Ich habe immer noch den Aufschrei der Parteirechten der SPD in den Ohren, als jene vor gut zwei Jahren erfuhren, daß nicht ihr Aushilfsstiefellecker Jürgen Walter, sondern Andrea Ypsilanti zur Ministerpräsidentkandidatin vom Parteivorstand gekürt wurde. Jürgen Walter, der Anwalt, der der FRAPORT mehr als nur Nahe zu stehen scheint, hatte so darauf gehofft, selbst als Spitzenkandidat auftreten zu dürfen, um endlich für geregelte Verhältnisse in Hessen zu Sorgen – nach Koch.

Dummerweise war dem Herrn Walter damals schon das kleine Techtelmechtel mit der damaligen Pressesprecherin des Herrn Koch Übel aufgestoßen. Und es brauchte beileibe nicht parteiinternes Mobbing, um ihn, bar dieser Nähe zum politischen Klassenfeind, als Spitzenkandidaten grundsätzlich auszuschließen. Seine innenpolitischen Ideen dieser Zeit unterschieden sich von denen eines Herrn Bouffier nur dadurch, daß sie die Unterschrift Jürgen Walters trugen. Ansonsten waren seine Ideen unisono von der gleichen rechtsdrehenden Großmannssucht wie beim Amtsinhaber gestaltet.

Was dies alles mit Frau Andrea Ypsilanti zu tun hat? Mehr als man vielleicht auf den ersten Blick glaubt. Die kompletten südhessischen (also Bergstraße, Darmstadt-Dieburg und der darunter liegende Bezirk) Kreise waren durch und durch Agenda 2010 Befürworter. Und sind dies bis auf einen Ortsverein bis heute immer noch. Diese südhessischen Ortsvereine werden von reinen Karrieristen geführt. Menschen, denen es eigentlich nur darum geht, so schnell wie nur möglich in den Landtag aufzurücken und von diesem Moment an gar nicht mehr arbeiten gehen zu müssen. Wobei die Mehrheit dieser Personen schon jetzt nicht einmal einer geregelten Arbeit nachgeht, jedoch verächtlich auf all jene herab schaut, die aus gesundheitlichen Gründen nicht arbeiten gehen können. Aber auch dies hat nur sekundär mit Frau Ypsilanti zu tun. Aber es zeigt auf, mit welchem innerparteilichen Terror sie rechnen mußte, als sie sich entschied, dem linken, dem sozialen, Pfad zu folgen.

Nordhessen wiederum ist hier eher gemütlich und nicht so fanatisch in seiner politischen Ausprägung. Deshalb verwundert es an dieser Stelle nicht, daß ausgerechnet dort einige wenigen sozialdemokratische Trutzburgen bei dieser Landtagswahl gehalten werden konnten. Im Gegenteil, deutet dies doch darauf hin, daß es genau diese Trutzburgen waren, die von Anfang an den politischen Kurs von Andrea Ypsilanti unterstützten. (Aber dies ist ein längeres Kapitel.)

Frau Ypsilanti wurde als Kind einer Arbeiterfamilie aus Rüsselsheim geboren. Sie witzelte ja selbst schon bei einer Pressekonferenz herum, daß sie als Sohn geboren worden sei. Nun, Rüsselsheim stimmt, das mit dem Sohn stimmt nicht. Aber es zeigt den sturen Willen dieser Frau auf, alles richtig zu machen. Da sie in der Politik einer Männerdomäne unterliegt, sah sie sich gezwungen, entsprechend hart und kompromißlos zu werden. Jedoch leider nicht vollständig, weshalb ich ihr bei den alten Wahlveranstaltungen, die ich von ihr erlebt habe, durchaus den Eindruck bekam, daß sie mutwillig log. Ja, später stellte sich sogar heraus, daß sie in einigen kleinen Programmpunkten während des innerparteilichen Wahlkampfes um die Kandidatur als Ministerpräsident gelogen hat. Jedoch waren dies verzeihliche Lügen, die jedoch von den konservativen Kräften in diesem Land ganz gemein gegen sie gewendet wurden. (Auch dazu weiter unten mehr.)

