Zwei Tage später am Tag der erlaubten Blockupy Demo ging ich von Sorge getrieben wieder in den Notdienst. Diesmal teilte man mir mit, dass ich eine Wundinfektion habe und schabte mir mit einem häkelnadelartigen Istrument die Alveolen aus. Da ich erst vor kurzem eine Leitungsanästesie erhalten hatte, beschloss ich die Sache ohne Betäubung durchzustehen, vorallem im Hinblick auf die anhaltenden Taubheitsgefühle im Nachbarzahn. Die Praxis hatte reagiert, wie ich es erwartet hatte. Man teilte mir mit, dass gehebelt worden sei und Taubheitsgefühle daher nicht ungewöhnlich. Ich solle Montags wieder anrufen. Da lag ich nun , und versuchte möglichst leise zu stöhnen, wenn die Nadel mal wieder in der Tiefe meines Kiefers verschwand. Nach fünf Minuten war die Tortur zu Ende und die offene Wunde wurde mit einer zweifachen Lösung ausgespült und ein Jodstreifen in die Wunde gelegt. Ich hatte vor der Procedur um Vaseline gebeten, da mein Mundwinkel noch von der Extraktion eingerissen war. Ein schüchterner Medizinstudent reichte mir etwas von dem glitschigen Zeug, das ich großzügig verteilte . Nun wurde derselbe etwas tapsige Student, der während der Ausschabung im Hintergrund den Schrank aufgeräumt hatte, von den beiden Frauen dazu verdonnert eine Schere zum Abschneiden zu bringen, da es sich herausstellte, dass der Streifen zu lang war. Er legte die Schere versehentlich in die Pfütze mit Vaseline, was die Situation etwas auflockerte. Bei der Lösung handelte es sich um eine Mischung aus zwei Antiseptika, außerdem verschrieb man mir Antibiotika. Ich entnahm all dem, dass ich anscheinend genau das Krankheitsbild durch den Eingriff bekommen hatte, dessen Prophylaxe der Eingriff angeblich gedient hatte : eine Sepsis.
In der darauffolgenden Woche ging ich alle zwei Tage in die Poliklinik zum Streifenwechsel. Man schickte mich in die chirurgische Abteilung, wo man mir natürlich nach Abklingen der Infektion zu einer Implantation riet. Schnell wurde mir klar, dass ich mir die 2000 € nicht würde leisten können, vorallem da man sie in Raten á 500 € abstottern müsste. Außerdem wäre es nicht möglich direkt eine Titanschraube in die Alveole einzudrehen, da ich eine Wundinfektion gehabt hatte. Und so wäre ich gezwungen, auf das Zuheilen zu warten nur um hinterher wieder alles aufschneiden zu lassen. Ich lehnte dankend ab. So überwies man mich an die Abteilung für Prothetik, die mich wieder zur Erstuntersuchung schickte. Der etwas schnippische Arzt, der mir eine Wurzelbehandlung verweigert hatte, grüßte mich übertrieben freundlich und brachte hinter dem Paravent neben mir eine Behandlung zu Ende, deren Ablauf ich von der Notbehandlung kannte. Erst durch die Anamnese einer Studentin im Staatsexamen hatte ich Anfang der Woche erfahren, dass in meiner Akte stand, dass diese Notärztin eine Wurzelbehandlung angefangen habe, ohne mich darüber aufzuklären. Nun saß ich da wie auf rohen Eiern und war begierig den Arzt zu fragen, ob er jetzt zufrieden sei, wo ich meinen ersten Zahn verloren habe? Aber nach der Behandlung hatte er es auf einmal sehr eilig den Raum zu verlassen. Ich hörte ihn nur zu den Helferinnen sagen „Das ist ja wohl die reinste Schickane“…und diese sagten mehrmals “ wir können einen Patienten nicht einfach wegschicken.“ Und so kümmerte sich sein Kollege um mich. Dieser untersuchte meine Wunde mit einer Behutsamkeit, die wie Balsam auf meine Nerven wirkte und erklärte mir das Procedere einer Brücke. Dafür müssten die Nachbarzähne abgeschliffen werden, was eigentlich schade sei. Ich sagte, dass ich mir nur ein Kassenmodell aus einer Metallegierung leisten könne. Ich wusste ja, dass Keramik nur gut aussieht, aber den Schmelz beschädigt, außerdem hatte ich im Nachbarzahn eh ein Fremdkörpergefühl,das mich schon einmal das Gefühl der Überbrückung vorbereitete. Es war nur klar, dass man mit einer Brücke keine Kieferkorrektur würde vornehmen können.
Und so habe ich beschlossen, Mut zur Lücke zu haben. Die kieferorthopädische Abteilung teilte mir mit, dass eine Kieferkorrektur nur bei einer OP bezuschusst werde. Also bleibt mir nur ein Weg : ich brauche einen nach Tarif bezahlten Job, um mir die Spange leisten zu können. Ansonsten muss ich für den Rest meines Lebens mit einer Aufbisschiene schlafen,was nicht sehr romantisch sein dürfte. Aber das kann mir auch nach einer Kieferkorrektur drohen.
Dafür müsste ich den zweiten Bildungsweg und das Abi aufgeben. Ich brauche also entweder Mut zur Zahnlücke oder Mut zur Bildungslücke. Zu rrwarten dass sich eine dieser beiden Lücken von selber schließt, wäre mehr als pubertär. Entweder Arbeiten oder Studieren, wenn man beides versucht, bleibt etwas davon auf der Strecke. Ich verstehe nun, warum man nach einem Studium auf Teufel komm raus Geld verdienen muss, irgendwie muss man das Bafög wieder zurrückzahlen. Es ist nur tragisch, wenn es in gewissen Berufen zu Kunstfehlern kommt, aber diese sind unvermeidlich in Berufen, die nur Strebern zugänglich sind, da muss man halt fürs Kurzzeitgedächtnis büffeln. Und diese Leute, die kaum der Pubertät entwachsen sind, werden dann auf die Menschheit losgelassen. Macht aber auch nix, denn gegen diese bildungsbürgerliche Elite hat man eh keine Chance. Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus. In dem Land, das den Todesengel von Auschwitz nach Südamerika eskortiert hat, haben gewisse Berufsgruppen absolute Narrenfreiheit.
Da ich inzwischen aufgegeben habe, gehe ich jetzt in die wohlverdiente Sommerpause. Fürs erste kann ich keine weißen Raben mehr sehen.