Jeder Hausbesitzer kennt sie! Jeder Hausbesitzer keucht darüber. Über die standardisierte hessische Baumständeverordnung. An für sich ein sinnvoller politisch motivierter Akt, bei dessen Ausformulierung hin und wieder die eine oder andere Partei weit über die herkömmlichen Stränge zieht. In der Allgemeinen hessischen Baumständeverordnung ist festgehalten, bis zu welcher Größe ein Baum beispielsweise noch in der Nähe einer Straße stehen darf. Also der Baumdurchmesser, die vermutete Wurzeltiefe, Baumart, etc. sind wichtige Bestandteile dieser Regelung. Zusätzlich ist noch entscheidend, wie weit nun besagter Baum von der Straße entfernt steht. So der normale Tenor.

Kritisch wird es aber dann, wenn man beispielsweise eine Streuobstwiese geerbt hat, sie aber allein schon wegen ihrer Hanglage nicht einmal vernünftig mähen kann (und kaum ein Mittdreißiger kann mit einer Sense richtig umgehen, man benutzt lieber dafür die benzingetriebenen Rasenmäher). Nur oft ist die Hanglage so, daß man mit einem solchen Maschinchen nicht zum Zuge kommt. Den Nachbar, der mit einer Sense umgehen kann, möchte man andererseits auch nicht für diese Arbeit bezahlen. Ob aus Stolz oder was auch immer, ich weiß es nicht!

Jedenfalls gibt es da in der hessischen Baumständeverordnung eindeutige Passi darüber, wie eine Sache, sofern sie Bäume betrifft, zu handhaben ist. Manche Gemeinden machen es sich nun einfach, und weisen kurzerhand solche Streuobstwiesen als neue Baugründe aus. Obwohl schon einmal die Hanglage so ist, daß es nahezu unmöglich ist, dort vernünftig ein Haus hinzustellen. Entweder wird es krumm und schief, oder es ist nicht richtig hanglagig gebaut. [Hier muß ich sagen, die darmstädter Architekten sind bei dieser Art von Bauanlage sichtlich überfordert. Und dies nicht nur bei den statischen Berechnungen, damit ihr gezeichnetes Wunderwerk hinterher auch stehen bleibt.]

Was das Baurecht mit der Baumständeverordnung zu tun hat? Dies ist ganz einfach. Immerhin betrifft dieser ausgelebte Schwachsinn nicht nur Hanglagen, sondern auch Alleen von Land- und Bundesstraßen. Diese Bäume werden seit Neuestem von der Landesumwelt- und Naturschutzbehörde als Gefährdung des Straßenverkehrs angesehen. Vor 30 Jahren war es so, daß man froh war, die Alleen als Autowrackfänger zu haben. Nun sind eben diese Autowrackfänger eine Gefährdung des öffentlichen Verkehrs – und in den meisten Gemeinden funkeln schon wieder die Augen, weil das Schnittholz, welches bei gerade gewachsenen Alleebäumen anfällt, die Gemeindekassen klingeln lassen wird.

Nur ist eben laut Baumständeverordnung es untersagt, Alleen ab einem bestimmten Alter einfach abzufällen. Die hessischen Gemeinden haben deshalb eine Notlösung gefunden. Baumbefall durch einen ganz schlimmen, alles verwüstenden Holzbock. Auch wenn dieser Käfer noch kein einziges Mal auf einem Alleebaum gesichtet wurde, wird zur Sicherheit, damit dieser Käfer keinen Schaden anrichtet, schon einmal präventiv die komplette Allee gefällt. Oder die Streuobstwiese.

Gemeinde und Grundbesitzer machen dann meist bei den Einnahmen durch den Verkauf dieses Schnittholzes halbe-halbe. Nein, keine Phantasie, sondern leider hessisches Faktum. Mittlerweile liegen der Redaktion mehrere Aussagen von merkwürdigen, ungenehmigten Baumfälligen vor, bei denen größere Mengen Schnittholzes abtransportiert wurden. Oftmals reichte es bei dem Grundbesitzer für einen neuen Privatwagen – der dann als Geschäftswagen angemeldet wurde. [Auch darüber haben wir Beweise gesichtet.]

