Dies ist nun der zweite Teil meines Martyriums…Höret und leset und staunet und vergesset dabei nicht, den Mund zu schließen…Wo war ich das letzte Mal noch stehen bzw. liegen geblieben ? Ach ja, ich war gerade mit einem Röntgenbild in der Tasche aus de Uniklinik geflüchtet und hatte anschließend schlaflose Nächte verbracht, jedesmal mit dem besorgten Gesicht des furchtbar gutaussehenden Assistenzarztes vor Augen, der mich immer mit der düsteren Prophezeiiung aus meinen Schmerzdeliriien aufschreckte :  „Sie haben noch etwas zwei Wochen, danach tötet Ledermix ihren Nerv ab….“ Jedesmal erwachte ich schreiend aus meinem wirklich nicht besonders tiefen Schlaf und fragte mich dabei, ob das schmerzhafte sich bis in meinen Gesichtsmuskel allmählich ausbreitende Brennen etwa der Abschiedsgesang meines Nerves sei ? In dieser Woche konnte ich mich in das Leiden Christi hineinfühlen…So musste es sich anfühlen dem sicheren Ende langsam entgegenzudämmern…Die spinnen doch die Zahnärzte…

Glücklicherweise gab es zeitgleich sehr viele Ablenkungen für mich, nervige Klausurvorbereitungen die den Nervenschmerz überdeckten. Gegen Ende der Woche  machten sich allmählich Taubheitsgefühle in Richtung Zunge bemerkbar, die eine leise Panik in mir aufkommen ließen. Gottseidank hatte ich für nächsten Montag bereits einen Termin bei einem Kieferchirurgen und einem supersensiblen Zahnarzt vereinbart, letzteren hatte mir die Freundin einer Freundin empfohlen. Das Wochenende verbrachte ich im Internet und recherchierte nach, was „tiefgehender subgingivaler Defekt“ bedeuten sollte??? Mittels Guerillatechnik war es mir beim dritten Telefonanruf bei der Notärztin halbwegs gelungen, gegen einen weiteren Obulus von nur 5 € an die Kopie der Karteikarte zu gelangen, um endlich hearauszufinden, was sich denn nun  in jener Nacht in jener Horrorsession in meinem Mund abgespielt hatte…Zu dumm, dass ich aus den umfangreichen Kürzeln nicht so recht schlau wurde…Was zum Henker bedeutete zum Beispiel  AT RX RX LK *1 Ä1 (Ä1) LK *1 03 (03) 9 15 11 KO KO ??? Auch solche Passagen wie LK 36 * 1 vipr (8) sagten mir nicht allzuviel, regten meine fiebrige Phantasie jedoch zu äußersten Horrorvorstellungen an…hatte man mir etwa bayrisches Viperngift injeziert??? Sofort informierte ich mich darüber ,was alles bei einer Seitenstranganästhesie schiefgehen kann und befürchtete für meinen Geschmacksnerv das Schlimmste…Ich bekam mittlere Tobsuchtsanfälle, als ich von den schädlichen bis tödlichen Auswirkungen von Fluoridvergiftungen in USA las und fragte mich, warum man dort wenigstens sein Patientenrecht bekam,wenn auch nur im Todesfall?

Langsam standen mir die Schweißtropfen auf der Stirn und ich eilte ins Bad, um mein pochendes etwas in Richtung Zunge angeschwollenes Zahnbett mit Schwedentropfen zu betäuben. Dann ließ ich davon ab, da ich mutmaßte, dass die Taubheitsgefühle auch von 70 % Desinfektionsmittel verstärkt werden könnten. Mit zitternden Händen saß ich vor dem Bildschirm und geriet schließlich an eine Seite, die sich an Oralophobiker wandte. Ich erfuhr staunend, dass es in der Bundesrepublik ganze zwei Zahnärzte geben solle, die sich mit Zahnarztangst auskennen und sie behandeln. Irgendwann schlief ich dann vor Erschöpfung ein mit dem Gesicht auf der Tastatur und die Kopie der Karteikarte in der Hand. Es war ein schönes Wochende, draußen brach der Frühling an und in mir die Panik aus.

Ich lenkte mich mit Potenzrechnung ab, aber spätestens Sonntagabends nahm ich die Karteikarte wieder zu Hand und bekam einen neuerlichen Schock…Unterhalb der Faltstelle stand noch etwas, das ich auf der Basis meiner rudimentären Lateinkenntnisse ins Deutsche übersetzen konnte : „Zahn sollte evtl EX …Pat info, dass Erhalt des zahnes fraglich…Aufbaufllg Fuji… 1 ZE  EX ohne Assistenz nicht möglich….“ Ich schäumte vor Wut, an dem besagten Abend hatte diesbezüglich keine Patinfo stattgefunden. Ich interpretierte dies so, dass der smarte Notarzt noch am selben Abend beherzt zur Zange gegriffen hätte, wäre seine Assistentin nicht schon auf dem Nachhauseweg gewesen… Glück gehabt, puh… Schade nur, dass er mich an seinen inneren Monologen nicht hatte zeitnah teilhaben lassen. Aber jetzt erinnerte ich mich an die lakonische Feststellung eines befreundeten Arztes, dass seine Kollegen nun mal „Kommunikationskrüppel“ seien. Ich begann zu ahnen weswegen, der dauernde Bohrerkrach scheint betäubenden Wirkung auf den Hörnerv auszuüben. Daher diese anästhetischen irreversiben Schäden…Fast hatte ich Mitleid aber nur fast.

Am nächsten Tag schlotterte ich zum Kieferchirurgen, da ich beschlossen hatte, wenn schon denn schon… Wenn schon EX, dann nicht HOPP. Sondern gute Handarbeit von Fachmann. Die Praxis war teuer eingerichtet und man schob mir sofort einen Zuzahlungszettel hin, denn ich dankend und ungelesen wieder zurrückschob. Der Arzt war weißhaarig väterlich mit leicht irrem Ausdruck in den Augen, als er mich darufhin wies, welche verheerenden Folgen die NICHT EX auf meinen Kiefer haben würde. Als er mir dann mit leuchtenden € Zeichen in den Pupillen Implantate vorschlug und ich dankend ablehnte und auf meine finanzielle Impotenz hinweis, hatte er es auf einmal recht eilig mich loszuwerden. Er begann unwillig mit einer rabiaten Untersuchung unter dem beruhigenden Hinweis “ dies ist eine stumpfe Sonde“. Danach hielt er mir noch etwas Eis an den Zahn und da ich nicht schmerzerfüllt aufbrüllte wie erwartet, diagnostizierte er eiskalt “ Nerv abgestorben“… Nachdem er mir in Folge seiner Hektik mehrere Male die stumpfe Sonde gegen den Zahnschmelz noch intakter Zähne geschlagen hatte und sich auch nicht scheute, mir die Mundwinkel mittels seines Spiegels schmerzhaft zu überdehnen, hatte ich eigentlich genug. Mir war klar, dass ich mir von so einem sadistischen Grobian keinen Zahn ziehen lassen würde. Er konnte anscheinend Gedanken lesen und brach unvermittelt ab und ließ mich einfach sitzen. Eiskalt verließ ich seine Praxis nicht ohne ihn insgeheim aufs Übelste zu verwünschen…

Die Gedanken sind frei.