Es ist ein wenig schwierig mit griechischen Legenden. In der Wirtschaft wird gesagt, daß ein Staat sich kaputtsparen soll, wenn er wieder gesunden will. Obwohl mir persönlich neu ist, daß ich einen sterbenskranken Patienten zu Tode hungern lassen muß, um sein Leben zu retten. Der legendäre Asklepios hätte über eine solche Unverfrorenheit dem Kranken gegenüber wohl auch zum Schwert gegriffen und sein Skalpel links liegen lassen.

Doch Asklepios war der Legende nach nicht nur ein wunderbarer Heiler, er war auch auf Organverpflanzungen nicht angewiesen. Er heilte mit einfachen Mitteln selbst die schlimmsten Krankheiten. Darunter auch welche, von der die heutige Medizin vergessen hat, daß es sie einmal gegeben hat.

Doch bleiben wir erst einmal in der Gegenwart. Fakt ist, unser Bundesgesundheitsminister Bahr ist ein selten dummer Hund, daß er eigentlich jeden Tag vor Schmerzen schreien müßte. Niemand hat etwas gegen Organspenden. Nur keiner möchte Organe spenden, solange er noch lebt! Und bei der schreiend ungerechten deutschen medizinischen Rechtssprechung dürfte dies auch kein Wunder sein. Als Bundespolitiker sollte ich mir eines gewiß sein: Nicht das arme Volk hat ein Problem damit, Organe zu spenden, sondern jene, die sich mit einem Fingerschnipp ein neues Organ einfach kaufen können.

Ja, Organhandel wird global als Verbrechen behandelt, dennoch findet er statt. Man muß hierzu nur einmal an die Organkliniken nach Australien oder Canada schauen. Doch so viel Weitsicht besitzt ein Minister Bahr nicht. Ihm geht es darum, die deutsche Organverpflanzungschirurgie im internationalen Wettbewerb zu halten. Da ist es dann völlig irrelevant, wenn Hartzer in diesem Land verhungern, und dann vom Bundesgesundheitsminister zu hören kriegen: „Wenn sie nicht mehr hungern wollen, spenden sie doch einige Organe!“ Der logische Zusammenhang erschließt sich mir hier nicht. Aber Minister Bahr geht wohl eher davon aus, daß die Organe eines Hartzers deutlich gesünder sind, als die eines schwer arbeitenden Menschen (worunter Politiker eindeutig nicht fallen).

So wie sich Asklepios der Legende nach eines Kapitalverbrechens schuldig machte, in dem er Todgeweihte das Leben rettete – und sich dafür gut bezahlen ließ – macht die moderne Medizin den gleichen Fehler. Wenn ich ein neues Organ möchte, muß ich sehr viel Kleingeld haben. Dann wird mir sogar eines aus den USA eingeflogen, welches vorher durch die Organmafia bei einem armen Schwarzamerikaner aus den Slums gestohlen wurde. Aber Chirurg und Zwischenhändler lassen sich den Spaß gut bezahlen. Immerhin beträgt die Strafe, wenn ich mit einem gestohlenen Organ erwischt werde, gerade einmal € 50.000! Im Maximalstfall.

Warum muß man überhaupt mit Organverpflanzungen Leben retten? Und dann noch das Leben der falschen Leute? Kann ich nicht einfach es so sehen, wie es Sache ist? In einer neoliberal eingestellten Welt hat das einfache Individuum nur die Alternative zwischen Friß oder Stirb. Und nicht zwischen Friß oder werd ausgeschlachtet!

Wenn jeder für sich Selbst verantwortlich zeichnet, bedeutet dies auch, daß er mit seinen Organen dementsprechend pfleglich umzugehen verpflichtet ist. Also kein Alkohol, kein Fett, kein Sex, kein Gemüse! Dann wird man hundert Jahre und mehr alt. Doch verhalten sich die Leute nicht danach. Es gab schon einen leichten Aufstand, als das Rauchen in Kneipen und öffentlichen Räumen verboten wurde. Dies nannte die Politik dann Nichtraucherschutzgesetz. Und dies, obwohl es der Kneipenwirtschaft entsprechend schadete. Interessierte dies die Politik? Natürlich nicht.

