Wo war ich das letzte Mal noch gewesen ? Ach so, bei den langsam verwesenden roten Blutkörperchen, die infolge des Spritzenabszesses von Killerzellen getötet aber noch nicht von Fresszellen gefressen worden waren. Und so habe ich immer noch eine bleibende Erinnerung an meine Notbehandlung ,ein schönes Osterei mit vermutlich gelbem Inhalt. Anscheinend ist es mittlerweile üblich, sich die Betäubung bei Kassenpatienten zu sparen, da man davon ausgeht, dass bei Ihnen ohnehin sämtliche Nerven abgestorben sein dürften. Nur so erklärt sich das Verhalten eines anderen Zahnarztes,der mir vor einem halbem Jahrzehnt ebenfalls von einem anderen Oralophobiker empfohlen worden war. Dieser hatte doch tatsächlich sämtliche Zähne einer Vitalitätsprüfung unterziehen wollen, samt Eisspray und Beklopfen mit dem massiven Teil der Sonde. Ich hatte damals abgelehnt , da mir mein gesunder Menschenverstand gesagt hatte, dass Eisen evtl. eine größere Festigkeit haben könnte als mein Zahnschmelz. Zudem hatte er mir angeboten, standartmäßig eine Fotographie von meiner Mundhöhle zu machen, um später das Gebiss an die natürliche Form angleichen zu können. Ich hatte ebenfalls abgelehnt, da ich damals keine Fotos von meinem Körperinneren wollte. Man kann ja nicht wissen, ob diese nicht doch irgendwann auf facebook gepostet werden.
Nun hatte ich ja dann  doch noch bei meinem Hauszahnarzt einen Termin 6 Wochen nach der Notbehandlung bekommen.
können.
Ich war äußerst pünktlich, so dass mir seine Empfangsdame schon im Flur begegnete. Sie lächelte mich frostig an, indem sie gequält die Mundwinkel nach oben zog bei gleichzeitig geschlossenem Mund. Ich schob dies zunächst darauf, dass sie ebenfalls unter schlechten Zähnen litt.
Erst in der Praxis wurde mir klar, was die Uhr geschlagen hatte.Denn uns erwarteten das fröhliche Brummen und Surren des Bohrers. Anscheinend wurde ein Notfallpatient mir vorgezogen. Dafür hatte ich natürlich vollstes Verständnis und fragte nicht weiter nach. Es erschien mir dennoch ein wenig merkwürdig, dass ich sofort ins Wartezimmer verwiesen wurde, ohne nach meinem Versichertenkärtchen gefragt zu werden.

Da saß ich nun , vor mir ein Plakat, das die Vorteile des praxiseigenen Lasers anpries, mit dem man „nahezu schmerzlos“ Operationen am Zahnfleisch, Wurzelbehandlungen und Bohrungen vornehmen könne. Der Service war anscheinend eher für Privatpatienten gedacht, konnte aber auch gegen eine“ kleine Aufzahlung“von Kassenpatienten in Anspruch genommen werden.
Als die Helferin mit nur notdürftig nach unten geschobenem Mundschutz auf einmal in der Tür stand und mich bat mitzukommen, befürchtete ich schon, auf einmal als Privatpatientin geführt zu werden. Auf meine Frage, ob ich nicht doch das Versichertenkärtchen abgeben solle, wurde ich unwillig von der Empfangsdame durchgewinkt zum „Doktor“. Ich war bestens präpariert und bereit, ihn mit Fragen zu löchern. Er stand direkt hinter der Tür und fragte mich zunächst noch amüsiert, ob ich ihm etwas zeigen wolle. Ich bejahte und nahm auf dem Behandlungsstuhl Platz. Seltsamerweise bekam ich nicht das obligatorische Sabberlätzchen umgebunden. Die schlecht vermummte Helferin war zu sehr damit beschäftigt, mir unbekannt kommende sehr massive Instrumente in die unterste Schublade zu räumen. Der Zahnarzt saß vor mir mit vor der Brust verschränkten Armen, eine Haltung, die Zahnärzte offenbar immer dann einnehmen, wenn sie gezwungenermaßen ihrer Aufklärungspflicht nachkommen. Nur so können sie sich offenbar davon abhalten, gewohnheitsmäßig zum Instrumentenschrank zu greifen.
