Bundeswehr im Auftrag der Politik auf harmlose, demonstrierende Bürger schießt, dies dann alles einem amoklaufenden Bundeswehrgeneral in die Schuhe schieben kann.

Gleichzeitig firmiert die Politik auf Seiten der Waffenlobby und lehnt eine Verschärfung des Waffenbesitzrechtes ab. Ich gebe zu, es gibt da einige Regeln, die vorher befolgt werden müssen, bevor man überhaupt einen Waffenschein erhält. Hat man jedoch erst einmal einen in den Händen, kann man damit beim Waffenhändler um die Ecke so gut wie jede todbringende Schußwaffe erstehen – und die dazugehörende Munition gleich noch in ausreichender Menge.

Aber genau an dieser Stelle krankt unsere Gesellschaft. Warum diese Amokläufe denn überhaupt? Der jetzige Täter war kein Kind aus dem modernen Prekariat, es war ein versnobtes Mittelschichtkind. Ohne Freunde, ohne richtige Bezugsperson (da beide Eltern arbeiten gehen) und ohne eine nahe bei lebende Verwandtschaft, mit denen er sich hätte austauschen können.

Die Gesellschaft

Es kam sogar die Sprech auf, daß der Junge während seiner Schulzeit ständig gemobbt worden wäre. Und dann enthüllt eine Zeitung, daß die Schule, an der er das Massaker gestartet hat, sogar über eine Schulpsychologin verfügt und man dort sehr stark auf die Schüler eingeht. Wenn er also auch noch an einer spitzenmäßigen Schule war, das Lehrerkollegium auf der Seite seiner Schüler steht, wie kann er dann gemobbt worden sein? Auch hier ergibt vieles keinen rechten Sinn – und der Datenfluß ist dementsprechend bescheiden, wenn es um weitere Details geht.

Worauf ich aber hinaus will, ist sehr viel tiefgreifender. Natürlich hat die bayrische CSU wieder ihre gehirn- und gehaltlose Forderung in den Raum gestellt, brutale Ego-Shooter (PC-Spiele mit Waffengewalt) nun doch noch verbieten zu wollen. Diesen Vorstoß machen die jedes Mal, wenn ein Amokläufer eine gewisse Anzahl X Menschen über den Haufen knallt. Dabei sind nicht die Ego-Shooter das Problem, sondern eine tatenlose und anspruchslose Politik. Dabei sind nicht die Ego-Shooter der eigentliche Auslöser für solche Taten, sondern eine sinnentleerte, arbeitsgeile Gesellschaft, die mit Absicht Unmengen von Arbeitslosen generiert, anstatt dem Menschen Hoffnung zu geben.

Das gleichzeitig eine Abschaffung von Schützenvereinen zu befürworten wäre, muß an dieser Stelle nicht erwähnt werden. Wer allenthalben herumballern will, kann dies auch mit einer Gotcha-Pistole. Da tut eine Farbkugel vielleicht weh, aber man kann nur sehr umständlich damit jemanden wirklich ins Jenseits befördern.

An anderer Stelle las ich dieser Tage, daß die Schützenvereine Gemeinschaften wären, die nur von braun denkendem Gesocks durchsetzt seien. Einen Beweis konnte der entsprechende Autor dafür nicht anbringen, aber allein die Aussage beweist schon das Mißtrauen Einiger einer bewaffneten Meute gegenüber. Anders schätze ich Schützenvereine auch nicht ein. Obwohl ich sagen muß, daß mit einem hochmodernen Bogen oder einer Armbrust es genauso leicht (und bedeutend leiser) möglich ist, auch einen Menschen vom Leben zum Tode zu befördern.

Die Moral

Das Hauptproblem bei Amokläufen ist nicht, daß sie in einer gewissen Regelmäßigkeit in einer kranken Gesellschaft statt finden, sondern die Motivation, die dahinter steht, sich nach erfolgreicher Bluttat selbst zu richten. Als Amokläufer übernimmt man die Verantwortung für den Tod von einigen Menschen, hat aber danach nicht das Rückgrat, sich der gesellschaftlichen Grundordnung zu stellen und die dafür angemessene Strafe auch anzunehmen. Nein, statt dessen richten sich die Attentäter meistens selbst. Wo steckt also der Sinn eines Amoklaufs? Rache?

Der Fall von Winnenden wirft noch ein anderes bezeichnendes Licht auf den Täter als auch auf seine Opfer. Von den 16 Personen, die er getötet hat, waren 10 weiblichen Geschlechts. Und er soll die Mehrzahl seiner Opfer mit einem gut gezielten Kopfschuß erledigt haben.