In den Jahren von 1980 bis 83 sah sich ein wenig als Lufthansastewardess die Welt an. Auch dies ist nichts verwerfliches, wenn man weiß, welche Halbwertzeit Stewardessen (Flugbegleiter) bei der Lufthansa eigentlich haben. Vier Jahre Flugdienst, um danach in Frankfurt ein Soziologiestudium abzuschließen, mit dem sie ihre weitere Karriere bestreiten wollte. Auch hier erkennt man wieder, daß Frau Ypsilanti durchaus wußte, was sie tat. Normalerweise fluktuieren Stewardessen im Durchschnitt 5 Jahre, bevor sie durch jüngeres und frischeres Personal ausgetauscht werden. Die wenigsten Stewardessen erreichen ein Dienstalter von 10 Jahren und verrichten dann für den Rest ihrer Anstellungszeit als Bodenpersonal ihren Dienst (effektiv machen dies nur 15% aller jemals von der Lufthansa ausgebildeten Stewardessen). Selten fliegt eine Stewardess länger als 15 Jahre – und dann meistens nur, wenn sie von bestimmten Luftkapitänen ständig angefordert wird, ansonsten gilt die Bodenpersonalregelung. Frau Ypsilanti gab sich also nicht damit zufrieden, in Kürze bald aus dem Flugdienst entlassen zu werden, sondern sorgte vor und organisierte sich ein zweites Standbein. Mit der Politik hatte sie jedoch erst zu Beginn der 90’er Jahre zu tun.

Und hier entwickelte sie sich rasch. Dank ihres Studiums war es ihr nämlich möglich, in der Staatskanzlei in Wiesbaden Fuß zu fassen. Und nachdem der hessische Landesparteivorsitzende 2003 die Landtagswahl gegen Roland Koch so gravierend verlor, half ihr Jürgen Walter dabei, diesen abzulösen. Und genau an dieser Stelle beginnt nämlich das eigentliche Phänomen Ypsilanti, wie ich finde.

Der von Jürgen Walter und ihr gestürzte Landesparteivorsitzende kam jahrelang nicht über die Schmach hinweg, von zwei Newcomern dementsprechend deklassiert worden zu sein. Und dies, obwohl Frau Ypsilanti zu jenen Tagen bereits dadurch auffällig wurde, weil sie entgegen der gesamten hessischen SPD die Meinung vertrat, daß die Agenda 2010 und die Hartz-Gesetz ein Verstoß gegen die Menschenrechte seien. Der noch sozialdemokratisch denkende Teil der SPD stellte sich daraufhin hinter sie, während der Rest, getreu dem Motto des ‚Seeheimer Kreises‘: „Verrate deinen Verbündeten, um seinen Platz einzunehmen.“, sich da bereits gegen sie stellte. Und der amtierende Bundeskanzler Gerhard Schröder, der Initiator der Agenda 2010, sie einfach nur als Frau XY wahrnahm.

Diese persönliche Schmähung wurde von Frau Ypsilanti einfach weggesteckt. Jedoch zeigte sich, daß die Platzhirsche in der SPD nicht so einfach bereit waren, einer Frau bereitwillig das Feld zu räumen. An dieser Stelle kommen wir wieder zu den südhessischen Ortsvereinen zurück. Nachdem 2007 sicher war, daß Frau Ypsilanti als Spitzenkandidatin antreten würde, gab es in den Ortsvereinen von Groß-Gerau bis hinunter nach Alsbach-Hähnlein die Latrinenparole, ein Flugblatt zu erstellen und zu verteilen, damit die Parteimitglieder (die da schon mehr als nur selten zu den Mitgliederversammlungen erschienen) offen darüber abstimmen sollten, ob der Ortsverein eine Frau als Landesparteivorsitzende überhaupt unterstützen sollte. Wortführende Ortsvereine waren damals, neben Seeheim-Jugenheim, der sich nur verbal an der Auseinandersetzung beteiligte, Weiterstadt [na, wessen Wahlkreis ist das wohl?], Groß-Gerau, Darmstadt [na, wer war damals dort Spitzenkandidat?] und Zwingenberg. Jedoch wurde die Kampagne auf halber Strecke schließlich von Vize-Landesparteivorsitzenden abgewürgt, bevor das erste Flugblatt überhaupt erstellte war.

