Das Wetter war fürchterlich. Esgon sah sich um und erschauderte wieder. Wäre er nicht auf der Suche nach diesem verdammten Ei, hätte er sich nicht mitten in der Nacht in diesen schrecklichen Gewittersturm hinaus getraut. Aber es mußte nun einmal sein. Die Garde brauchte unbedingt Nachwuchs. Esgon war aber keiner der großen Helden, eigentlich fürchtete er sich mehr vor seiner Arbeit als vor seiner Schwiegermutter. Und seine Schwiegermutter war schon schrecklich.

Der junge Mann erklomm den nächsten Hügel, während unaufhörlich Blitze zuckten und das Land in einen Lichtschauer gleich einem Stroposkop tauchten. Hell, dunkel, hell, dunkel, hell, hell, dunkel. In einem fort. Fast schien es so, als sei das Land über Esgons Vorhaben verärgert. Doch dem Mann blieb keine andere Wahl. Nicht umsonst hieß es in den alten Legenden, daß die Drachenreiter der Garde die Ehrenvollsten der Ehrenvollen waren. Sie verfügten über die Macht, die sie brauchten, um das Land Thorgar unter Kontrolle zu halten.

Und Esgar war es Leid, in den Ställen immer wieder die Kothaufen der Gardereittiere wegzuräumen. Wenn es ihm gelang, ein Ei zu finden und in die Ställe zu bringen, so würde er ein Gardemitglied werden. Vom Stallburschen zu einem wirklich ehrenvollen Krieger. Abermals zuckte eine ganze Kette von Blitzen und der Regen wurde noch dichter. Mitterlweile konnte der junge Mann nicht einmal mehr das Dorf sehen, aus dem er hierher gekommen war.

Das Wetter begann noch schlimmer zu werden. Endlich hatte der junge Stallbursche das Vorgebirge erreicht. Die Blitze strahlten hier nicht mehr ganz so grell, dafür kam ein Mehrfaches des Regens herunter als unten im Tal. Die gesamte Gegend schien davon zu schwimmen. Mehr als einmal fiel Esgar auf den glitschigen Boden und versaute seine so schon einfache Kleidung noch mehr. Aber er gab nicht auf. Schließlich erreichte er die Höhle, von der schon alles vorher gesprochen hatte.

Hier war er zwar für das Erste sicher. Aber viel würde es ihm nicht bringen, die Nacht in der kalten Höhle zu verbringen, anstatt daheim im Bett mit seiner jungen Frau. Esgar ging also tiefer in die finstere Höhle hinein und nun waren die Blitze ein kleiner Vorteil. Man erkannte sehr genau den Weg vor sich. Nach einhundert oder zweihundert Metern fand er schließlich an einer Gangwand eine Fackel, die sich auch relativ leicht anzünden ließ. Die Höhle war also bekannt. Aber Esgar ging es nur um ein einziges Ei, mehr nicht. Er war es Leid, immer wieder die Rüpeleien der Drachenreiter anhören und sich treten lassen zu müssen, da er so tief unter ihnen stand.

Der Gang war lang und länger und bald ermüdeten Esgons Beine. Dennoch gab er nicht auf. Wenn er mit einem Drachenei zurückkehrte, würde er selbst zu einem Drachenreiter werden können. Und dann war er genauso viel Wert wie ein Gardist. Esgon folgte immer mehr seinen Gedanken, achtete weniger auf den Weg und schlug hin und wieder auf den harten Boden, wenn er auf dem glatten verglasten Stein des Bodens abrutschte.

Schließlich hatte er die Haupthalle erreicht. Überall um ihn herum türmten sich wahre Berge von Gold und Geschmeide. Mit nur wenigen Stücken wäre Esgon ein gemachter Mann und niemand würde ihm den Reichtum neiden, den er aus einem Drachenhort mitgebracht hätte.  Doch Esgon stand es nicht danach, Gold zu raffen. Er wollte nicht mehr als ein Drachenei mitbringen, um endlich ein Drachenreiter werden zu können.

Deshalb bekam er auch nicht das Aufblitzen der Drachenaugen hinter ihm wahr, die einige Meter über ihm sich plötzlich öffneten. Esgon sah plötzlich den Schatz, den er suchte, vor sich liegen. Das goldene Ei war halb so groß wie er selbst und man konnte an der Maßerung erkennen, daß es eindeutig ein Drachenei war. Gerade als er die Hand danach ausstreckte, erwischte ihn die Flammenwand von hinten. Der Drache hatte sich nicht gerührt, sondern nur sehr genau gezielt. Esgon hätte ihn nicht mal wahrnehmen können, selbst wenn er von dessen Existenz gewußt hätte. Der Drache fauchte ein weiteres Mal auf, und spie erneut Feuer auf den schuppenhäutigen Eindringling. Der zweite Flammenstrahl verbrannte Esgon endgültig zu einem Häufchen Asche. Der Drache selbst dachte nicht weiter darüber nach, nur ein kurzer Gedanke zuckte durch seinen großen Kopf: „Warum denken die Echsenmenschen immer wieder, sie könnten auch zu Drachenreitern werden? Sie haben nicht die Kraft, sich auf einem Jungtier zu halten.


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