Ich war etwas aufgeregt, weil ich bislang mit diesem Zahnarzt wenig Worte gewechselt hatte, bis auf „Hallo “ und „Tschüss“ und „Aua“ und was man beim Zahnarzt halt vor, während und nach der Behandlung so sagt. Heute jedoch war er sehr gesprächig. Er zeigte mir sogar sein Gesicht. Ich versuchte an manchen Stellen der Konversation nur auf seine Mimik zu achten. An der Stelle, an der er nach oberflächlicher Betrachtung des Röntgenbildes( das er ebensogut selbst hätte anfertigen lassen können) sagte, das der Zahn  herausmüsse, verzog sich seine Mimik zu einem sadistischen Grinsen. Er erklärte mir, dass er den Zahn nicht selbst ziehen könne, da selbiger ja gebrochen sei und deswegen die Gefahr bestünde, dass die provisorische Auffüllung (Fuji) beim Ziehen abbrechen würde. In diesem Falle müsse das Zahnfleisch zur Seite geklappt und der Knochen freigebohrt und der Zahn herausgefräst werden. Während ich starr vor Schrecken da saß, grinste er sadistisch vor sich hin. In diesem Moment wurde mir klar, dass er mich loswerden wollte und daß dies wahrscheinlich bei seiner Veranlagung wohl auch das beste für beide Seiten sein würde.
Ich erinnerte mich in einer Rückblende daran, wie er mir einmal einen gerade im Durchbruch befindlichen Weisheitszahn geröntgt hatte. Ich hatte damals kaum den Kiefer aufbekommen und er hatte ihn mir mit Gewalt aufgerissen, so dass ich geschrien hatte. Während der letzte Zahnarzt, der mir beide Weisheitszähne hatte ausreissen wollen, die inzwischen beide durchgebrochen waren, über einen Röntgenapparat verfügt hatte, in dessen Schiene man hatte beissen können ohne die Kiefer schmerzvoll zu überdehnen.
Ich erinnerte mich auch daran, wie er an eben jenem Zahn, der nun hinten abgebrochen war, vor drei Jahren zur Wange hin eine Zementplombe ausgewechselt hatte. Seltsamerweise hatte sich das Geschwür jetzt genau unterhalb jener gebildet. Er hatte damals versäumt, auch die Plombe auf der Kaufläche auszuwechseln, unterhalb derer sich die unterminierende Karies gebildet hatte. Und lustigerweise hatte der Notarzt,trotzdem er mir eine Elephantenspritze mit einer dreistündigen Wirkzeit verpasst hatte, vergessen jene Plombe Richtung Wange auszuwechseln. Dass er sie übersehen hatte, hielt ich für so gut wie ausgeschlossen, da er immerhin eine Lupe getragen hatte, was ihn ein wenig wie einen Bergarbeiter hatte aussehen lassen.
Nun machte mir der Sadist vor mir klar, dass ich gefälligst zurrück in die Uniklinik sollte, um mir dort von Studenten den Zahn herausoperieren zu lassen. Ich könne ja eine Chefarztbehandlung beantragen. Ich entgegnete kalt, dass ich dies auch getan habe, es aber nicht mit meinem Gewissen hätte vereinbaren können, dass die Studenten in der Zeit unbeaufsichtigt ihre Menschenversuche durchführten.