Für einige Ortsvereine war die gesamte Kampagne ein wenig peinlich. Und selbst heute sprechen die wenigsten Parteimitglieder öffentlich darüber, daß man Frau Ypsilanti eigentlich niemals hatte haben wollen. Bei der innerparteilichen Wahlveranstaltung in Pfungstadt fiel mir zu jener Zeit schon erschreckend auf, wie viele Ortsvereinsvorsitzende leichtfertig dem Vize Jürgen Walter glaubten (der an jenem Tag ‚angeblich‘ nicht sprechen konnte, weil er sich auf einer anderen Veranstaltung einen Tag vorher heißer geredet hatte), anstatt einmal auf die Argumente von Frau Ypsilanti zu hören. Wie gesagt, dies war eine von drei Veranstaltungen, an denen ich teilnahm und mir damals eine entsprechende Meinung über Frau Ypsilanti bilden konnte. Fakt ist jedoch, daß hinter den Kulissen Herr Walter durchaus mit normaler Stimmlage sprechen konnte, wie man an den vielen Gesprächen mit Ortsvereinsvorsitzenden sah, die er nach dem offiziellen Teil hielt. Wenn jemand heißer ist, kann er nicht noch mehrere Stunden am Stück dann im privaten Gespräch quasseln.

Jedenfalls wurde damals intensivst versucht die Glaubwürdigkeit einer Frau Ypsilanti zu untergraben. Gesteuert wurde das alles von Herrn Walter (zumindest nach dem äußeren Anschein nach, der sich durch Beobachtungen ergab). Und jener besaß bei den südhessischen Ortsvereinsvorsitzenden einen Rückhalt, der schon unheimlich zu bezeichnen war. Jedoch führte er bei diesen Treffen seine Freundin/Verlobte nicht vor. Jene gab zu dieser Zeit ihren Posten als Pressesprecherin bei der CDU auf und wechselte zur Gewerkschaft nach Mainz.

Herr Walter fühlte sich damals als Sieger, obwohl er eindeutig keiner gewesen ist. Immerhin entschieden die meisten Unterbezirke zu seinen Gunsten. Jedoch wurde durch Walter Grumbrach alles makuliert, als sich der Landesparteivorstand über das Mitgliedervotum hinweg setzte und eindeutig erkannte, daß der bessere Wahlkampfführer eindeutig Frau Ypsilanti war. Über diese Schmach kam Herr Walter niemals richtig hinweg. Und dadurch wird auch sehr vieles von dem, was er im nachhinein tat, verständlich. Obwohl ein solch egomanischer Blindflug, wie er ihn während des Landtagswahlkampfes schon zeigte, ihm bei der FRAPORT nicht nur die Fluglizenz, sondern auch die Anstellung gekostet hätte. Schon während des Landtagswahlkampfes bestand er nämlich kategorisch darauf, unbedingt das Wirtschaftsministerium im Falle eines Wahlsieges zu übernehmen. Gleichzeitig machte er eine Große Koalition im hessischen Landtag vornehmlich bei den südhessischen Ortsvereinen hoffähig. Natürlich unter seiner Ägide, falls sich Frau Ypsilanti nicht bereit erklärte, mit Roland Koch ein entsprechendes Zweckbündnis zu schaffen.

Frau Ypsilanti führte ihren Wahlkampf konsequent, wenn auch nicht so ehrlich, wie es vielleicht angebracht gewesen wäre. Und Warnungen von ihr gegenüber stehenden Parteimitgliedern, sich unbedingt die Laus Jürgen Walter vom Pelz zu schaffen, ignorierte sie beflissentlich. Anscheinend konnte sie nicht glauben, daß ihr alter Verbündeter, der mitgeholfen hatte, sie zur Landesparteivorsitzenden zu machen, ihr wirklich ernsthaft in den Rücken fallen könnte. Das dies eine Fehleinschätzung von ihr war, dürfte sie seit dem 3. November letzten Jahres nun endgültig wissen.

Andrea Ypsilanti führte nicht nur den Wahlkampf konsequent und eloquent, sondern auch dahingehend richtig, daß sie darauf hinwies, wo bei der Regierung Koch die Fehler waren. Das Wahlvolk sorgte für einen leichten linken Vorsprung, wollte aber weder Ypsilanti, noch Roland Koch als Ministerpräsidenten sehen, sondern eher die Variante, daß die linken Parteien der geschäftsführenden Regierung in den nächsten 5 Jahren vorschrieb, was sie zu tun und zu lassen hat. Leider scheiterte dieses Vorhaben an dem unbedingten Willen eines Herrn Walter, der unbedingt hessischer Wirtschaftsminister werden wollte.

