Man soll ja den Tag nicht vor dem Abend loben, aber das IW veröffentlichte vor Kurzem interessante Zahlen. Nach diesen Zahlen ist der Preis für ein Bier gar nicht gestiegen. Also habe ich mir nur eingebildet, daß eine einzelne Flasche ihren Preis von DM 0,95 (ohne Pfand) auf € 1,05 (gleichfalls ohne Pfand) anhob? Als ob dies jedoch alles wäre. [Und hier ist eindeutig nicht die Sprache von diesen Billigbieren wie den Karlsberg-Marken.]

Doch gehen wir doch einmal dieser gar nicht statt gefundenen Preisveränderung ein wenig auf den Grund. Ich bin sicher, mitlesende Internettrolle beherrschen ebenfalls die Mathematik. Ansonsten ist ihnen angeraten, vor dem Break nicht mehr weiterzulesen, falls sie sich nicht erneut der Lächerlichkeit Preis geben wollen. Es ist nämlich so, daß hierbei deutlich entscheidend ist, wer was wie berechnet, und wie gut die Mathematikkenntnisse im Allgemeinen sind.

Zuerst einmal die Aussage des IW, daß rein faktisch ein Bier billiger geworden sei. Vor zwanzig Jahren arbeitete man für eine Flasche Bölkstoff angeblich bereits 3 Minuten. Heute, im Jahr 2012, soll es noch der gleiche Zeitfaktor sein. Hierbei sollte jedoch nicht vergessen werden, daß das IW ein Institut der Wirtschaft ist. Also nicht von intelligenten Menschen betrieben wird.

Es mag sein, daß man heute, im Gegensatz zu vor 20 Jahren nun 3 Minuten für eine Flasche Bier arbeiten muß, wogegen man in der Vergangenheit deutlich weniger hatte schuften müssen. Es läßt sich ganz einfach errechnen. Man darf nämlich nicht vergessen, daß heute nicht nur 3 Minuten, also eine volle Minute mehr, gearbeitet werden muß, um das Bier zu bezahlen, sondern auch, daß die Produktivität entsprechend hoch gegangen ist. Einfach ausgedrückt: Ich muß nicht nur eine volle Minute mehr für meine Flasche Bier arbeiten, ich stelle in diesem Zeitraum entsprechend mehr her, als dies vorher der Fall war. Mein Chef verdient also gleich doppelt an mir, ja die gesamte Wirtschaft tut dies. Nicht nur der Spirituosenhändler an der Ecke bei dem ich mein Bier hole!

Heute muß ich am Fließband in 3 Minuten die Arbeit abliefern, für die ich vor 20 Jahren noch 7 bis 9 Minuten Zeit hatte. Da die Produktivität in der halbmaschinellen Fertigung gestiegen ist, heißt dies also im Klartext: Meine Flasche Bier ist im Vergleich zu vor 20 Jahren deutlich teurer geworden. Vergleiche ich es mit meiner Arbeitszeit, so habe ich früher in 2 Minuten eine Flasche Bier verdient. Heute habe ich in diesem Zeitraum nicht 2/3 einer Bierflasche verdient, sondern nur 1/5.

Rechnet man also Produktionskapazitäten, Produktivitäten pro Standplatz am Fließband, mit der Preissteigerung des T€Uro auf, und nimmt davon den normalen Stundenlohn weg, bleibt am Ende der Reingewinn des Unternehmers stehen. Und jener ist durch die gesteigerte Produktivität ganz gewaltig gewachsen, während mein Stundenlohn sich kaum vom Fleck gerührt, ja sogar gesunken ist. Um es also einfach auszudrücken: Das IW kann mir sehr oft und gerne erzählen, meine Flasche Bier sei nicht teurer geworden. Rein faktisch mag dies auch so weit zutreffen (sofern man sich auf Pfandflaschen bezieht), jedoch in der Sicht der Dinge hat mein Bier den Preis verdoppelt, während sich mein Lohn beinahe halbierte. Die Flasche Bier ist für mich also nicht gleichteuer wie vor 20 Jahren, sondern deutlich teurer geworden. Um mindestens 1/3., im Maximalfall um volle 50%!

Früher erarbeitete ich durch einen Arbeitszyklus am Fließband (damals 7 Minuten für einen Produktionsschritt) 3 Flaschen Bier im Durchschnitt. Wenn ich ein wenig langsamer war, bekam ich genau 3 Flaschen Bier heraus. Doch durch die gesteigerte Produktivität  – und die Verkürzung der Zeit für einen Produktionsschritt auf 5 Minuten – verdiene ich nur noch 2 Flaschen Bier in einem Arbeitszyklus!

Man sieht also, schon auf den Produktionsschritt angewendet, verdiene ich weniger. Der Bierpreis blieb aber so weit stabil – also verdiene ich effektiv weniger als ich noch vor 20 Jahren verdient habe. Und hierbei ist es unerheblich, ob ich nun in 3 Minuten das Geld für eine Flasche Bier zusammen habe, oder wie früher in 2 Minuten! Weil nämlich nicht die minütliche Schöpfungszeit entscheidend ist, sondern der Gegenwert. Ich habe also in den vergangenen 20 Jahren einen effektiven Kaufkraftverlust von gut 50% zu verzeichnen, wahrscheinlich sogar eher mehr. Und dies, obwohl in unserem Land sich gerade einmal keine Inflation austobt.- Oder die Bundesschulden so immens sind, daß die Firmen das Lohngleichgewicht nach unten nivellieren müssen.

Nein, Deutschland ist nach wie vor Exportnation. Gleichzeitig geht die Produktivität an den Fließbändern rauf, während die Bezahlung in den Keller geht. Ich verdiene weniger, muß aber in einer kürzeren Frist mehr Stücke / mehr Handgriffe erledigt haben. Demnach ist mein Bier nicht nur teurer, sondern auch unrentabler für mich geworden. Ich kann also nicht mehr sagen: „Ich verdiene 2 Kästen Bier in der Stunde.“ Rein mathematisch, nach der Auslegung des IW tue ich dies weiterhin. Doch rein faktisch tue ich dies nicht mehr. Einmal der gestiegene Bierpreis, zum anderen meine erzwungene, gesteigerte Produktivität. Ich verdiene also nur noch 1 Kasten Bier in der Stunde dadurch. Und nicht mehr den Wert, den mir das IW hier zu verkaufen sucht.

Wenn man davon absieht, daß deutsches Bier sowieso in den vergangenen Jahren immer schlechter wird, ist es auch nicht weiter schlimm, daß ich mir durch meiner Hände Arbeit keines mehr leisten kann. Im Gegenteil, dies wäre sogar meiner Gesundheit zuträglich. Daß das IW das Bier als Meßlatte genommen hat, um dem deutschen Arbeiter klar zu machen, daß er heute, trotz gekürztem Lohn, mehr verdient, als er noch vor 20 Jahren verdient hat, obwohl er eine deutliche Lohnabsenkung durchgemacht hat, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Man fühlt sich an George Orwell und das Ministerium für Wahrheit erinnert!

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