An dieser Stelle stellt sich mir die Frage, wie ein 17jähriger in die Lage versetzt wird, mit einer Beretta (die handelsübliche Polizei- und James-Bond-Waffe) so gut umzugehen, daß er auf einigen Metern Distanz mit einer Beretta Kopfschüsse abgeben kann – und dann sogar noch trifft! Selbst ein regelmäßiger Besuch eines Schießsportvereins kann ihm diese Treffsicherheit nicht gegeben haben. Und Computerspiele (Ego-Shooter) sind bei der physikalischen Darstellung von Pistolen mehr als ungenau.

Woher hat er also diese Treffsicherheit? Auch so eine Frage, die wahrscheinlich nur eine komplette Beleuchtung der Familie beantworten könnte. Jeder, der selbst schon einmal eine Waffe abgefeuert hat, weiß, daß selbst eine Beretta einen gewissen Rückstoß hat, der den Schuß verzieht. Also: Woher hatte der Junge diese Treffsicherheit? War er auf Speed, Koks oder sonst einer Droge?

Der Haken an der Geschichte ist nicht, daß es zu diesem Amoklauf kam, sondern darauf, wie Deutschland diese Geschichte moralisch verarbeitet und hinter sich läßt. Natürlich schiebt die Politik das Problem wieder den Schulen zu, obwohl die Schule, an der der Amoklauf startete, ihresgleichen wegen der guten Bildungs- und Betreuungsmöglichkeiten sucht. Warum also dieser Amoklauf? Kein klares Motiv erkennbar. Dies ist es jedoch nicht allein, was mich bei dieser Geschichte gezielt nach der Moral fragen läßt.

Im Jahr 2002 hat sich in Erfurt eine ähnliche Katastrophe ereignet. Auch dort war die Polizei noch vor dem eigentlichen Schußwechsel mit dem Täter ziemlich über ihn im Bilde, vermochte es aber nicht, ihn rechtzeitig zu stoppen. Und auch hier richtete sich der Täter hinterher selbst. Ist unsere Polizei also nur unfähig, oder haben wir mit dem Phänomen Amoklauf etwas völlig anderes vor uns?

Die Moral bleibt in jedem Fall auf der Strecke. Dies ist das Schlimme. Unfähige Politiker fordern weitere Bürgerrechtsbeschneidungen, sind aber nicht bereit, auf ihre eigenen Privilegien zu verzichten. Und dann dieser Zwang zur Arbeit, da man nur als arbeitender Mensch als Mensch angesehen wird.

Die Folgen

Natürlich wird die Politik in den nächsten Wochen mit so einigem an Vorschlägen kommen, wie man dieses oder jenes auf Kosten der Bürger verbessern könnte. Und natürlich wird die Politik nicht anerkennen, daß sie selbst der Urheber von solchen Amokläufen ist.

Bisher hatten wir noch Glück, daß solch ein Amokläufer nicht in den Bundestag gestürmt kam und dort reinen Tisch machte. Doch dort sind die Sicherheitsvorkehrungen schon so scharf, daß es relativ unmöglich ist, als Zivilperson bewaffnet den Besucherbereich betreten zu können.

Hier ist Schutz vorhanden. Aber wie sieht es sonst in Deutschland aus? Unsere Politiker vernachlässigen den Schutz des Bürgers. Polizeikräfte werden abgebaut, Equipment eher verschrottet als durch neuwertiges ersetzt und die Polizisten sind auch noch gezwungen, von ihrem mikrigen Gehalt, sich selbst die Schutzwesten zu besorgen, damit sie überhaupt ihren Dienst an der Gesellschaft machen können.

Kann es nicht eher so sein, daß schon seit mehr als 5 Jahren in der Politik ein wirtschaftsfaschistischer, neoliberaler Amoklauf geschieht und ein Amoklauf eines Schülers, der weiß, daß er trotz guter Ausbildung letztlich beim Prekariat landen wird (und somit bei Hartz IV), hiervon nur ein Spiegel ist? Unsere Gesellschaft ist eindeutig krank. Unser System, in dem es sich die Politiker häuslich eingerichtet haben, zeigt nicht nur Lücken auf, sondern fördert die Ungleichbehandlung von Jedermann.

