Das leise Miauen war weit zu hören.-

Die Welt war eine Andere geworden. Wo einst Glaspaläste standen, hatte sich wieder die Natur breit gemacht. Dort, wo einst Technik dominiert hatte, herrschte nun das Gesetz des Dschungels. Die Welt war wahrhaftig eine andere geworden. Dort, wo früher Vögel sangen, gab es heute große ausgeglühte Krater. Das Miauen nahm in seiner Lautstärke zu. Der junge Jäger fürchtete sich vor dem Miauen nicht. Er kannte es. Ein Tier, daß solche Geräusche von sich gab, war in der Vergangenheit ein Freund der Menschen gewesen. Zwar unabhängig, aber dennoch ein Freund, der schon einmal Ratten und Mäuse jagte und sie vor dem Haus seines Herrn ablegte.

Der junge Krieger lächelte nicht bei diesen Gedanken. Der Schamane des Stammes erzählte viele wundersame Geschichten über die Menschen. Vor Jahrtausenden seien jene zwischen den Glaspalästen mit fliegenden Fahrzeugen unterwegs gewesen sein. Zu einer Zeit, als die Glaspaläste nicht jene Trümmerwüste bildeten, die sie heute darstellten. Damals, in jenen fernen Zeiten, waren die Menschen mit Göttern gleich gewesen. Heute reichte schon ein falscher Schritt, um von einer fleischfressenden Pflanze verspeist zu werden.

Der junge Mann folgte dem Miauen weiter. Inzwischen vernahm er das Echo in den ausgebrannten Häuserschluchten. Sein Blick ging an den hohen Fassaden der Häuser hoch, die der Schamane Glaspaläste genannt hatte. Einst hatten hier Menschen gelebt. Zu einer Zeit, als es noch elektrischen Strom gegeben hatte. Dabei konnte der Schamane selbst nicht einmal erklären, was dieser Strom überhaupt gewesen war. Den einzigen Strom, den der junge Krieger kannte, floß einige Dutzend Meilen vom Gral des Stammes entfernt durch eine weite Ebene und versorgte die dort lebenden Tiere mit dem lebenswichtigen Wasser.

Seine Sinne waren angespannt. Zwischen den Ruinen herumzustreifen war immer eine gefährliche Sache. Vor einem Sommer war er in einer anderen Ruinenansammlung einer mannshohen Spinne beinahe in die Fänge gelaufen. Damals hatte noch der beste Jäger des Stammes gelebt, sein Onkel Rul. Todesmutig hatte Rul die Spinne erschlagen, war aber von deren Fängen erwischt worden und hatte sich im Verlauf der kommenden Monde regelrecht bei lebendigen Leibe aufgelöst. Kein schöner Tod. Nur das Leben war nun einmal so.

Der Krieger hoffte, nicht das Schicksal seines Onkels zu teilen. Das Leben war in der Einöde schon gefährlich genug. Aber zwischen den Glaspalästen war neues Leben entstanden, ausnahmslos tödlich in all seinen Formen. Das Miauen klang nun wieder näher, aber es schien sich eindeutig zu bewegen. Der junge Mann folgte dem Geräusch  weiter.

Sollte es sich wirklich um eine der legendären Katzen handeln, hätte er Glück. Katzen waren als Jagdbegleiter gut zu gebrauchen. Auch wenn sie nicht auf das Wort gehorchten, konnten sie Gefahren eher spüren als dazu ein Mensch in der Lage wäre. Und eine Katze, die sich in den Ruinenansammlungen auskannte, war ein Glücksfall. Von neuem Mut beflügelt, beschleunigte der Jäger seine Schritte und folgte dem Geräusch.

Aus den dunklen Trümmern hielt er sich in dieser Nacht draussen. Schon tagsüber lauerten dort mehr als genug Gefahren. Und erst in der Nacht konnte man nicht sicher sein, ob nicht im nächsten Schatten eine fleischfressende Pflanze oder schlimmeres lauerte. Das Miauen kam eindeutig nicht aus einem dieser Schatten, sondern erscholl auf einer weiten Lichtung inmitten der Trümmer.