Die Parteilinken der SPD waren der Meinung, daß die Situation, so wie sie war, nicht schlecht war und zusammen mit der LINKS-Partei und den Grünen/B90 bestand durchaus die Chance, die Regierung Koch so lange vor sich her zu treiben, bis jene freiwillig kapitulierte und das Ministerpräsidentenamt dann an Frau Ypsilanti abtreten würde. Rein theoretisch hätte dieser Plan auch funktionieren können, wenn es da nicht die ‚Aufsteiger‘, ‚Seeheimer Kreis’ler und die Agenda-Apologeten in der Partei gegeben hätte.

Zwischen den ‚Aufsteigern‘ und dem ‚Seeheimer Kreis‘ gibt es einen kleinen Unterschied. Der ‚Seeheimer Kreis‘ ist zwar der rechtsdrehende und populistisch agierende Teil der SPD, jedoch würde dieser niemals so weit gehen, offen Menschenrechte außer Kraft zu setzen, um ein Ziel zu erreichen. Die ‚Aufsteiger‘, die in Hessen vornehmlich von Jürgen Walter repräsentiert wurden, denken da völlig anders. Diesen ist jedes Mittel recht, noch rechtslastiger und wirtschaftsfreundlicher als die CDU aufzutreten. Demnach ist Gerhard Schröder also keine Marionette des ‚Seeheimer Kreis’es gewesen, sondern eindeutig eine Marionette der ‚Aufsteiger‘, die ähnlich den ‚Netzwerker’n, den eigentlichen Agenda-Apologeten, nur auf die eigene Karriere bedacht sind und die das Volk nicht einen Strunz (oder Struck) interessiert!

Während also in Nordhessen in der SPD ein eindeutiges Umschwenken auf den Kurs von Frau Ypsilanti wahrzunehmen war (bis auf den Wahlkreis von Frau Tesch), der eindeutig besagte, daß man sich von der Partei DIE LINKE nur tolerieren lassen wollte, obwohl einige geistig verwirrte – unter anderem hier – einen Koalitionsvertrag daraus bastelten, der niemals geplant gewesen ist. Zumindest niemals von Seitens DIE LINKE HESSEN, wie Herr Wilken ohne weiteres wird bestätigen können.

Das in diesem Moment eine Medienkampagne ins Rollen kam, die an die guten alten Zeiten eines Herrn Koch erinnerte, in dem nicht nur zusammenphantasiert wurde, daß Frau Ypsilanti ernsthaft eine Koalition mit DIE LINKE in Betracht zog, und um noch weitergehend Angst zu machen, man dem Bürger tatsächlich vormachte, daß mit einem rot-rot-grünen Koalitionsvertrag bald sozialistische Verhältnisse á la DDR in Deutschland herrschen würden. Hier übertrieben die Konservativen eindeutig. Sie erhielten jedoch Rückendeckung von jeder überparteilichen überregionalen Tages- und Wochenzeitung.

BILD schuf den Tricksilanti, Lügilanti-Ulk, um damit Punkte bei ihren sowieso geistig unterbelichteten Lesern zu machen. Wichtig war, daß es kein linkes Bündnis, nicht einmal durch eine Tolerierung, in Westdeutschland geben durfte, da hier durchaus die Gefahr bestand, daß auf Bundesebene dann das Hartz IV-Programm gecancelt werden müßte, daß gerade erst begann der Union ans Herz zu wachsen. Also wurde eine wirklich beispiellose Medienhetzkampagne gegen Frau Ypsilanti gefahren, der sich sogar vereinzelte Internetblogs (leider!) anschlossen.

Fest steht eines: Frau Ypsilanti log nur einige Male während des innerparteilichen Wahlkampfes. Im eigentlichen Wahlkampf, als es darum ging, Herrn Roland Koch von seinem Thron zu stoßen, auf dem er wie mit Pattex geklebt, festgewachsen war, blieb sie offen und bei der Wahrheit. Auch nach der Wahl, als sicher war, daß die linken Wähler in Hessen eine eindeutige Mehrheit erzielt hatten (und Koch mit 12,5% Verlust an Wählerstimmen da stand – und somit eindeutig Wahlverlierer war), verhielt sich Frau Ypsilanti gewohnt konsequent. Auch wenn sie da bereits begann ihre rückwärtige Verteidigung zu vernachlässigen. Schon damals kamen in einigen Ortsvereinen Gerüchte auf, daß Herr Walter eigene Pläne habe und unbedingt das Wirtschaftsministerium haben wolle, selbst wenn er dazu eine Große Koalition mit Roland Koch eingehen müßte, obwohl er während der Landtagswahl versprochen hatte, sein möglichstes zu tun, um eben jenen von seinem Posten als Ministerpräsidenten abzulösen.