In was für einem Land wären wir, würde die Politik sich selbst gegenüber verantwortlich handeln? Sozialgeld und Hartz IV wären doppelt so hoch, plus Miete und Krankenkasse. Die Parteien jeglicher Ausrichtung würden chronisch vom Verfassungsschutz überwacht und jeder Verstoß, und wenn es nur unlautere Verwendung von Spendengeldern wären, würde sofort geahndet.

Doch was passiert in diesem Land? Die Politik hetzt die Krankenkassen gegen ihre Mitglieder auf, weil schlicht zu wenig Spenderorgane vorhanden sind. Und warum sind zu wenige Spenderorgane vorhanden? Weil die Politiker nicht mit gutem Beispiel voran gehen. Wenn ich schon die medizinische Ausschlachtung der Armen forcieren und in Gang bringen möchte, muß ich als ernstzunehmender Politiker mit gutem Beispiel voran gehen und noch zu Lebenszeit mindestens einen Lungenflügel und das Herz gespendet haben. Aber nicht von Anderen verlangen, zu dem ich nicht selbst bereit bin. So etwas nenne ich Heuchelei.

Deshalb kann man an dieser Stelle vom Fluch des Asklepios sprechen. Nachdem Zeus ihn mit einem Blitz vernichtete, nahm Apollon, der Vater des wunderbaren Mediziners, grausame Rache an jenen, die für Zeus die Blitze schmiedeten. Apollon, um kein Verbrechen verlegen, brachte alle Zyklopen um und wurde dafür äußest milde bestraft.

Wenn ich mir also die Worte eines Bundesministers Bahr durch den Kopf gehen lasse, so rechne ich wirklich jeden Tag damit, daß er beginnt, die Menschen abschlachten zu lassen, die er als Abschaum der Gesellschaft ansieht. Ich finde, ein Land wie China hat keinerlei Organengpässe. Wenn ein zum Tode Verurteilter wirklich massiv Mist gebaut hat, werden ihm nach seinem Tod sämtliche Organe entnommen und der Medizin zur Verfügung gestellt. Sein Gehirn landet in einem Einweckglas. Merkwürdigerweise beschwert sich die Bundesrepublik nicht gegen die chinesische Methode, sich frische Organe zu verschaffen.

Doch hier in diesem Land hat man von neoliberaler, schon fast faschistisch zu nennender, Seite kein Problem damit, den einfachen Bürger zur Organspende regelrecht zu drängen. In China würden solche Politiker ausgeweidet werden. Und zwar bis auf das letzte verwertbare Organ. Hier in diesem Land dürfen diese Spinner einfach so weiter machen wie bisher.

Der Fluch des Asklepios betrifft übrigens all diejenigen, die mit Organverpflanzungen Leben retten wollen. Sterben muß alles, was lebt. Dies scheint in den Geistern der deutschen Mediziner immer noch nicht angekommen zu sein. Man darf nicht jedes Leben retten. Man darf nur jene retten, die es Wert sind. Und dies sind nun einmal die Armen, die schon unter den Zuzahlungen zu ihren Medikamenten, zur Eintrittsgebühr in die Arztpraxen, keuchen. Interessiert dies die Politik? Mitnichten.

Und dann wird man noch aufgefordert, doch bitte seine Organe zu spenden. Nach Möglichkeit noch Lebendspende, wobei noch nicht einmal unter Medizinern klar ist, ob es den Gehirntod eigentlich gibt, wenn die Organe nicht mehr laufen. Was ist dann also wirklich tot? Ich meine so tot, daß man gefahrlos die Organe entnehmen kann? Solange die Wahrscheinlichkeit besteht, daß das Hirn noch arbeitet, sollte man es tunlichst unterlassen, einen Menschen auszuweiden. Doch in diesem Land wird dies in Krankenhäusern immer öfter beobachtet. Da wird jemand für hirntot erklärt, obwohl seine Chance, wieder aus dem Zwischenreich zwischen Leben und Tod zurückzukommen, immens hoch ist, hätte er die richtige medizinische Betreuung.

Im Klartext bedeutet die Äußerung zu diesem Thema von Minister Bahr nur eines: Die medizinische Betreuung in diesem Land ist, zumindest solange es die Krankenhäuser betrifft, unter aller Sau. Wir erreichen nicht einmal die von der WHO vorgeschriebenen Mindeststandards. Was dies für die deutsche Medizin bedeutet, dürfte klar sein: Es werden dringend Organe gebraucht. Anstatt jene der Politiker zu nehmen, um den Flurschaden doppelt gering zu halten.

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