Schließlich erinnerte ich mich an meine eigentliche Frage : Ich wollte von ihm wissen, was zum Henker jenes Geschwür eigentlich sei: eine Zyste, eine Aphte, Paradontose, Wurzelentzündung oder ein Abzess? Daraufhin meinte jener Fachmann vor mir, ich rede nur Unsinn und ich sei ja keine Studentin. Er verglich meine Frage mit der Frage, ob ich mit dem Fahrrad, dem Bus, der U Bahn, dem Auto oder der Rakete zur Uniklinik solle ? An diesem Punkt fühlte ich mich irgendwie nicht mehr ernstgenommen. Und als das Männchen dann noch nervös auf seine Armbanduhr sah, sagte ich ihm, dass ich das Gefühl habe, dass es mich loswerden wolle. Diese Vermutung wurde umgehendbestätigt, durch die unfreundliche Empfangsdame, die unvermittelt die Tür aufriss, und ihn auf seinen nächsten Termin hinwies. Da ich meinerseits lange auf meinen Termin hatte warten müssen, ohne zu wissen, dass es der definitive Rauswurftermin werden würde, bestand ich darauf, dass er sich die Schwellung zumindest ansehen solle. Dieser Bitte kam er nach und auch meiner Bitte, doch bitte sehr die Tür zu schließen. Sein abschließender Kommentar war, dass es sich nur um eine harmlose Kariesschwellung handele. Meine Frage, warum er dann die Behandlung ablehne, blieb unbeantwortet. Ich verließ die Praxis nicht ohne im Innersten die wildesten Verwünschungen auszusprechen bis hin zu dem Wunsch, dass die Zähne seiner Patienten auf einmal über Nacht gesund würden und er mal in den Genuss käme, zu erleben, was es bedeutet, eine brotlose Kunst auszuüben und als ALG II Empfänger als Mensch II. Klasse behandelt zu werden.
Wobei ich mich wirklich frage, was Ärzte tun, wenn sie selbst krank werden ? Es gibt doch diesen schönen Film mit William Hurt, indem er als arroganter Chirurg selbst in die Mühlen der Krebsindustrie gerät. Er zieht daraus das Resümee, dass seine Studenten alle Untersuchungen, die sie anderen später antun werden, zunächst über sich selbst ergehen lassen müssen. Dies ist natürlich eine Lösungsmöglichkeit, die sich allerdings nicht auf invasive Behandlungen übertragen lässt. Und so kommt es halt vor, dass die wirklich schlimmen verpfuschten Fälle meist in der Uniklinik landen, anstatt auf der Anklägerbank. Aber dies ist ja auch wiederum äußerst praktisch,aus den Fehlern von ausgebildeten niedergelassenen Kollegen zu lernen. Anstatt Schmerzensgeld zu kassieren, um sich davon eine schmerzlose Luxusbehandlung finanzieren zu können, ist man als Angehöriger der Unterschicht auf die Ambulanz einer Uniklinik angewiesen, diei von reichen Bürgern anscheinend nur zu dem Zweck gestiftet wurde, dass reiche Bürger an armen Mitbürgern zweiter Klasse Experimente vornehmen zu können. Basierend auf den gemachten Erfahrungen eröffnen sie dann später Praxen, in denen sie Unterschichtler weiterhin als Menschen zweiter Klasse behandeln, die dann von der nächsten heranwachsenden Dentistengeneration notbehandelt werden müssen. Wenn sich dann basierend auf deren gemachten Erfahrungen so etwas wie „Angst vor dem Zahnarzt“ entwickeln sollte, so tun sie diese Phobie als nicht iatrogen ab. Dies alles scheint systemimmanenter Wahnsinn und als solcher durchaus gewollt zu sein. Denn wo keine Nachfrage, da auch kein Angebot möglich. Welcher Mensch nimmt denn schon freiwillig das Angebot von operativen Zahnextraktionen, Wurzelbehandlungen und Paradontitisküretagen an ??? Nur jemand, der mit dem Rücken zur Wand steht und der von den niedergelassenen Ärzten entweder aufgegeben wurde, oder sich teuren Zahnersatz nicht leisten kann.
Nächste Woche habe ich einen Termin bei einem Zahnarzt, der eine eigene Fanseite auf facebook hat. Wenn es ihm gelingt, mich von meiner iatrogenen Oralophobie zu heilen, so werde ich dieser Fanseite beitreten.

1 Kommentar on Das Gelbe vom Ei

  1. Andreas E. sagt:

    Lustiger Artikel, Diotima. Selten so gelacht!
    Aber du hast den Nagel sehr schmerzvoll auf den Zahn getroffen.