Die Wortbruchkampagne, die eindeutig CDU-gesteuert ist, erreichte ihren Höhepunkt im Oktober, nur wenige Tage vor Novemberbeginn. Hier wurde endgültig offenbar, wer hier mit wem Schlitten fuhr. Jürgen Walter arbeitete auch innerparteilich darauf hin, daß Frau Ypsilanti es in jedem Fall versuchen sollte, sich ein zweites Mal zur Ministerpräsidentin wählen zu lassen. Einmal um Neuwahlen zu verhindern, zum anderem, um der gesamten Bundes-SPD zu zeigen, daß sie es dennoch kann.

Im April hatte sich schon Frau Dagmar Metzger so weit aus der Fraktion verabschiedet, weil sie unmittelbar nach der Landtagswahl in den Skiurlaub fuhr. Zu jenem Zeitpunkt entschied die Fraktion jedoch, daß man sich zumindest von DIE LINKE tolerieren lassen müsse, um das angestrebte Ziel der Ablösung Roland Kochs wirklich einen Schritt näher zu kommen. Als Frau Metzger dies im Urlaub erfuhr, berichtete sie entrüstet, daß sie in Darmstadt nur angetreten sei, weil sie eben nichts mit der SED-Nachfolgepartei zu tun haben wolle – und auch mit dieser Aussage in ihrem Wahlkampf geworben hätte. (Ich habe einige Wahlveranstaltungen in Darmstadt besucht und an keiner Stelle hat Frau Metzger etwas davon gesagt, daß sie gegen eine Tolerierung oder gar Koalition mit DIE LINKE wäre. Man darf hierbei aber nicht vergessen, daß ihr Schwiegervater einer der Gründerväter des ‚Seeheimer Kreis’es ist, der sich vor 35 Jahren im alten Lufthansa-Ausbildungszentrum konstituierte.) Jedenfalls schoß die entscheidende Stimme, die 56.te nun quer.

Und im Oktober kam Herr Jürgen Walter wie zufällig auf die Idee, noch weitere Probeabstimmungen in der Fraktion zu machen. Hier stimmten alle, auch die 4 Aufrechten, für ihre Landesparteivorsitzende. Die einzige Enthaltung jedes Mal war die Stimme von Frau Dagmar Metzger, der bereits ihre darmstädter Kollegen Parteiverrat vorwarfen und so ziemlich sauer darüber waren, daß diese Frau nur an ihre eigene Karriere dachte und nicht an das Wohl der Partei.

Laut den Probeabstimmungen und nach einigen Kreisparteitagen war klar, daß die SPD so weit die Politik von Frau Ypsilanti mittrug. Als dieses Signal offenkundig war und auch abzusehen war, daß die CDU mit ihrer eigenen Blockadepolitik nicht durchkommen würde (weil sie nämlich vorhatte, allen Fraktionsmitgliedern bei der entscheidenden Wahl dazu zu zwingen, auf ihr Stimmrecht zu verzichten – wo lag hier die Freiheit des Mandats?), fuhr man stärkere Geschütze auf, da die Gefahr bestand, daß Roland Koch wirklich abgelöst werden konnte.

In der Nacht vom 2. zum 3. November gab es dann einige aufschlußreiche Telefonate (zumindest, wenn man den Aussagen der Presse Glauben darf), bei denen festgemacht wurde, daß sich ein kleiner Teil der Fraktion abspalten würde. Wortführer war eindeutig Jürgen Walter, der zwischen den drei Frauen: Silke Tesch, Carmen Ewerts, Dagmar Metzger, mehr als nur unscheinbar wirkte. Auch gab er da den Anschein, daß alles gar nicht auf seinem Mist gewachsen war. Zum Glück war es ihm nicht gelungen, noch einen fünften Parteigenossen dazu zu überreden, bei diesem Hinterhalt am 3. November mitzumachen, sonst wäre es ihm gelungen eine SPD-freie Fraktion zu bilden, die dann mit Herrn Roland Koch zusammen geht. Im Endergebnis hätte jener dann genügend Stimmen besessen, um sich wählen zu lassen, während Jürgen Walter als neuer Wirtschaftsminister zu neuen Ehren gekommen wäre. Zum Glück fehlte der fünfte Mann, sonst wäre die Zukunft Hessens noch dusterer als so schon.