Der junge Jäger schritt weiter. Was sagte immer der Schamane, wenn es darum ging, den Untergang der Welt zu beschreiben? Die Menschen hatten begonnen mit Gentechnik herumzuspielen und dabei Pflanzen geschaffen, deren Mutationsrate für sie nicht mehr kontrollierbar gewesen war. Sie spielten Schöpfergott, ergriffen aber keine Sicherheitsvorkehrungen, um eine globale Katastrophe abzuwenden. Es war jedoch nicht nur Das. Der Teufel Genetik hatte die Menschen dazu gebracht, ihre eigenen Gene ebenfalls mit denen von Tieren zu mischen. Und die genetisch veränderte Nahrung tat ihr eigenes dazu. Zuerst veränderten sich die Tiere, dann auch teilweise die Menschen.

Mutanten traten auf. Zuerst sollen es nur einige wenige Tierarten gewesen sein, die sich durch den Gentransfer veränderten. Diese veränderten Tiere griffen zuerst die Menschen an, die nicht genetisch verändert worden waren. Die, die diese Attacken der Natur überlebten, verkrochen sich in unterirdische Höhlen, die sie Bunker nannten. Und kamen nicht mehr an die Oberfläche. Seit mehreren Jahrhunderten schon nicht mehr. Ob sie überhaupt noch lebten, war nach der Aussage des Schamanen, nicht sehr wahrscheinlich. Wahrscheinlich waren sie in ihren Bunkern selbst ebenfalls veränderten Kreaturen zum Opfer gefallen. Oder ihrem eigenen Selbsthaß.

Der junge Jäger erreichte endlich die weite Lichtung. Wenn es nicht gerade Vollmond gewesen wäre, hätte er sich niemals in der Nacht in die Ruinenansammlung getraut. Schon bei Tageslicht lauerte hier an jeder Ecke eine andere Gefahr. In der Mitte der Lichtung lag eine große, schwarze Katze. Sie sah aus, wie alle Katzen aussahen. Ein langer Schwanz, der unruhig über den Staub schlug, große gelbe Augen und lange Barthaare über dem Maul, aus dem dieses feine Miauen drang. Die spitzen Ohren hatten sich in die Richtung gedreht, aus der der Jäger kam.

Der Mann lächelte. Mit dieser Katze in seiner Begleitung würde er seinen Stamm zu neuer Größe führen können. Und vielleicht bekamen sie dadurch ja eine Überlebenschance. Sofern sie es endlich schafften, ihren Gral gegen die Sporen der fleischfressenden Pflanzen zu sichern. Er trat noch zwei Schritte auf die große Raubkatze zu und lächelte dabei siegesgewiß. Mit so einem prächtigen Tier, wenn er es überzeugen konnte, ihm zu folgen, würde er den Stamm zu neuer Größe führen. Die große schwarze Katze wartete genau diese beiden Schritte ab, bevor sie schlagartig auf ihre Tatzen sprang und ohne Anlauf zu nehmen den jungen Jäger ansprang. Der Todesschrei des jungen Mannes hörte man durch die dunkle, finstere Nacht.

Einige Zeit später trat eine nackte, junge Frau aus dem Schatten heraus, in den die Katze ihr Opfer geschleift hatte. Nur ihre Ohren erinnerten daran, daß sie irgendwie anders war. Die junge Frau überlegte nicht lange, sondern leckte sich genüßlich die blutigen Hände ab. Oh, diese primitiven Jäger. Sie würden es niemals lernen, daß man einer Katze nicht trauen konnte. Jedenfalls nicht, wenn man am Leben bleiben wollte. Jetzt, nachdem sie wieder einmal gut gegessen hatte, konnte sie wieder zu ihren Leuten zurückkehren. Um den Jäger war es nicht sonderlich schade in ihren Augen. Es gab nicht mehr viele Menschen. Die Welt hatte sich seit der Katastrophe wahrlich verändert. Aber die Menschen hatten immer noch nicht gelernt, sich anzupassen.

Ihr Blick ging noch ein letztes Mal in die dunkle Gasse, in der der halb aufgefressene Kadaver des Jägers lag. Er hatte wirklich gut geschmeckt, dachte sie. Dann miaute sie ein letztes Mal, bevor sie mit sanften Schritten selbst wieder in der tiefen Dunkelheit verschwand …


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