Doch die hessische Baumständeverordnung besitzt noch einen weiteren Passus, der sehr oft auch von Gemeinden ignoriert wird: Pro geschlagenen Baum ist man als Grundbesitzer verpflichtet, einen jungen nachzupflanzen. Was soviel heißt, sofern kein zwingender Grund dagegen spricht, auf dem Gelände wieder Bäume anzupflanzen, ist man als Besitzer verpflichtet, wieder einen Baum an die gleiche Stelle zu setzen, wo man vorher einen Baum wegnahm! An für sich ganz sinnvoll und auch voll im Sinne der Grünen in diesem Bundesland.

Merkwürdigerweise sind es aber ausgerechnet in den kleinen Gemeinden die Grünen, die derzeit Fällungen von Alleen befürworten, aber dann mit dem Sicherheitshinweis, daß die Bäume den Autoverkehr gefährden würden, eine Neuanpflanzung nicht befürworten. [Dies durften wir in einigen Gemeinden in deren Gemeinderatssitzungen beobachten.]

Die hessische Baumständeverordnung wird im Normalfall von den einzelnen Gemeinden schlicht ignoriert, oder mit eigenen Regelungen unterlaufen. Anstatt daß wir mehr Bäume bekämen, werden es immer weniger auf öffentlichen Grund. Aber nicht nur dort. Steht ein Grundbesitzer auf gutem Fuß mit dem Rathaus, kann er einfach auf seinem Gelände einen großen, alten Baum abfällen lassen, und muß nicht neupflanzen. Hier greifen dann Sonderregelungen, Sondergenehmigungen und vieles andere.

In einigen Bergstraßendörfern gibt es sogenannte natürliche Formationen. Diese werden durch Waldbestand gesichert. Wenn sich aber nun die Gemeinden dazu entschließen, die teilweise verwildeterten Wälder wieder zu entwildern, dann kann es sein, daß solche natürliche Formationen verloren gehen. Und dies nur, weil bei einem Tennisplatz sich die Besucher von den gelegentlichen Nadeln der Bäume über der Formation gestört fühlen. [Der Dschungeltelegraph brachte hierzu erst vor kurzem wieder etwas.]

Aber kehren wir noch einmal kurz zur Baumständeverordnung zurück. Folgt man dem Gesetzestext wortwörtlich, besagt er eindeutig, daß für jeden Meter Schlagholz ein neuer Baum gepflanzt werden muß. Möglichst von der gleichen Art wie der gefällte, ansonsten aber eine verträgliche Art. Gleichzeitig besagt dieser Text auch, daß ein Baum erst ab einer Mindesthöhe geschlagen werden darf. Nun wird entscheidend, wie weit dieser Baum von der nächsten Straße entfernt steht. Im beigefügten Text wird darauf Bezug genommen, ob es sich um eine Kreis-, Land-, oder Kategorie A oder B-Straße handelt. Je nach Gewichtung der Straßenwichtigkeit entscheidet sich nämlich, ob überhaupt mit Motorsäge und Spitzhacke auf einen Baum losgegangen werden darf. Ist die Straßenwichtigkeit gering, und der Baum steht auf stabilen Grund, darf der Baum EINDEUTIG nicht geschlagen werden. Ist der Grund instabil, oder die Wurzel zu flach ausgeprägt, darf er nur dann geschlagen werden, wenn durch sein Umfallen, eine Verkehrsgefährdung wahrscheinlich wäre.

In diesem Tenor geht es in der Baumständeverordnung weiter. Jeder einzelne, wichtige Fall wird aufgelistet und so weit beschrieben. Also selbst der dümmste Kommunalpolitiker sollte daraus ableiten, daß jene Bäume, die nicht in irgendeine zu prüfende Kategorie fallen, nicht einfach so zu fällen sind, sondern daß hier doppelt und dreifach geprüft werden muß. Die Gemeinden sind nun so schlau und bringen für solche Fälle immer ein geologisches Gutachten mit, um sicherzustellen, daß die Bäume, die sie des Geldes wegen Fällen lassen möchten, auch wirklich gefällt werden können. [Wurde von uns nicht nur in einer Gemeinde, sondern in Vielen beobachtet.]

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