Andrea Ypsilanti überstand bis zum November jeden Angriff unbeschadet, nur leicht angekratzt. Als sie dann Ende November Thorsten Schäfer-Gümbel als neuen Kandidaten vorstellte, war dies bereits der Beginn eines Wegs, der in meinen Augen falsch ist. Anstatt hier zu kneifen und einem anderen die Wahlniederlage zu überlassen, hätte sie auf ihren Vorrechten bestehen sollen und abermals mit dem gleichen Programm noch einmal gegen Herrn Koch kandidieren müssen. Immerhin war es nicht ihr politisches Unvermögen (sondern nur ein rein taktisches Versagen), daß verhindert hatte, daß die linke Mehrheit in Hessen auch zum Zuge kam.

An dieser Stelle wird auch sichtbar, daß sich Frau Ypsilanti zu sicher wähnte, obwohl sie wußte, daß es in der Partei Strömungen gab, die ihre Politik unbedingt zu verhindern versuchten. Mit dem leider schlimmen Erfolg, daß sie nach der Januar-Wahl von all ihren politischen Ämtern zurückgetreten ist. Dies ist eigentlich der Kardinalfehler. Gerade jetzt hätte sie nicht resignieren, sondern kämpfen müssen. Allein deshalb schon kämpfen müssen, weil es ihr eigentlich um die soziale Komponente der Politik ging. Um nichts anderes. In dem sie zurückgetreten ist, zeigte sie, daß sie nur eine schwache Frau ist, die in einer harten Männerwelt nicht bestehen kann. Sie hat zwar ehrlich und anständig gekämpft, war aber durch die Rufmordkampagne einem zwölf Monate dauerndem Dauerwahlkampf von Seitens des politischen Rivalen ausgesetzt gewesen. Das sie an dieser Stelle nun aufgibt, ist unverständlich. Sie gibt somit ihren politischen Gegnern Recht. Dabei war sie diejenige, die politisch absolut im Recht war und ist.

Als Nachtrag noch folgendes: Thorsten Schäfer-Gümbel dürfte mit dem schweren Erbe einer Andrea Ypsilanti nur dann fertig werden, wenn er alle 4 Aufrechte mit sofortiger Wirkung aus der Partei hinaus wirft und die südhessischen Ortsvereine endlich säubern läßt. Und zwar von ‚Netzwerker’n, ‚Aufsteiger’n und ‚Seeheimer Kreis’lern. Bevor dies nicht geschehen ist, kann sich die hessische SPD von der erlittenen Schmach nicht mehr regenerieren. Solange diese Maden im Fleisch sitzen, hat diese Partei keinerlei Chance und Anspruch mehr, irgendeinen Einfluß auf die bundesdeutsche Politik zu nehmen.

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2 Kommentare on Das Phänomen Ypsilanti

  1. Margitta sagt:

    Danke für diesen aufschlussreichen Beitrag.

    Ihrem Link folgend, habe ich mich auf der Seite `Rückgrat gegen Wortbruch` umgesehen. Also, mich packt schiere Wut und es verschlägt mir die Sprache, wenn ich sehe, wie die Menschen solchen Rattenfängern aufsitzen können.

    So sehr ich mich auch bemühe die Sichtweisen meiner Mitmenschen zu respektieren, ist es mir doch schlicht unbegreiflich wie es möglich ist in unserer Zeit sich derart manipulieren zu lassen. Irgendwann müsste man doch mal aufwachen.

    Liebe Grüße
    Margitta Lamers

  2. Margitta sagt:

    Danke für diesen aufschlussreichen Beitrag.

    Ihrem Link folgend, habe ich mich auf der Seite `Rückgrat gegen Wortbruch` umgesehen. Also, mich packt schiere Wut und es verschlägt mir die Sprache, wenn ich sehe, wie die Menschen solchen Rattenfängern aufsitzen können.

    So sehr ich mich auch bemühe die Sichtweisen meiner Mitmenschen zu respektieren, ist es mir doch schlicht unbegreiflich wie es möglich ist in unserer Zeit sich derart manipulieren zu lassen. Irgendwann müsste man doch mal aufwachen.

    Liebe Grüße
    Margitta Lamers