Man braucht sich also von Politikerseite nicht zu wundern, sollten sich in den nächten Jahren die Anzahl der Amokläufer erhöhen. Eher im Gegenteil. Dies würde nur offenbaren, wo der Fehler liegt. Wenn ein Kind aus der gutbürgerlichen Mittelschicht (Eltern wahrscheinlich beide CDU-Wähler) zum Amokläufer wird, als ihm klar wird, daß es keine Zukunft außer Hartz IV besitzt, macht eindeutig die Politik etwas falsch. Zumindest in der Mittel- und Oberschicht sollte man die Form wahren und den Menschen nicht die Wahrheit bekannt machen. Nur so kann dieses System überleben. Oder aber man richtet sich auf einen kompletten Systemumbau ein – und ist dann auch bereit, auf die genommenen Privilegien zugunsten der anderen Kasten in unserem System zu verzichten. (Dies wird jedoch nicht geschehen, vorher dürfte der Papst ohne Atemgerät über den Mond spazieren.)

Das System, daß den vermeintlich Stärkeren beschützt und in guter Obhut hält, bringt solche Amokläufer hervor. Ein System, in dem eine Gleichbehandlung der Menschen nicht möglich ist, erzeugt gerade zu in loser Folge solche Amokläufe. Dies zu wissen, bedeutet nicht, es gut zu heißen. Aber die bundesdeutsche Politik muß sich ändern, um zu verhindern, daß weiterhin Unschuldige für die Verbrechen unserer Großkopferten sterben müssen. Hieran, auch an diesem Amoklauf, trägt eindeutig nur die Politik die Schuld. Aber sie verhält sich wie ein solcher Attentäter. Wenn die Luft zu bleihaltig wird, richtet sie sich eher selbst, als für ihre Verbrechen offen einzustehen.

Update 14.03.09:

Wie jetzt bekannt wurde, ist die Geschichte, daß der Amokläufer von Winnenden in psychiatrischer Behandlung gewesen sei, auch nur eine wohl gesetzte Falschmeldung des baden-württembergischen Innenministeriums gewesen. Somit stellt sich nach wie vor die Frage, welches Motiv genau jener Täter für seine Taten hatte!

Quelle: hier

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28 Kommentare on Das Massaker von Winnenden

  1. Tom sagt:

    Wir fragen uns alle: was treibt junge Menschen in solch einen Wahnsinn?! Die meisten Amokläufer haben eines gemeinsam: sie standen unter dem Einfluss von Psychopharmaka (http://www.ssristories.com/index.php). Es sind die Medikamente, nicht die Waffen. Hier müssen wir nachhaken und denjenigen, die jungen Menschen solche drogenähnliche Stoffe verschreiben, deren dramatische Nebenwirkungen bekannt sind, kritische Fragen stellen und sie zur Verantwortung ziehen.

  2. Manfred sagt:

    Hallo,

    Der Sündenbock, jetzt haben wir Ihn, so lasst Ihn uns jagen und zur Strecke bringen, der wahre Täter ist entlarvt.
    Die Ärzte sind es, die, die Menschen zuerst in den Wahnsinn treiben, um Sie dann mit Drogen voll pumpen zu können.
    Die anderen, die anderen, irgendeinen werden wir schon finden, dem man alle Schuld dieser Erde in die Schuhe schieben kann.
    Wir selbst, wir tun doch nichts, wir sind doch so harmlos wie die drei Affen, oder so schweigend, wie das Schweigen der Lämmer.
    Am Anfang steht die Geburt, danach trifft der Mensch auf Seine Eltern, danach auf die Gemeinschaft, und war Er nicht schon von Geburt an von Sinnen, dann hat man Ihn wohl dazu gebracht, Drogen hin oder her, Drogen machen nur vieles leichter.
    Es ist ja immer so einfach, das einfachste, die Schuld bei anderen zu suchen, in anderen Keller zu stöbern, den eigenen hält man lieber Versteckt.

    VLG

  3. Manfred sagt:

    Hallo,

    Der Sündenbock, jetzt haben wir Ihn, so lasst Ihn uns jagen und zur Strecke bringen, der wahre Täter ist entlarvt.
    Die Ärzte sind es, die, die Menschen zuerst in den Wahnsinn treiben, um Sie dann mit Drogen voll pumpen zu können.
    Die anderen, die anderen, irgendeinen werden wir schon finden, dem man alle Schuld dieser Erde in die Schuhe schieben kann.
    Wir selbst, wir tun doch nichts, wir sind doch so harmlos wie die drei Affen, oder so schweigend, wie das Schweigen der Lämmer.
    Am Anfang steht die Geburt, danach trifft der Mensch auf Seine Eltern, danach auf die Gemeinschaft, und war Er nicht schon von Geburt an von Sinnen, dann hat man Ihn wohl dazu gebracht, Drogen hin oder her, Drogen machen nur vieles leichter.
    Es ist ja immer so einfach, das einfachste, die Schuld bei anderen zu suchen, in anderen Keller zu stöbern, den eigenen hält man lieber Versteckt.

    VLG